Wort des Jahres 2003: „Das alte Europa“

Glosse zum Wort des Jahres 2003 von Dr. Jochen A. Bär, Herausgeber des Titels „‚Von aufmüpfig bis Teuro‘ – Die ‚Wörter der Jahre‘ 1971-2002“ aus der Reihe „Thema Deutsch“.

Wer auf den Reformstreit, die Agenda 2010 oder das Mautdesaster gesetzt hatte, sah sich getäuscht: Die Gesellschaft für deutsche Sprache dachte in weltpolitischen Dimensionen und thematisierte mit ihrer Wort-Wahl 2003 eine neue Qualität der transatlantischen Beziehungen: amerikanischen Frust über europäisches Selbstbewusstsein.

„Amerika, du hast es besser / Als unser Continent, das alte“, dichtete Goethe bereits 1827. Das „alte Europa“ wird dabei dem „neuen Amerika“, die „alte“ der „neuen Welt“ gegenübergestellt. Ganz anders meinte es US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, als er im Januar 2003 seinem Ärger darüber Luft machte, dass sich Deutschland und Frankreich konsequent weigerten, dem von den USA geplanten Präventivschlag gegen den „Schurkenstaat“ Irak zuzustimmen. Es gebe ein „Problem“ mit den beiden Verbündeten, so Rumsfeld, und: Sie seien Vertreter des eigenwilligen „alten Europa“, während kriegsbereite Länder wie Spanien und Polen aus seiner Sicht das „neue Europa“ (will sagen: das amerikatreue) repräsentierten.

Der Protest kam prompt. Nicht die Tatsache, dass man als altersschwach geschmäht worden sei, wecke Widerspruch, schrieb die FAZ (24.1.2003), sondern dass die Amerikaner in der Kriegsunwilligkeit nur Starrsinn sähen: „Das ‚alte Europa‘ besteht aus den Erfahrungen unzähliger Generationen, die ohne Ausnahme Erfahrungen des Krieges gewesen sind.“ Dementsprechend hielt es die Vizepräsidentin des deutschen Bundestages Antje Vollmer für möglich, dass der Ausdruck das alte Europa „eines Tages der Inbegriff einer neuen Identität von internationaler Verantwortung werden“ könnte (Tagesspiegel, 26. 1. 2003).

Wie bereits 1990 (die neuen Bundesländer) und 2001 (der 11. September) wurde eine Substantivgruppe, bestehend aus einem Substantiv mit bestimmtem Artikel und einfachem Adjektivattribut zu dem „Wort des Jahres“ gekürt. Dies war nur möglich, indem man einen weit gefassten Wortbegriff zugrunde legte, nach dem auch eine aus mehreren Einzelwörtern bestehende sprachliche Äußerung Wort genannt werden kann. Dieser Begriff ist sogar der ursprüngliche, denn einzelne Wörter voneinander unterscheiden zu können, setzt grammatisches Bewusstsein und dieses wiederum die Erfindung der Schrift voraus. In vorschriftlicher Zeit hingegen hörte man nur zusammenhängende Worte, wie heute noch in bestimmten Redewendungen (ein klares Wort sprechen, jemandem sein Wort geben usw.) deutlich wird.

Mit ihrer Wahl brachte also die GfdS nicht nur ein neues Thema der Weltpolitik, sondern auch ein altes Wortverständnis zu Bewusstsein. Sie machte damit klar, dass die moderne Sprache ebenso wenig wie eine neue Weltordnung ohne die historische Dimension auskommt.

Jochen A. Bär