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Duden-Newsletter (19.10.07)

Liebe Leserin, lieber Leser,

in der Kürze liegt die Würze - und manchmal auch die Schwierigkeit. Das gilt unter anderem für die Bildung von Verbformen. Schreib oder schreibe ich jemandem einen Brief? Nascht oder naschst du schon wieder von den Süßigkeiten? Wir nehmen in diesem Newsletter sowohl die 1. als auch anschließend die 2. Person Singular des Indikativs Präsens genauer unter die Lupe und verraten Ihnen, wo Sie sich kurzfassen müssen, wo eine Verkürzung freigestellt ist und wo Sie nichts weglassen dürfen.

Um das Bild zu vervollständigen, haben wir schließlich noch nachgeschlagen, wie es sich mit Verkürzungen der Verbformen in der 1. und 3. Person Plural verhält: Schreien oder schrein wir vor Begeisterung über das Tor, schrieen oder schrien die Zuschauer vor Empörung laut auf?

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen

Ihre
Duden-Sprachberatung

Was Sie schon immer wissen wollten

ich schreibe oder ich schreib

Insbesondere bei Verben ist im heutigen Sprachgebrauch eine deutliche Tendenz zu möglichst kurzen, ökonomischen Formen zu beobachten. Das beginnt schon im Indikativ Präsens. In der ersten Person ist das Endungs-e grundsätzlich fakultativ. In Dialekten und in der Umgangssprache wird dabei auch keine Rücksicht darauf genommen, auf welchen Laut der Stamm des Verbs endet: ich ruf (statt: rufe) dich an; ich komm (statt: komme) gleich. In der Standardsprache wird das Endungs-e vorrangig dann weggelassen, wenn der Verbstamm auf einen Vokal oder auf r, l, n oder m endet: ich droh, ich fahr, ich stell, ich renn, ich komm. Übrigens: Ein solches nicht vorhandenes e wird nicht durch einen Apostroph ersetzt.

Bei Verben auf -eln wird in der Regel das e dieser Silbe weggelassen: ich sammle (statt: sammele), ich wechsle (statt: wechsele) das Geld, ich schummle (statt: schummele) nicht. Das Endungs-e ist in solchen Fällen allerdings obligatorisch. Formen wie ich sammel oder ich wechsel kommen zwar in der Alltagssprache vor, gelten aber als nicht standardsprachlich. Verben auf -ern wie blättern, schlenkern behalten das e dieser Silbe dagegen gewöhnlich bei: ich blättere, ich schlenkere.

Hätten Sie’s gewusst?

du nascht oder du naschst

Der Wegfall des e in der Endung der 2. Person Singular (du) des Indikativs Präsens ist uns heute sowohl in der Umgangssprache als auch in der Standardsprache vertraut: du hörst, du wäschst, du kommst usw. Wohl kaum jemand käme auf die Idee, Formen wie du beweisest oder du entkommest noch zu verwenden. Bei Verben auf -t oder -d bleibt das e allerdings auch heute noch erhalten: du findest, du gestaltest etc. Das gilt jedoch nicht, wenn der Vokal des Verbs wechselt: raten - du rätst, einladen - du lädst ein.
Manchmal kommt man bei der Verkürzung der Verb-Endung in der 2. Person Singular in Versuchung, aus lautlichen Gründen zu viel des Guten zu tun. Das Weglassen des s nach sch in Formen wie „du wäscht”, „du nascht”, „du wischt” ist in der Standardsprache nicht zulässig. Richtig muss es heißen: du wäschst, du naschst, du wischst.

Vorsicht auch bei Verben, deren Stamm auf -t endet. Hier wird das t aus lautlichen Gründen im Schriftbild gern versehentlich unter den Tisch fallen gelassen: Dabei entstehen nicht korrekte Formen wie „du hälst” (halten), „du flichst” (flechten). Richtig sind hier aber nur die Formen du hältst, du flichtst. Lediglich beim Verb bersten wird in der 2. Person Singular die phonetisch vereinfachte Form du birst (statt: birst-st) verwendet: Du birst ja vor Stolz! Zugegebenermaßen handelt es sich hier um eine Verbform, die uns im sprachlichen Alltag so gut wie nie begegnen wird. Aber man kann ja nie wissen …

Für Sie nachgeschlagen

wir, sie schreien / schrein, schrieen / schrien

Das e der Endung -en in der 1. und 3. Person Plural Indikativ des Präsens Aktiv sowie des Konjunktivs I kann nach Vokal oder h wegfallen; dies geschieht vor allem in der Literatur aus vers- und satzrhythmischen Gründen und in der (gesprochenen) Umgangssprache. Nach -ie wird es nicht geschrieben, es fällt also in der 1. und 3. Person Plural Indikativ des Präteritums Aktiv sowie des Konjunktivs II und im Partizip II weg:
wir (sie) schrien (statt: schrieen),
wir (sie) fliehn / flohn / flöhn (statt: fliehen / flohen / flöhen);
wir (sie) knien, schrien.
In diesen Fällen wird kein Apostroph gesetzt.

Aus: Duden 9, Richtiges und gutes Deutsch. Mannheim 2007.

Freitag, 19 Oktober, 2007