Wie kommt ein Wort in den Duden?
Von Karin Rautmann, Dudenredaktion
Ob Sie in Ihrer Freizeit lieber in einem nahegelegenen Spa-Bereich wellnessen, sich als Herausgeber eines Bookazines versuchen oder
am liebsten youtuben: Vermutlich haben Sie sich noch nie Gedanken
darüber gemacht, wohin so viel Trend führt: wahrscheinlich
direkt ins Wörterbuch.
Wir in der Dudenredaktion sind ständig auf der Suche nach neuen Wörtern,
die wir dann bei einer Aktualisierung in ein Wörterbuch aufnehmen. Doch
wie „finden” wir neue Wörter und wie stellen wir sicher,
dass wir keinen der Neulinge übersehen? Wie entscheiden wir, ob Kreationen
wie Webciety, gähnfrei oder ICE-Bypass „wichtig” genug
sind, um in ein Wörterbuch aufgenommen zu werden?
Wortsuche per Computer: das Dudenkorpus
Unser wichtigstes Verfahren besteht darin, dass wir mithilfe von Computerprogrammen
sehr große Mengen an elektronischen Texten daraufhin „durchkämmen”,
ob in ihnen bislang unbekannte Wörter enthalten sind. Treten
sie in einer gewissen Häufung und einer bestimmten Streuung über
die Texte hinweg auf, handelt es sich um Neuaufnahmekandidaten für
unsere Wörterbücher. Unsere Textbasis bildet dabei das
Dudenkorpus, das mittlerweile rund 1,6 Milliarden Wortformen
zählt und sich aus einer Vielzahl aktueller Zeitungs- und Zeitschriftenartikel,
Romane, Reden, Reparatur- und Bastelanleitungen usw. zusammensetzt.
Das Dudenkorpus besteht allerdings nicht nur aus „nackten” Wörtern,
sondern jedes Wort bzw. jede einzelne Wortform ist „annotiert”,
d. h. mit besonderen sprachlichen Informationen angereichert. So können
wir uns über die Abfrage einzelner Wortformen hinaus z. B. auch
die 1 000 häufigsten Verben des Deutschen oder alle femininen Substantive,
die im Plural vorkommen, mit einem Klick anzeigen lassen. Außerdem
wird das Korpus laufend aktualisiert, sodass wir sicher sein können,
dass wir keine neuen Entwicklungen übersehen.
Zusätzlich zur Recherche im Dudenkorpus suchen wir punktuell auch in
anderen elektronischen Quellen nach neuen oder bislang noch nicht verzeichneten
Wörtern. Allen voran ist hier natürlich das Internet zu nennen,
aber auch die Korpora anderer Institute.
Die Fragen unserer Wörterbuchbenutzer(innen): die Duden-Sprachberatung
Über die Duden-Sprachberatung erhalten wir täglich bis zu 200 Anfragen rund um die deutsche Sprache, darunter auch viele Fragen zur Schreibweise und zur Bedeutung von neuen Wörtern oder – was auch vorkommt – von Wörtern, die im Duden vermisst werden. Diese Anfragen werden, sofern sie häufiger auftreten, in einer Datenbank festgehalten. Hier finden sich momentan Begriffe wie androzentrisch, Biologics oder Boys Day. Aber welche der vielen neuen Wörter kommen nun in die nächste Auflage des Dudens?
Die Entscheidung durch die Redakteurinnen und Redakteure
Zunächst gilt: Das Wort muss in dem entsprechenden Wörterbuchtyp
richtig aufgehoben sein, das heißt: Rechtschreiblich schwierige
Wörter (z. B. Grand-Slam-Turnier oder Liveticker)
sind potenzielle Aufnahmekandidaten für den Rechtschreibduden,
erklärungsbedürftige Fremdwörter (wie Cloud-Computing,
Prokrastination oder huggen) für den Fremdwörterduden
usw. Natürlich gibt es zahlreiche Überschneidungen und
Grenzfälle. Dann muss das Wort, über dessen Aufnahme die
Redakteurin oder der Redakteur zu entscheiden hat, in einer gewissen
Häufigkeit auftreten, und zwar über einen längeren
Zeitraum hinweg, am besten über mehrere Jahre. So können
wir etwaige „Eintagsfliegen”, z. B. Clint-Eastwood-affin, oder
individuelle Schöpfungen wie Drei-Häuser-plus-ein-Pub-Ortschaften ausschließen.
Darüber hinaus sollte das infrage stehende Wort in verschiedenen
Textsorten (Zeitschriftenartikeln, Romanen, Fachtexten etc.) vorkommen,
sodass wir davon ausgehen können, dass es wirklich „in
aller Munde” ist und nicht etwa nur von Fachleuten gebraucht
wird.
Nicht immer sprechen Zahlen, Daten und Fakten jedoch eine klare Sprache.
In diesen Fällen sind wir in der Dudenredaktion auf den kollegialen
Austausch untereinander angewiesen und natürlich auf unsere ganz individuelle
Sprachkompetenz.
Und zu guter Letzt: der umgekehrte Weg …
Natürlich finden mit jeder neuen Auflage nicht nur zahlreiche Wörter ihren Weg in den Duden, einige (wenige) fallen nach vielen Jahren oder Jahrzehnten auch wieder heraus. Dabei handelt es sich in der Regel um veraltete Wörter wie beleibzüchtigen oder Selbstwählferndienst. Bevor solche Wörter allerdings aus dem Wörterbuch gestrichen werden, bekommen sie im Laufe der Zeit zunächst einmal die Markierung „veraltend” bzw. „veraltet” oder „früher”, um zu zeigen, dass es die Sache, auf die verwiesen wird, so nicht mehr gibt. Da ja gerade solche nicht alltäglichen Wörter erklärungsbedürftig sind, trennen wir uns von ihnen nur ungern und dokumentieren sie so lang wie möglich. Das führt natürlich unweigerlich dazu, dass der Duden mit jeder Auflage an Umfang zulegt …
Juli 2009


