Aus der Arbeit der Duden-Sprachberatung
Wer sich mit sprachlichen Fragen nicht gern lange herumplagt, weiß sie zu schätzen: die Telefonnummer der Duden-Sprachberatung
Von Carsten Pellengahr, Duden-Sprachberatung
„Von
der Rechtschreibung über die Grammatik bis hin zur Bedeutung und
Herkunft von Wörtern – die Liste der Fragen, von denen uns
täglich bis zu 200 erreichen, ist schier unendlich”, beschreibt
eine Sprachberaterin ihre Aufgabe. „Allen Fragen gemeinsam ist
nur eines: Sie betreffen die deutsche Sprache.”
Die individuelle Beratung in sprachlichen Zweifelsfällen kann im
Hause Duden auf eine lange Tradition zurückblicken. Seit vielen
Jahrzehnten ist man im Dudenverlag bemüht, den Kundinnen und Kunden
spontan bei der Lösung sprachlicher Fragen zu helfen.
Arbeitsalltag der Duden-Sprachberatung: bis zu 200 Anfragen am Tag werden beantwortet.
Die Sprachberatung hilft suchen
Wie schreibt sich das „gelbe Trikot”? – Was
ist ein „Best Ager”? – Wie gliedere ich eine Telefonnummer?
Viele
Anruferinnen und Anrufer nehmen die Hilfe der Sprachberatung in Anspruch,
um sich Informationen zu erschließen, zu denen sie nur
mit größerem Aufwand Zugang hätten.
Ganz oben auf der Liste
der an die Sprachberatung gerichteten Anfragen stehen Fragen zur Rechtschreibung
und Zeichensetzung. Die Schreibweise eines Wortes – gelbes od. Gelbes
Trikot – ist zweifelhaft. Die Herkunft einer
Redewendung, beispielsweise Eulen nach Athen tragen, soll
geklärt werden oder die Bedeutung eines Fremdwortes – wie Best
Ager – ist unklar. Die alltägliche,
in großen Bereichen EDV-gestützte Recherche ermöglicht
den Sprachberaterinnen und
Für Anfragen zu Spezialbereichen steht der Sprachberatung
die umfangreiche Bibliothek der Dudenredaktion zur Verfügung,
in der sich unter anderem historische, etymologische, mundartliche
und umgangssprachliche Wörterbücher sowie Fachwörterbücher
aller möglichen
Sachgebiete befinden. Mit einem gezielten Griff hat die Sprachberaterin
oder der Sprachberater auch hier die notwendigen Angaben schnell
zur Hand.
Sachkundige Unterstützung bietet die Sprachberatung auch
bei der Suche nach nationalen und internationalen Normen im Umgang
mit Texten, wie sie vom Deutschen Institut für Normung (DIN) oder
auch vom Ständigen
Ausschuss für geographische Namen (StAGN) festgesetzt werden. So
werden bei der Gliederung von Telefonnummern heutzutage keine Klammern
mehr verwendet und auch die Unterteilung in Zweierblöcke entfällt.
Die Sprachberatung findet Regeln
Steht vor „sondern” hier ein Komma? – Warum
schreibt man die „Alleinstehenden” zusammen? – Ist
das Auftreten eines bestimmten Menschen „vertrauenerweckend” oder „vertrauenserweckend”?
Im
alltäglichen Umgang mit dem Deutschen trifft man immer wieder
auf Schwierigkeiten, die sich anhand von Nachschlagewerken auf Anhieb
nicht klären lassen. Weshalb das? Der Grund ist, dass nicht für
jeden Einzelfall eine zugeschnittene Antwort formuliert ist. Die Entscheidung
zwischen Groß- und Kleinschreibung (ist die Lieblingsfarbe Gelb oder gelb?),
zwischen stark und schwach gebeugter Adjektivform (was geschah Anfang dieses Jahres
oder diesen Jahres?), zwischen einem Verb im Singular und im
Plural (fehlt oder fehlen Zeit und Geld?) erfordert
fast immer die Anwendung einer allgemein formulierten Regel auf den Einzelfall.
Die Sprachberaterinnen und Sprachberater grenzen zuverlässig die in
Betracht kommenden Regeln ein und überprüfen sie auf ihre Anwendbarkeit.
Ein Beispiel: Die Alleinstehenden werden (im Gegensatz zu den Alleinerziehenden bzw. allein
Erziehenden) immer in einem Wort geschrieben. Das lässt sich darauf
zurückführen, dass das dem Substantiv zugrunde liegende Verb alleinstehen – anders
als allein erziehen – aufgrund seiner übertragenen
Bedeutung zusammengeschrieben werden muss.
Inhaltliche Kriterien spielen für die richtige Schreibweise oft eine
wichtige Rolle. Falls notwendig, erkundigen sich die Beraterinnen und Berater
deshalb nach dem Zusammenhang eines Wortes oder einer Formulierung. Auf Nachfrage
erläutern sie, anhand welcher Regel die korrekte Form gebildet wird
und welche Kriterien im einzelnen Fall zu diesem Ergebnis geführt haben.
Wer hier Bedenken hat, bei Fachwörtern wie „Deklination”, „Assimilation” und „Konjugation” bald
nur noch Bahnhof zu verstehen, wird positiv überrascht: Die Beratenden
berücksichtigen bei ihrer fachlichen Auskunft den Kenntnisstand jeder
Anruferin und jedes Anrufers und werden den unterschiedlichen Bedürfnissen
gerecht.
Hilfe bei Entscheidungsmöglichkeiten und Interpretationsspielräumen
Ist die Formulierung „die Durchsuchung der Kripo” eindeutig? – Ändert
ein Komma den Sinn eines fraglichen Satzes?
Nicht in allen Fällen helfen formulierte Regeln oder Wörterbucheinträge
dabei, sprachliche Eindeutigkeit herzustellen. Zuweilen stehen mehrere
Schreibweisen zur Wahl. Des Öfteren ist das Setzen eines Kommas
möglich, aber nicht notwendig. Manchmal kann ein Komma aber
auch den Sinn eines Satzes entscheidend verändern. Während
ein Satz wie „Meine Kinder, Hans und Ulrike, kommen zu Besuch” bedeutet,
dass wir genau zwei zusätzliche Gedecke brauchen, müssen
wir bei der Version „Meine Kinder, Hans und Ulrike kommen zu
Besuch” mindestens vier Gedecke mehr rechnen. Kein geringer
Unterschied.
Eindeutigkeit ist Trumpf! Wer eine klare Frage stellt, möchte eine
klare Antwort. Doch manche Formulierungen lassen Interpretationsspielräume
offen. „Die Durchsuchung der Kripo” sagt nicht eindeutig, ob
die Kripo durchsucht hat oder durchsucht wurde. Bietet der Text keine näheren
Informationen darüber, wer wen unter die Lupe nimmt, könnten
Formulierungen wie „die Durchsuchung seitens der Kripo”, „... durch
die Kripo” oder „die von der Kripo vorgenommene Durchsuchung” Klarheit
schaffen. Sprachhandlungen können je nach sprachlichem Kontext, nach
Herkunft und Alter der Sprecher ganz unterschiedlich aufgefasst und eingeordnet
werden. Eine große Rolle spielt auch der außersprachliche Kontext
einer Äußerung: Oft lässt erst der Blick auf die Situation,
in der ein Wort fällt oder eine Formulierung gebraucht wird, Rückschlüsse
auf die Intention des „Absenders” zu.
Die Anfragen vieler Ratsuchenden zeigen, dass sprachliche Mehrdeutigkeit
Unbehagen hervorruft und dass auch die Wahlmöglichkeit zwischen mehreren
Schreibweisen häufig nicht als Bereicherung empfunden wird. Ziel der
Sprachberatung ist es, auf unterschiedliche Verständnismöglichkeiten
hinzuweisen, auf Wunsch Empfehlungen auszusprechen und Wege zu sprachlicher
Eindeutigkeit aufzuzeigen. Nachschlagewerke sind bei dieser Aufgabe nur
sekundäres Hilfsmittel der Beratenden. Sie können sich hierbei
in erster Linie auf ihr „Sprachgefühl” – einen großen
aktiven und passiven Wortschatz wie auch Stilsicherheit in den unterschiedlichsten
Situationen – verlassen, um gegebenenfalls alternative Formulierungen
oder Synonyme für missverständliche Ausdrücke anzubieten.
In manchen Fällen muss die Entscheidung zwischen Alternativen in Form
einer Frage an die Anruferin oder den Anrufer zurückgegeben werden.
Niemand anders als er oder sie ist die entscheidende Instanz für den
Inhalt, die sprachliche Absicht und den Adressaten des fraglichen Textes.
Hilfe beim Formulieren von Texten
Wie formuliert man jenen Sachverhalt? – Kann ich in einer
Bewerbung Folgendes schreiben? – Gibt es eine weibliche Entsprechung
zu diesem Ausdruck?
Die sprachliche Erfahrung und Kreativität der studierten
Germanistinnen und Germanisten am Telefon ist gefragt, wenn von den
Anruferinnen und Anrufern Formulierungsvorschläge gewünscht
werden. Ob es sich um die geeignete Form eines Kondolenzschreibens,
die Suche nach einem weiblichen Pendant zu Patriarch, eine
geeignete Alternative zum Unwort Kollateralschaden oder
um ein passendes Bonmot handelt, mit dem man den immer wiederkehrenden
Hänseleien eines Kollegen begegnen möchte: Die Beraterinnen
und Berater stellen ihre im täglichen Umgang mit der deutschen
Sprache erworbene Gewandtheit und Kompetenz in den Dienst der Ratsuchenden
und helfen ihnen, die für das jeweilige Problem beste Lösung
zu finden.
Sicherheit in kurzer Zeit
Ziel jeder Sprachberatung
ist es, den Kunden die gewünschte sprachliche
Sicherheit zu vermitteln. Die Beratung soll Eindeutigkeit herstellen, auf
Alternativen hinweisen und Fehler vermeiden helfen. Dazu bedarf es in vielen
Fällen nur kurzer Zeit: Die durchschnittliche Gesprächsdauer beträgt
weniger als zwei Minuten.
Im Gegenzug erhält die Sprachberatung von den bis zu 200 Anrufenden
täglich eine Fülle von Hinweisen, die unmittelbar in die Arbeit
der Dudenredaktion einfließen. Die Beraterinnen und Berater gewinnen
Einblick in die Schwierigkeiten aller Sprachteilhaber. Sie nehmen Verbesserungs-
und Ergänzungsvorschläge für die Duden-Wörterbücher
oder Anregungen für ganz neue Werke entgegen und sind offen für
Lob wie Kritik.
Alle Hinweise werden dabei direkt im Anschluss an das Gespräch schriftlich
festgehalten und an die zuständigen Redakteure weitergeleitet. Der Dudenband „Richtiges
und gutes Deutsch”, früher unter dem Titel „Hauptschwierigkeiten
der deutschen Sprache” verlegt, ist als sprachpraktisch orientiertes
Nachschlagewerk aus der langjährigen Arbeit der Sprachberatung hervorgegangen.
Die Nachfrage nach telefonischem Rat in sprachlichen Zweifelsfällen
ist Jahrzehnte nach der Einrichtung der Sprachberatung im Hause Duden unvermindert
groß. Über die Hälfte aller Anruferinnen und Anrufer nutzen
das Beratungsangebot zu beruflichen Zwecken. Daneben wird der Sprachberatungsservice
von Menschen aller Altersstufen auch privat genutzt.
Februar 2009
