Wort des Jahres 2020: „Coronapandemie“

Glosse zum Wort des Jahres 2020 von Prof. Dr. Jochen A. Bär, Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Vechta und Hauptvorstand der Gesellschaft für deutsche Sprache e. V.

Ende 2019 war im chinesischen Wuhan das Virus SARS-CoV-2 entdeckt worden. Das fachsprachliche Kurzwort bedeutet Severe Acute Respiratory Syndrome Corona-Virus 2, zu deutsch „Schweres akutes Atemnotsyndrom“-Coronavirus 2. Der Erreger kann die lebensgefährliche Atemwegserkrankung COVID-19 (Corona virus disease-19 ›Coronavirus-Erkrankung 19‹) verursachen. Rasch wurde aus der Epidemie eine Pandemie (zusammengesetzt aus griechisch pan ›all, ganz gesamt‹ und demos ›Volk‹), die bis Ende November 2020 zu weltweit fast 1,5 Millionen Todesfällen führte. Wirtschaft, Kultur und auch das private Leben wurden tiefgreifend beeinträchtigt. Als Wort des Jahres steht Corona-Pandemie jedoch nicht nur für die nach Ein­schätzung der Bundeskanzlerin ebenso wie vieler Fachleute schwerste Krise seit dem 2. Weltkrieg, sondern sprachlich auch für eine Vielzahl neuer Wortbildungen (Coronakrise, -zahlen, -verordnung, Coro­na-Hotspot, -Warn-App, coronabedingt, -geplagt, -negativ/-positiv ...).

Häufig zu lesen und zu hören ist die einfache Form Corona: „Soundso hat sich auf Corona testen lassen“, „XY hat jetzt auch Corona“. Für die Wendung in Zeiten von Corona erbrachte eine Internetsuche Ende November 2020 über neun Millionen Belege. Eine neue Zeitrechnung entstand: vor bzw. nach Corona (im Englischen las man sogar B. C. ›Before Corona‹, was sonst die Abkürzung von Before Christ ›vor Christus‹ ist).

Corona ist in solchen Verwendungen nicht als neue Bedeutung des altbekannten Wortes zu interpretieren, das auch Korona geschrieben wird und so viel heißt wie ›Strahlenkranz der Sonne‹ (zu sehen bei einer totalen Sonnenfinsternis) oder auch ›Schar, Ban­de, Horde‹ (die ganze Korona), sondern als neues Kurzwort: als Rückkürzung aus Coronavirus, die dann ihrerseits eine Reihe von weiteren Bedeutungen annimmt: ›Erkrankung am Coronavirus‹, ›vom Coronavirus ausgelöste Pandemie‹ usw. Zugrunde liegt allerdings auch hier das lateinische Wort corona (›Kranz, Krone‹). Die Vertreter der seit den 1960er Jahren bekannten Coronaviren-Familie, von denen SARS-CoV-2 nur der bekannteste ist, erscheinen unter dem Elektronenmikroskop wie überall von Auswüchsen oder Fortsätzen umgebene Kugeln. Das Bild erinnert an die Sonnenkorona: daher der Name. Und so gab es gleich noch ein neues Wort für die vor allem in der Weihnachtszeit beliebte Duftorange (eine mit Gewürznelken rundherum gespickte Orange): Corange (SWR2, 14. 5. 2020). Auch sonst war die sprachliche Kreativität rege: Mehr oder weniger originelle Bildungen wie „Corontäne“ (Nordbayerischer Kurier, 2. 4. 2020) und Wortspiele wie „langvirig“ (Postillon, 25. 4. 2020) machten die Runde. Mit der Zusammenziehung Covidioten wurden erst Personen bezeichnet, die sich wegen Covid Sorgen machten und schon vor der Einführung von Coronabestimmungen freiwillig auf Kontakte und Reisen verzichteten, später dann zunehmend die hartnäckigen Corona­leugner, die sich zu Coronademonstrationen oder -partys zusammenfanden, um absichtlich gegen Coronaregeln wie Sicherheitsabstand und Maskenpflicht zu verstoßen.

Der im März und ab Ende Oktober geltende Lockdown (Platz 2 der Jahreswörterliste 2020) oder Shutdown legte das öffentliche Leben teilweise lahm. Das Bruttoinlandsprodukt brach 2020 um über 5 %, der Flugverkehr um fast 40 % ein. Ob Hotels mit dem Namen Corona besondere Umsatzeinbußen zu verzeichnen hatten, ist nicht bekannt. Hingegen stellte die mexikanische Brauerei Grupo Modelo die Produktion ihrer seit 1925 existierenden Marke Corona Extra vollständig ein. „Falscher Name zur falschen Zeit“, ätzte die Frankfurter Rundschau (7. 4. 2020).

Jochen A. Bär