Wort des Jahres 2018: „Heißzeit“

Glosse zum Wort des Jahres 2018 von Prof. Dr. Jochen A. Bär, Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Vechta und Hauptvorstand der Gesellschaft für deutsche Sprache e. V.

Der Sommer des Jahres 2018 dauerte gefühlt von April bis November. Es war viel zu trocken; die Pegelstände der Flüsse sanken so tief, dass vielerorts die Schifffahrt eingestellt werden musste. Die Brandgefahr war hoch; in Niedersachsen verursachte die Bundeswehr bei Schießübungen einen Moorbrand, der wochenlang nicht gelöscht werden konnte.

2018 war keineswegs der erste Extremsommer. Bereits 2003 hatte es das Wort Jahrhundertglut (als Anspielung auf die Jahrhundertflut wenige Jahre zuvor) unter die Wörter des Jahres geschafft. Viele, die noch gezweifelt hatten, kamen zu der Auffassung, dass die Klimakatastrophe (Wort des Jahres 2007) doch nicht als Fake News abzutun sein könnte. Nicht so das „stabile Genie“ in Washington (Donald Trump über Donald Trump), das den menschengemachten Klimawandel weiterhin radikal leugnete und sich auch durch die schlimmsten Waldbrände in der Geschichte Kaliforniens nicht von seiner Position abbringen lassen wollte.

Zusammengesetzte Wörter neigen im Gegensatz zu Wortgruppen dazu, eine eigene Bedeutung auszubilden, die nicht einfach als Kombination der Bedeutungen ihrer Bestandteile erklärt werden kann. Altbier ist kein altes Bier und ein Edelmann muss kein edler Mann sein. So steht auch Heißzeit nicht einfach nur für einen Zeitraum, in dem es heiß ist, sondern lehnt sich lautlich wie semantisch an Eiszeit an. Es steht für eine Klimaperiode: das Gegenteil einer Eiszeit. In dieser Bedeutung ist es keineswegs neu; bereits 1992 erklärte der Journalist Franz Alt: „Zuerst steigen die Temperaturen bis zum Jahr 2030 um zwei bis sieben Grad, dann erwischt uns schlagartig die Eiszeit, weil der Golfstrom versiegt. [...] Eiszeit in Norddeutschland und Heißzeit in Süddeutschland?“ (Zeit, 2. 10. 1992). – „Klimaforscher warnen [...] vor einer Heißzeit und befürchten, dass sich die Erde langfristig um vier bis fünf Grad Celsius erwärmen könnte“, las man unter dem Eindruck der Hitzewelle auch 26 Jahre später noch in der Presse (Süddeutsche Zeitung, 8. 8. 2018).

Da es sich jedoch nicht um ein vollständig etabliertes Wort handelt – nicht von ungefähr fehlt es beispielsweise im großen Duden, während dort neben Eiszeit auch Warmzeit und Kaltzeit als geologische Fachbegriffe verzeichnet sind –, begegnen immer wieder auch spontane Neubildungen aus heiß und Zeit. Bei ihnen geht es tatsächlich nur um einen überschaubaren Zeitraum, in dem es heiß ist. In Nürnberg sorgte sich beispielsweise die Stadtverwaltung darum, „dass der frisch gepflanzte Baumnachwuchs die aktuelle Heißzeit übersteht“ (www.infranken.de, 9. 8. 2018).

Wie weit man die Wortspielereien treiben kann, zeigt sich daran, dass sich Rückwirkungen auf die Bedeutung von Eiszeit erkennen lassen, indem auch hier die beiden Wortbestandteile für sich betrachtet werden: „Heißzeit ist Eiszeit! Für mich gibt es im Sommer nichts Schöneres, als beinebaumelnd auf der Terrasse zu sitzen und kugelweise Eis zu essen.“ (taz, 23. 6. 2018)

Sollten sich die hochtemperaturigen Sommermonate künftig häufen, so bestehen durchaus Chancen, dass sich das schillernde Substantiv im Wortschatz der deutschen Gegenwartssprache fest etabliert.

Jochen A. Bär