Wort des Jahres 2017: „Jamaika-Aus“

Glosse zum Wort des Jahres 2017 von Prof. Dr. Jochen A. Bär, Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Vechta und Hauptvorstand der Gesellschaft für deutsche Sprache e. V.

Die Wahl zum 19. Deutschen Bundestag im September 2017 ergab eine historisch neuartige Situation. Die bislang im Rahmen einer Großen Koalition (GroKo) regierenden Parteien CDU/CSU und SPD erlitten schwere Verluste, Grüne und Linke legten minimal zu, die großen Gewinner aber waren die FDP, die mit deutlich über 10 Prozent nach vier Jahren den Wiedereinzug ins Parlament schaffte, und die AfD, die nicht nur zum ersten Mal überhaupt den Sprung über die Fünfprozenthürde schaffte, sondern mit über 12 Prozent sogar auf Anhieb drittstärkste Kraft wurde.

Da die SPD ihre Niederlage sofort einräumte und sich auf die Opposition festlegte und mit der AfD niemand regieren wollte, blieb lediglich die Möglichkeit einer schwarz-gelb-grünen Koalition, die in Anspielung auf die Nationalfarben des karibischen Inselstaates auch Jamaika-Koalition genannt wurde.

Dieses Wort ist nicht neu; vereinzelte Belege finden sich bereits seit der Mitte der 1990er-Jahre. Nach der Bundestagswahl 2005 wurde Schwarz-Gelb-Grün oder die Schwarze Ampel von Experten und Journalisten erstmals auf Bundesebene diskutiert; Jamaika-Koalition kam damals auf Platz 6 der Wörter des Jahres. 2017 trafen sich die vier Parteien CDU, CSU, FDP und Bündnis 90/Die Grünen dann tatsächlich zu mehrwöchigen Sondierungsgesprächen oder -verhandlungen. Obwohl diese zäh verliefen, schien bis zum Abbruch durch die FDP am 19. November Jamaika eine reale Option zu sein. Sprachlich gesehen handelt es sich hier nicht um den einfachen Landesnamen, sondern um eine Rückkürzung aus dem Kompositum Jamaika-Koalition (in dem der Landesname metaphorisch verwendet wird), also um eine Neubildung, ein echtes Wort – mit dem auch sogleich gespielt wurde: „JA-maika oder NEIN-maika? Einigt euch!“ (Bild, 18. 11. 2017).

Die Aussprache von Jamaika wurde binnen weniger Wochen eingedeutscht: Nachdem die englische Lautung „Dschamäika“ bereits seit Langem zu „Dschamaika“ geworden war, hört man am Wortanfang anstelle von Dsch heute zunehmend auch ein J wie in Jahr. – Mit der Substantivierung das Aus wird umgangssprachlich auf das Ende, das Scheitern von etwas verwiesen; die Zusammensetzung Jamaika-Aus bringt somit prägnant den komplexen Sachverhalt ‚Abbruch der Sondierungsgespräche für eine schwarz-gelb-grüne Koalition‘ zum Ausdruck: „Jamaika-Aus – und jetzt?“, fragte tagesschau.de (20. 11. 2017); „Jamaika-Aus erwischt den Bundestag kalt“, titelte die Welt (21. 11. 2017). „Nach Jamaika-Aus und GroKo-Krach: Lindner hält Minderheitsregierung für denkbar“, meldete das Handelsblatt (1. 12. 2017), und Spiegel online (4. 12. 2017), unter Bezugnahme auf eine FORSA-Umfrage: „FDP verliert nach Jamaika-Aus an Zustimmung“.

FDP-Chef Christian Lindner sorgte ungewollt für weiteren Sprachzuwachs. Das Jamaika-Aus begründete er mit unüberbrückbaren Differenzen und erklärte: „Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren.“ Daraufhin entstand ein neues Spottwort mit der Bedeutung ‚sich für andere überraschend einer Verantwortung entziehen‘ oder auch ‚eine Verabredung in letzter Sekunde platzen lassen‘: lindnern.

Jochen A. Bär