Wort des Jahres 2012: „Rettungsroutine“

Glosse zum Wort des Jahres 2012 von Dr. Jochen A. Bär, Herausgeber des Titels „‚Von aufmüpfig bis Teuro‘ - Die ‚Wörter der Jahre‘ 1971-2002“ aus der Reihe „Thema Deutsch“.

Ein Fachwort aus der Informatik und Computertechnologie machte 2012 im Politik- und Medienjargon Karriere: Unter einer Rettungsroutine versteht man ein Computerprogramm, das bei einer Störung, z. B. einem Stromausfall, automatisch Daten sichert, sodass diese nicht verloren gehen.

Das Zweitglied des Kompositums, Routine, stammt aus dem Französischen. Es handelt sich um das Diminutiv, also die Verkleinerungsform von Route (Straße, Weg, über altfranzösisch rute zurückgehend auf lateinisch via rupta: gebrochene Bahn, Bresche) und steht für einen (Lösungs)weg, den jemand gewohnheitsmäßig einzuschlagen pflegt. Wer routiniert handelt, verhält sich, insbesondere in brenzligen Situationen, automatisch richtig, ohne groß nachdenken zu müssen. Von Rettungsroutine kann somit auch gesprochen werden, wenn jemand bestimmte Rettungsabläufe oft geübt hat und sie deshalb auch unter Stress sicher beherrscht.

Das Nicht-nachdenken-Müssen birgt jedoch zugleich eine Gefahr. Neben der guten Routine, die im Alltag hilft, gibt es auch eine schlechte Routine: Man neigt selbst in Situationen, die eben doch ein besonderes Nachdenken erfordern, dazu, sich mit dem Standardprogramm zu begnügen.

Genau dieser Aspekt findet sich als Kritik in der Verwendungsweise, in der Rettungsroutine zum Wort des Jahres 2012 avancierte. Das Substantiv erscheint dabei im Zusammenhang mit den Bemühungen um einen Ausweg aus der europäischen Staatsschuldenkrise. Die überhandnehmende Verschuldung von Ländern wie Spanien, Portugal, Griechenland, Italien und selbst Frankreich und die Herabstufung ihrer Kreditwürdigkeit durch internationale in der Regel amerikanische Rating-Agenturen führt seit einigen Jahren dazu, dass die betroffenen Länder nur noch zu hohen Zinsen neue Kredite aufnehmen können. Ihre Schuldenlast nimmt dadurch immer weiter zu. Als Instrument dagegen wurde in der Europäischen Union der Euro-Rettungsmechanismus entwickelt, der es als (Euro-)Rettungsschirm 2008 und 2010 gleich zweimal unter die Wörter des Jahres schaffte. Die Tatsache, dass Deutschland als finanzstärkstes Euroland für den Löwenanteil der Rettungsmilliarden (Welt, 9.6.2012) geradestehen muss, trug der Rettungsschirm-Politik (Handelsblatt, 15.6.2012) der Bundesregierung zunehmend Ablehnung ein nicht zuletzt aus den eigenen Reihen. Der prominenteste Kritiker war der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach. Er beklagte eine Art Rettungsroutine (Wirtschaftswoche, 28.3.2012) bei den Euro-Finanzhilfen, also einen Automatismus, nach dem immer mehr Länder an den Finanztropf kommen (FAZ, 5.5.2011). Die Befürchtung: Endlose Rettungsroutine mit Deutschland als großem Zahlmeister (Solinger Tageblatt, 14.11.2012).

Routiniertes Verhalten wurde dabei paradoxerweise gerade vermisst: Es ist mittlerweile der 19. EU-Gipfel seit dem Beginn des Schuldendramas in Griechenland vor mehr als zweieinhalb Jahren. Doch eine Rettungsroutine will sich bei den Staats- und Regierungschefs, die sich am Donnerstag auf ein Neues in Brüssel versammelten, nicht einstellen. (Potsdamer Neueste Nachrichten, 29.6.2012.) Rettungsroutine ohne Rettungsroutine: Gerade durch seine semantische Ambivalenz überzeugt das Substantiv als Jahreswort: Es steht symbolisch für die Unsicherheit, wie mit der existenziellen Situation der Euro-Schuldenkrise angemessen umzugehen ist.

Jochen A. Bär