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Gesprochene Sprache

Einleitung

4 Methodik der Untersuchung gesprochener Sprache

1988

Anders als die geschriebene Sprache ist gesprochene Sprache? als Folge ihrer Flüchtigkeit? nicht in unmittelbarer Weise für die Untersuchung zugänglich (? 1962). Um sie wissenschaftlich untersuchbar zu machen, muss sie zum einen mithilfe technischer Aufzeichnungsgeräte konserviert und zum anderen unter Verwendung von Transkriptionssystemen in eine schriftliche Form umgesetzt werden, die die spezifischen Merkmale der Mündlichkeit so weit wie möglich erhält. Die Untersuchung gesprochener Sprache stellt sich damit als ein Dreischritt aus (i) Aufzeichnung, (ii) Verschriftlichung und (iii) Analyse dar.

1989

(i) Aufzeichnung: Die Aufzeichnung von Gesprächen beruht im Regelfall auf einer vorgängigen, vom Untersuchungsziel gesteuerten Entscheidung, welcher Typ von Gesprächen aufgezeichnet werden soll. Die Aufzeichnung der Gespräche wird begleitet von der Erhebung dokumentarischer Daten und einer (ethnografischen) Beschreibung der sozialen Situationen und des sozialen Feldes, in dem die Gespräche stattfinden. Die Aufzeichnung ist darauf gerichtet, möglichst authentische Gespräche zu erhalten, d. h. Gespräche, die weitgehend unbeeinflusst sind durch die Tatsache, dass sie aufgezeichnet werden. Dieses Beobachterparadox, Gespräche so beobachten und aufzeichnen zu wollen, wie sie ohne Beobachtung und Aufzeichnung stattgefunden hätten, wird dadurch aufgelöst, dass Gesprächsteilnehmer üblicherweise nach etwa fünfzehn Minuten Aufnahmezeit das Faktum der Aufnahme nicht mehr registrieren und ein weitgehend unbeeinflusstes Gesprächsverhalten zeigen. Die Gesamtheit der für eine bestimmte Untersuchung aufgezeichneten Gespräche bildet ein Korpus.

1990

(ii) Verschriftlichung: Als Grundlage für die Analyse werden geeignete Ausschnitte des Korpus verschriftlicht (transkribiert). Resultat des Transkribierens sind Transkriptionen/Transkripte. Ziel des Transkribierens ist, das Gespräch unter möglichst weitgehender Beibehaltung und Symbolisierung der Besonderheiten der mündlichen Verständigung (wie z.B. Pausen, Tonhöhenbewegungen, lautliche Reduktionen und Verschmelzungen, Abbrüche, Versprecher, Rezeptionspartikeln, Überlappungen) in die Schriftform umzusetzen. Das Transkriptionsparadox besteht darin, dass Mündlichkeit, um für eine detaillierte Untersuchung zugänglich zu werden, in die Schriftform ? eben die Transkription ? umgesetzt werden muss. Dies wiederum macht methodische Vorkehrungen erforderlich, um Transkripte nicht als schriftliche Texte zu »lesen« und sich nicht in dieser »Textfalle« zu verstricken. Zu nennen ist hier u. a. das Gebot der strikten Sequenzialität, das für die Zwecke der Analyse einen linearen Durchgang durch das Transkript erfordert und ein Vor- und Zurückspringen untersagt, weil dies zwar in einem schriftlichen Text, aber eben nicht im strikt linearen Ablauf eines Gesprächs in der Zeit möglich ist.

Das Transkribieren ist kein lediglich abbildender Prozess, sondern es erfordert eine Vielzahl interpretativer Entscheidungen. Der Zeitaufwand für das Transkribieren beträgt ? je nach Feinheitsgrad ? das 30- bis 60fache der Dauer der Aufzeichnung.

1991

Für verschiedene Analysezwecke stehen unterschiedliche Transkriptionssysteme zur Verfügung (Redder 2001). Transkriptionssyteme bestehen aus einer Menge von Transkriptionskonventionen, die festlegen, wie bestimmte Merkmale des Mündlichen verschriftlicht werden sollen. Zu unterscheiden sind vor allem phonetische Transkriptionssysteme, die eine genaue symbolische Umsetzung der Sprechlaute ermöglichen, und literarische Transkriptionssysteme, die sich an die Standardorthografie anlehnen, zugleich aber auch umgangssprachliche und dialektale Lautungen repräsentieren (z.B. haste statt hast du). Das verbreitetste phonetische Transkriptionssystem ist das internationale phonetische Alphabet (IPA) (? 4, 18). Kern literarischer Transkriptionssysteme ist im Regelfall das Gesagte/Verbale (? 2007). Prosodische Merkmale (? 2009) werden mithilfe von Sonderzeichen notiert, körperliche Kommunikation (? 1996-2005) wird in Form beschreibender Kommentare erfasst.

1992

Die in diesem Kapitel wiedergegebenen Beispiele gesprochener Sprache sind ? sofern es sich um authentische Beispiele handelt ? auf der Grundlage einer vereinfachten Version des literarischen Transkriptionssystems des Instituts für Deutsche Sprache verschriftlicht. Die Beispiele werden in Kleinschreibung und ohne Satzzeichen wiedergegeben. Die Beispiele entstammen der im jeweiligen Zusammenhang genannten Literatur oder sind aus den Korpora des Instituts für Deutsche Sprache entnommen. Verwendet werden die folgenden Transkriptionskonventionen:

[ Partiturklammer, die zusammengehörende Sprecherzeilen markiert
A: Sprecherkennung
rdnr1992 simultane (Teile von) Äußerungen stehen übereinander; Beginn und Ende der Überlappung sind in den jeweiligen Textzeilen markiert
+ unmittelbarer Anschluss/Anklebung bei Sprecherwechsel
* kurze Pause (bis max. 0,5 Sekunden)
** etwas längere Pause (bis max. 1 Sekunde)
*3,5* längere Pause mit Angabe der Dauer in Sekunden
= Verschleifung (Elision) eines oder mehrerer Laute zwischen Wörtern (z.B. sa=mer für sagen wir)
/ Wortabbruch
(... ...) unverständliche Sequenz (drei Punkte= Silbe)
(war) vermuteter Wortlaut
? steigende Intonation (z.B. kommst du mit?)
? fallende Intonation (z.B. jetzt stimmt es?)
- schwebende Intonation (z.B. ich sehe hier ?)
' auffällige Betonung (z.B. aber 'gern)
: auffällige Dehnung (z.B. ich war so: fertig)
?immer ich? langsamer (relativ zum Kontext)
?immerhin? schneller (relativ zum Kontext)
>vielleicht< leiser (relativ zum Kontext)
<manchmal> lauter (relativ zum Kontext)
LACHT Wiedergabe nicht sprachlicher Lautäußerungen (in der Sprecherzeile in Großbuchstaben)
IRONISCH Kommentar zur Äußerung (in einer gesonderten Kommentarzeile in Großbuchstaben)

1993

(iii) Analyse: Die empirische Analyse gesprochener Sprache erfolgt in einem Wechselspiel zwischen Arbeit an den Transkripten und wiederholter Vergegenwärtigung der Aufzeichnungen. Die Untersuchungen zielen auf die Herausarbeitung der Besonderheiten von gesprochener Sprache und mündlicher Verständigung auf den verschiedenen sprachlich-kommunikativen Ebenen.

Referenz-Aussage-Strukturen

5.3.2.2 Besondere syntaktische Konstruktionen

2014

Eine Reihe von syntaktischen Konstruktionen kommt entweder ausschließlich oder quantitativ häufiger in der gesprochenen Sprache vor. Ihr Entstehungsort und ihre Domäne ist die mündliche Verständigung. In der geschriebenen Sprache erscheinen sie zunächst nur bei der schriftlichen Wiedergabe gesprochener Sprache. Einige von diesen syntaktischen Konstruktionen sind aber auch schon ? mit geringerer Frequenz ? in der geschriebenen Sprache gebräuchlich.

2015

Referenz-Aussage-Strukturen
Referenz-Aussage-Strukturen bestehen aus einem referierenden Element und einer Einheit, mit der dann eine Aussage über das Referenzobjekt gemacht wird. Der Aussageteil enthält dabei in vielen Fällen ein Element, mit dem auf den Referenzausdruck zurückverwiesen wird (Scheutz 1997, Selting 1993, ? 1384).

Abb. Referenz-Aussage-Strukturen

Referenz-Aussage-Strukturen finden sich fast ausschließlich in gesprochener Sprache. In Referenz-Aussage-Strukturen sind der referierende Ausdruck und die Aussage stärker voneinander getrennt, als es im prototypischen schriftsprachlichen Satz der Fall ist. Der rückverweisende Ausdruck in der Aussage repräsentiert formal diese Trennung. Referenz-Aussage-Strukturen werden üblicherweise als Linksversetzungen, Linksherausstellungen, Voranstellungen vor den Satz oder Freies Thema bezeichnet. Dies hat jedoch eine Orientierung am schriftsprachlichen Satz, nicht am zeitlichen Prozess der Äußerungsproduktion und an der kommunikativen Funktion der einzelnen Elemente dieser Konstruktion zur Grundlage.

Bei den Referenzausdrücken handelt es sich überwiegend um Nominalphrasen. Es treten aber auch Präpositionalphrasen, satzwertige Infinitivgruppen und abhängige Verbletztsätze in referierender Funktion auf:

und grad 'des bei alte leut? * was früher war? * des merken sie sich viel

Die Nominalphrasen reichen vom einfachen Nomen über attributiv erweiterte Strukturen bis hin zu komplexen Einheiten:

und und ** a:h den herrn 'hauser? a:h ** also * von einer 'partei halt auch * auch ein 'gleichaltriger 'mann? * der hat selbstmord begangen

Komplexe Referenzausdrücke treten insbesondere dann auf, wenn die Referenz Schwierigkeiten bereitet und deshalb kommunikativ aufwendig betrieben werden muss. Der auf die Referenz folgende rückverweisende Ausdruck signalisiert in solchen Fällen, dass der Referenzversuch beendet ist und nun die Aussage folgt:

aber der der doktor 'wolf oder wie der 'heisst der 'alte? * das muss 'auch a ganza 'prima 'kerl sein

Nach dem Referenzausdruck folgt in der weit überwiegenden Zahl der Fälle eine Aussage, möglich sind aber auch Fragen:

die amelie' * wann war die denn zuletzt hier?

Wesentliches Kennzeichen von Referenz-Aussage-Strukturen ist, dass auf den Referenzausdruck in der Regel mit einer rückverweisenden Proform Bezug genommen wird. Bei Subjekten und Objekten erfolgt der Rückverweis mit einem Demonstrativum. Zwischen ihm und dem Referenzausdruck besteht Kongruenz. Bei Adverbialien und Präpositionalphrasen, bei denen keine Kongruenz möglich ist, wird zum Rückverweis die allgemeine Proform da verwendet.

in der stadt? * da hab ich gestern den 'leo getroffen

Oft besteht eine Formidentität zwischen dem Artikel der referierenden Phrase und der rückverweisenden Proform, die dann den Referenzausdruck rahmen und hervorheben:

den weg den fahr ich jetzt schon im schla:f

Referenzausdruck und Aussage können prosodisch integriert sein und eine Intonationsphrase bilden oder sie können jeweils eine eigenständige Intonationsphrase darstellen. Da die prosodische Integration von Referenz-Aussage-Strukturen jedoch ein Kontinuum darstellt, ist im Einzelfall nicht immer eindeutig zu entscheiden, ob Integration vorliegt oder nicht. Fehlende Integration markiert einen höheren kommunikativen Stellenwert des Referenzausdruckes. Bei intonatorischer Eigenständigkeit wird häufig nicht nur referiert, sondern mit dem Referenzausdruck zugleich auch ein neues Thema ins Gespräch eingeführt:

und auch * die 'landefähre? * selbst wenn alles in ordnung geht? * wir haben sie dann 'immer noch nicht richtig ausprobiert * auf dem * 'mond'boden?

Zwischen Referenzausdruck und Aussage können Einschübe auftreten. Der Sprecher kann hier z. B. Interjektionen oder Bewertungen, der Gesprächspartner Rückmeldesignale platzieren. Bei Sprechereinschüben liegt regelmäßig prosodische Desintegration vor.

der deutsche fußball? * na ja * viel ist damit nicht los?

Apokoinukonstruktionen

2016

Apokoinukonstruktionen sind eine ausschließlich mündliche Erscheinung. Sie bestehen aus drei unmittelbar aufeinander folgenden Teilen, wobei sowohl A-B wie auch B-C, nicht aber A-B-C eine nach schriftsprachlichen Standards syntaktisch wohlgeformte Kette bilden (Scheutz 1992):

die überschneiden sich genau wie n kreuz lechstes drauf und zwar mittich * ne
A B: Koinon C

Das den Konstruktionen gemeinsame Element heißt Koinon. Als Koinon können überwiegend Adverbialien, aber auch Subjekte und Akkusativobjekte fungieren. Finite verbale Elemente sind nicht koinonfähig.

Betrachtet man Apokoinukonstruktionen nicht nur strukturell, sondern in ihrer zeitlichen Hervorbringung, so wird deutlich, dass sie als Resultat zweier unterschiedlicher Prozesse entstehen können, mit denen jeweils verschiedene Funktionen erfüllt werden.

(i) Zum einen entstehen sie, wenn zur Verdeutlichung, dass an eine zuvor begonnene Konstruktion angeknüpft werden soll, nach der Formulierung des Koinons Elemente der begonnenen Konstruktion wiederholt werden. Eine solche Wiederaufnahme von Elementen erfolgt insbesondere dann, wenn das Koinon komplex ist:

wir ham dann wie dann die garnkrise war die rohölkrise ham=wir schwer verloren

oder wenn die Formulierung des Koinons Schwierigkeiten bereitet hat, also nach Korrekturen (? 2069):

ja ich war unter der * unter * also unterm hitler war=i einmal im büro hauptamtlich bei der hitlerjugend

Die Wiederaufnahme ist mit einer Inversion verbunden, sofern zu den wieder aufgenommenen Elementen die Vorfeldbesetzung der ersten Konstruktion gehört, denn im Vorfeld der fortgesetzten Konstruktion steht nun das Koinon.

Die Apokoinukonstruktion selbst kann zu Reparaturzwecken und Konstruktionsveränderungen benutzt werden, wenn in C zwar Elemente aus A aufgegriffen, zugleich aber auch verändert werden:

aber wo musst=denn heut mit=a=lungenentzündung muss doch niemand mehr sterben

(ii) Zum anderen entstehen Apokoinukonstruktionen, wenn zum Zweck der Fokussierung oder Hervorhebung ein Ausdruck durch die Wiederaufnahme vorhergehenden sprachlichen Materials gerahmt wird. Dieser Typus wird auch als Spiegelkonstruktion bezeichnet:

er hat ihm milli'meterweis hat er ihm 'einigstochen

Die Hervorhebung durch Rahmung kann? wie in diesem Beispiel ? zusätzlich durch Starkakzent unterstützt werden.

Abhängige Verbzweitkonstruktionen

2020

Vor allem nach den Verben des Sagens und Denkens (Verba Dicendi und Sentiendi) besteht sowohl im Mündlichen wie im Schriftlichen eine Konstruktionsalternative. Der folgende, syntaktisch abhängige Äußerungsteil kann mit Subjunktion und Verbletztstellung oder aber als Verbzweitkonstruktion ohne Subjunktion realisiert werden (auch als abhängige Hauptsätze bezeichnet; Auer 1998):

Abb. Abhängige Verbzweitkonstruktionen

Die Verba Dicendi und Sentiendi verhalten sich jedoch in dieser Hinsicht keineswegs einheitlich. Betrachtet man z. B. die Unterklasse der Verben für mentale Zustände, so finden sich abhängige Verbzweitkonstruktionen bei Verben wie glauben, finden, das Gefühl haben häufig, bei sicher sein, hoffen seltener und bei erwarten, bezweifeln, sich wundern sind sie ungebräuchlich.

Von der Konstruktionsvariante der abhängigen Verbzweitäußerungen wird im gesprochenen Deutsch deutlich häufiger Gebrauch gemacht als im geschriebenen, wenn auch diese Tendenz für einzelne Verben in sehr unterschiedlichem Maß gilt. Beschränkungen für die Verwendung abhängiger Verbzweitkonstruktionen sind einerseits syntaktisch-semantischer und andererseits pragmatischer Natur. Sowohl nach syntaktischer Negation im Matrixsatz wie auch nach Verben mit negativer Semantik sind abhängige Verbzweitkonstruktionen selten.

Auf pragmatischer Ebene sind es vor allem zwei Faktoren, die die Verwendung von eingeleiteten Verbletzt- und abhängigen Verbzweitkonstruktionen steuern: Erstens wirken abhängige Verbletztkonstruktionen relativ präsupponierend, während abhängige Verbzweitkonstruktionen relativ assertierend sind. Das heißt, dass konjunktional eingeleitete Verbletztkonstruktionen dann verwendet werden, wenn die in ihnen enthaltene Information als vertraut oder zugänglich eingestuft wird und sie damit eher in den Hintergrund gerückt werden soll. Entsprechend hat der Matrixsatz ein größeres kommunikatives Gewicht. Umgekehrt ist die Verteilung bei der Verwendung abhängiger Verbzweitkonstruktionen: Die kommunikative Relevanz der abhängigen Äußerung ist größer als die des Matrixsatzes. Zweitens begünstigen deiktische Kontexte die Verwendung abhängiger Verbzweitkonstruktionen, während nicht deiktische abhängige Verbletztkonstruktionen befördern. Bei bestimmten Verben sind abhängige Verbzweitkonstruktionen akzeptabler, wenn sie in der 1. Person verwendet werden; auch Präsens und Imperativ steigern die Akzeptabilität. Gemeinsamer Nenner ist, dass die Interpretation dieser Äußerungen auf das Hier und Jetzt der Sprechsituation angewiesen ist:

Ich bedauere, wir haben schon geschlossen.
?Er hat bedauert, sie haben schon geschlossen.
Beachten Sie bitte, hier ist Rauchverbot.
?Peter beachtete, im Restaurant war Rauchverbot.

Von abhängigen Verbzweitkonstruktionen sind nicht eingeleitete ?Nebensätze? zu unterscheiden (? 1342, 1648). Auch sie werden nicht durch eine Subjunktion eingeleitet und haben Verbzweitstellung, weisen aber andere, nicht obligatorische Nebensatzmerkmale auf, wie z. B. den Konjunktiv I (bzw. seine Ersatzformen) oder die Verschiebung der deiktischen Kategorien Person, Ort und Zeit.

Er befürchtete, er habe/hätte einen Fehler gemacht.

Diese Zwischenformen verweisen darauf, Parataxe und Hypotaxe nicht als Dichotomie, sondern eher als Pole auf einem Kontinuum zu verstehen.

Der Matrixsatz zusammen mit der abhängigen Verbzweitkonstruktion erfüllt alle formalen und funktionalen Merkmale der Operator-Skopus-Struktur (? 2017-2019). So gibt der Matrixsatz als Operator eine Verstehensanweisung hinsichtlich des mentalen oder kommunikativen Status der abhängigen Verbzweitkonstruktion in seinem Skopus.

Dass es sich hier um Operator-Skopus-Strukturen handelt, wird auch durch eine Grammatikalisierungstendenz verdeutlicht, die dazu führt, dass der Operator zugunsten der abhängigen Verbzweitkonstruktion formal und auch in seiner Bedeutung immer weiter reduziert wird und sich so zum Diskursmarker entwickelt. Diese Entwicklung wird durch die mangelnde Entsprechung zwischen syntaktischem und kommunikativem Gewicht der beiden Komponenten gespeist: Der Inhalt der abhängigen Verbzweitkonstruktion ist kommunikativ oft wichtiger als der des Matrixsatzes, der aber syntaktisch übergeordnet ist. Syntaktische Überordnung korreliert so mit geringerer kommunikativer Relevanz, während größere kommunikative Relevanz in die Form syntaktischer Unterordnung gekleidet ist. Der Übergang von der abhängigen Verbletzt- zur abhängigen Verbzweitkonstruktion und die formale Reduktion des Operators sind Prozesse, die in Richtung auf eine Aufhebung dieser Asymmetrie wirken. Die Matrixsätze bzw. Operatoren werden in diesem Prozess zu semantisch entleerten Formeln und übernehmen pragmatische Funktionen, z. B. zur Markierung der Unsicherheit: ich glaub, hier waren wir schon mal.

Ursprüngliche Subjunktionen mit Verbzweitstellung

2011

Eine Reihe von Subjunktionen (z. B. weil, obwohl, während) sowie das Wort wobei (? 858-863), die schriftsprachlich nur nebensatzeinleitend und entsprechend mit Verbletztstellung verwendet werden können, werden in der gesprochenen Sprache zunehmend auch mit Verbzweitstellung gebraucht (? 1696). Diese Verwendung mit Verbzweitstellung ist bisher ausschließlich auf die gesprochene Sprache beschränkt.

ja zur vorsicht am nachmittach weil * ich weiß jetzt noch nich ob monti frei hat wenn er frei hat könnten wir auch schon eher kommen
>s=war ä bissl eng?< * obwohl * im kaisersaal * war=s 'noch enger und so hihi schlagermusik und=so? ** wobei s? so so manche schlager * die find ich zum teil gar nich so übel
weil des grundstück hundertprozentig der stadt gehören würde da würd s gar keine schwierigkeiten geben während hier müssen die grundstücke weiß net wie viel grundstückseigentümer s sind erst eben erworben werden

Bei dieser Verwendung verändern sich allerdings auch die Bedeutung und die funktionalen Einsatzmöglichkeiten dieser Ausdrücke. Es ist deshalb umstritten, ob sie weiterhin als Subjunktionen behandelt werden können. Sie werden in dieser Verwendung auch als Operatoren (? 2017-2019) bzw. als Diskursmarker (Günthner 1999) gedeutet.

2022


weil
weil-Konstruktionen mit Verbletztstellung und solche mit Verbzweitstellung können nicht beliebig gegeneinander ausgetauscht werden (Keller 1993). Zwar können fast alle Vorkommen der Verbletztstellung durch eine Verbzweitstellung ersetzt werden, dies gilt aber nicht umgekehrt. Zudem können weil-Sätze mit Verbzweitstellung nur nachgestellt, nicht aber vorangestellt verwendet werden. weil-Konstruktionen mit Verbletztstellung führen einen Grund für einen Sachverhalt an. Weil in dieser Verwendung wird deshalb auch als faktisches weil bezeichnet. Folgt auf das weil Verbzweitstellung, so zeigt dies an, dass es sich um eine Begründung handelt. Jeder Grund kann als Begründung verwendet werden, aber längst nicht jede Begründung beinhaltet einen Grund. Zeigt weil eine Begründung an, wird es als epistemisches oder schlussfolgerndes weil bezeichnet. Es antwortet auf die Fragen »Woher weißt du das?« oder »Wie kommst du darauf ?«:

der hat sicher wieder gesoffen? * weil * sie läuft total deprimiert durch die gegend

Das faktische weil hingegen antwortet auf die Frage »Warum ist das so?«

Ebenfalls begründungsanzeigend ist das sprechhandlungsbezogene weil, mit dem eine Begründung für den Vollzug einer bestimmten sprachlichen Handlung gegeben wird:

warum kauft ihr denn keine größeren müslipäckchen? * weil * die reichen doch nirgends hin

Epistemisches und sprechhandlungsbezogenes weil werden mit Verbzweitstellung verwendet, während faktisches weil beide Stellungsvarianten aufweisen kann.

Folgt auf weil eine Verbzweitstellung, so handelt es sich bei diesem weil um einen Operator im Sinne der oben dargestellten Operator-Skopus-Strukturen (? 2017-2019). Er verdeutlicht dem Hörer den Handlungstyp des folgenden Äußerungsteils als Begründung. Bei dem Äußerungsteil im Skopus des Operators kann es sich um eine Aussage, aber auch um eine Frage oder einen Imperativ handeln:

ich will das geld nicht weil was soll ich damit ich kann dir kein geld leihen weil greif mal einem nackten mann in die tasche

Weil mit Verbzweitstellung zeigt nicht nur an, dass eine Begründung folgt, sondern erfüllt darüber hinaus eine Reihe anderer Gesprächsfunktionen: Es dient u. a. zur Einleitung von Zusatzinformationen oder von narrativen Sequenzen, zur Einleitung eines thematischen Wechsels oder als konversationelles Fortsetzungssignal (Gohl/ Günthner 1999).

2023


obwohl
Ebenso wie weil wird auch obwohl (Günthner 1999) in der gesprochenen Sprache mit Verbletztstellung und mit Verbzweitstellung verwendet. Bei Verbletztstellung fungiert obwohl als konzessive Subjunktion. Folgt eine Verbzweitstellung, so handelt es sich bei obwohl um einen Operator, der dem Hörer für die folgende Äußerung eine Verstehensanweisung gibt. Zu unterscheiden ist die äußerungsinterne Verwendung von obwohl im Beitrag eines Sprechers vom äußerungsinitialen Gebrauch, mit dem der folgende Sprecher seine Äußerung einleitet.

Bei der äußerungsinternen Verwendung verdeutlicht der Sprecher mit dem Operator die inhaltliche Relation zwischen zwei Teilen seiner Äußerung. Obwohl signalisiert in diesem Fall dem Hörer, dass der folgende Äußerungsteil (hier in Form einer Referenz-Aussage-Struktur) einen Aspekt thematisiert, der gegenläufig ist zur vorausgehenden Bezugsäußerung:

also es kommt mir auch wirklich nicht mehr weit vor * obwohl so fünfunddreißig kilometer des is ja ne ecke

Bei der äußerungsinitialen Verwendung verdeutlicht der neue Sprecher den Handlungstyp seiner folgenden Äußerung, nämlich dass mit ihr im Regelfall ein Widerspruch zur Position des vorhergehenden Sprechers formuliert wird:

A: ja un als se hier war du da freut se sich wieder?
B:obwohl meistens will se gerne raus

2024


wobei
Während wobei (Günthner 2001) als Präpositionaladverb mit folgender Verbletztstellung zum Ausdruck von Gleichzeitigkeit bzw. zur Präzisierung und Ergänzung eines Sachverhalts oder Ereignisses verwendet wird, dient wobei mit Verbzweitstellung als Operator zur Ankündigung eines Äußerungsteils, der eine Einschränkung bzw. eine Korrektur des vorausgehenden Äußerungsteils darstellt:

die kommt immer eh * 'montags? und putzt dann so: * vie:r 'stunden * wobei * ehm * 'drei stunden sinds * die=sie=putzt?

2025


während
Um auszudrücken, dass eine folgende Äußerung in einem gegensätzlichen (adversativen) Verhältnis zum vorausgehenden Äußerungsteil steht, kann auch während als Operator mit folgender Verbzweitstellung verwendet werden:

und es sind außerdem äh * zum beispiel * 'verben * drin und (man sagt) subordinative konjunktionen? während 'hier * ist nur ein sogenanntes pronomen?

Verberststellung

2026

Üblich ist die Verberststellung im geschriebenen wie im gesprochenen Deutsch in den folgenden Fällen (Auer 1993):

  • (i) in Frage-, Befehls- und Wunsch-/Heischesätzen
    Wollen wir das wirklich? Gib mir mal das Lineal. Möge der Bessere gewinnen!
  • (ii) im Vordersatz von uneingeleiteten Konditional- und Konzessivgefügen
    Kann man ein Beispiel finden, so wird alles viel anschaulicher.
  • (iii) in (parenthetischen) Einschüben, besonders bei der Redeanführung
    Es ist wohl so, sagte Lukas, dass wir da erst am Anfang stehen.
  • (iv) in der Koordinationsellipse
    Er grub den Garten um und pflanzte Erdbeeren.
  • (v) vor doch (? 1695)
    Verzieht er doch keine Miene, obwohl die Peperoni höllisch scharf ist.

Im gesprochenen Deutsch ist darüber hinaus die Spitzenstellung des Verbs unter bestimmten Bedingungen auch in der einfachen Aussage möglich. Es weicht damit von der für das Schriftliche weitgehend verbindlichen Verbzweitstellung ab:

also ehrlich * bin bestimmt nicht zum vergnügen hier
na hauptsache habt euch nicht erkältet
wundert mich nicht
geht mich nichts an
gibt halt überall solche und solche

Die Verberststellung ist in diesen Fällen im gesprochenen Deutsch unauffällig und korrekt, verglichen mit äquivalenten schriftsprachlichen Formulierungen scheint aber ein Element zu fehlen (? 2029). Dabei handelt es sich häufig um Pronomen (ich, ihr; das, es)(? 1378). Viele Verberststellungen sind formelhaft: stimmt genau, kann sein, macht nichts.

Dass Verberststellung in gesprochener Sprache häufiger auftritt, ist Resultat zweier Tendenzen: zum einen der Tendenz, Äußerungen, die einen sehr engen Bezug zur Vorgängeräußerung besitzen, direkt mit dem finiten Verb einzuleiten; zum anderen der Tendenz, auf die expletive Vorfeldfüllung zu verzichten.

Verberststellung als Alternative zur üblichen Verbzweitstellung tritt in spezifischen Äußerungssequenzen auf und besitzt dort umgrenzte pragmatische Funktionen: Verberststellung findet sich häufig bei Äußerungen, die eine Bewertung, einen Kommentar, eine Modalisierung oder eine Elaborierung beinhalten. Diese Äußerungen sind eng bezogen auf die Vorgängeräußerung, in der der Bewertungsgegenstand etc. eingeführt wurde. Zugleich ist ihre diskursive Relevanz geringer als die der Bezugsäußerung.

A: den film muss man nicht gesehen haben
B:find ich auch

Eine solche enge sequenzielle Bindung besteht auch zwischen Fragen und entsprechenden Antworten mit Verberststellung.

A: kann man muränen auch essen?
B:glaub ich nicht

Während die Verberststellung hier dazu dient, den engen Bezug zwischen den Äußerungen zu verdeutlichen, hat sie in Erzählungen die Funktion, den Handlungscharakter der einzelnen Äußerungen zu betonen und Handlungssequenzen in geraffter Form darzustellen (Sandig 2000, Günthner 2006):

Ende einer Erzählung:hab ich gesagt tja schönen dank aber es tut mir leid? habe nicht mehr gegrüßt bin weggegangen? ich mein s war vielleicht unhöflich

Die Verberststellung »rafft« benachbarte Äußerungen, ohne dass Subordination im syntaktischen Sinn vorliegt. Sie ist damit im Zusammenhang der Strategien zur Verdichtung zu sehen.

Darüber hinaus dient Verberststellung als Indikator für bestimmte Gesprächs- bzw. Textsorten wie den Witz (Kommt ein Mann in die Wirtschaft ...) oder die Erzählung (War einmal ein alter Bauer mit seiner Frau ...).

Neben der Verberststellung sind für die kommunikative Praktik Erzählen eine Reihe weiterer syntaktischer Konstruktionen spezifisch, die im Folgenden charakterisiert werden. Alle diese Konstruktionen erscheinen, wenn man sie mit äquivalenten schriftsprachlichen Ausdrucksweisen vergleicht, verkürzt, sie sind im mündlichen Erzählen jedoch unauffällig und normal (? 2029).


Subjektlose Partizipialkonstruktion
Bei der Darstellung von Ereignisabfolgen werden in Erzählungen häufig subjektlose Partizipialkonstruktionen verwendet (Redder 2003, 2006; Günthner 2006):

es war halt 'abend um 'elf ähm und 'trotzdem es ging auf 'einmal aus 'heiterem himmel 'los? 'keine luft mehr gekriegt 'super herzrasen

Die subjektlose Partizipialkonstruktion stellt eine eigenständige funktionale Einheit dar. Wie auch bei der Verberststellung können subjektlose Partizipialkonstruktionen in der Detaillierungsphase von Erzählungen zur Schilderung eines Handlungsablaufs aneinandergereiht werden, sodass man von partizipialen Ketten (Redder) sprechen kann:

ich also papiere zusammengeschmissen koffer geschnappt losgestürzt zum taxistand rein und abgedüst zum flughafen


Kopplungskonstruktionen
Eine weitere reguläre syntaktische Konstruktion in Erzählungen sind funktionale Einheiten, bei denen eine Referenz und eine Tätigkeit bzw. Eigenschaft des Referenten ohne Finitum miteinander gekoppelt werden (Sandig 2000: Emphase-Satzmuster; Günthner 2006: Infinitkonstruktion) (? 2029):

'ich * 'nix wie 'weg ? 'wir mit 'drei 'mann los ? der 'hund * 'ab in den 'wald ? 'ich * ein Spielverderber

Diese Konstruktionen sind in der Regel zweigliedrig, wobei der erste Teil mit einem Nomen oder Personalpronomen auf einen Ereignisträger referiert, über den der zweite Teil dann etwas aussagt. Dabei handelt es sich häufig um Bewegungshandlungen oder (fragliche) Eigenschaften des Ereignisträgers. Die beiden Teile können durch eine kurze Pause voreinander abgesetzt sein. Die Akzentdichte in diesen Äußerungen ist hoch, was prosodisch den Eindruck von Dynamik oder Emphase markiert.


Aussagekerne
Aussagekerne (Günthner 2006: minimale Setzungen) bestehen aus einer Nominal- oder Adjektivphrase und stellen eine eigenständige funktionale Einheit dar:

in dem kleinen zimmer da standen rundum so paar tiefe sessel und 'zehn damen da und ham sich unterhalten
es war halt 'abend um 'elf ähm und 'trotzdem es ging auf 'einmal aus 'heiterem himmel 'los? 'keine luft mehr gekriegt 'super herzrasen und und 'kopfschmerzen die 'ohren gingen zu 'schwindelig und alles und da 'bin ich? ich 'hab dann das 'fenster erst 'runtergemacht
rin in die süßigkeiten und rums rums rums rums rums rums riesengroße tüte * zwanzig mark wa * mehr war et nich

Aussagekerne sind Resultat einer Kondensierungsstrategie, die in szenischen Schilderungen eingesetzt wird, um pointiert und plakativ Ereignisse oder Sachverhalte einzuführen.

Expansionen

2027

Äußerungen können, nachdem ein erster möglicher Abschluss- bzw. Übergabepunkt (? 2075) erreicht ist und wenn kein anderer Gesprächsbeteiligter an dieser Stelle das Rederecht übernimmt, vom ursprünglichen Sprecher in verschiedener Form fortgeführt werden. Dabei wird eine abgeschlossene syntaktische Struktur durch Hinzufügen von neuem verbalem Material zu einer größeren Struktur ausgebaut, die ihrerseits syntaktisch abgeschlossen ist und damit einen neuen, späteren potenziellen Übergabepunkt markiert. Solche Fortführungen über mögliche übergaberelevante Punkte hinaus heißen Expansionen (Auer 1991).

Expansionen sind zu unterscheiden in progressive, die die Vorgängerstruktur weiterführen, und regressive, die durch die Fortführung die Vorgängerstruktur modifizieren. Die progressiven Expansionen lassen sich weiter differenzieren in Fortsetzungen, konjunktional eingeleitete Fortsetzungen und Zusätze.

Die Fortsetzungen sind ausschließlich am prosodischen Bruch (meistens einer Pause) erkennbar, der zwischen Vorgängerstruktur und Expansion besteht. Ohne diesen Bruch läge einfach eine längere Äußerung vor.

ehm * un was halt 'toll ist? is die 'ostküste * so * von kuantan an hoch?

Bei konjunktionalen Fortsetzungen wird die Expansion durch eine Konjunktion (z. B. und) eingeleitet. Auch hier ist ein prosodischer Bruch notwendige Voraussetzung, um die Expansion als solche identifizieren zu können.

du des is uns 'auch noch nie: passiert? * mit ausnahme von/ von seim 'blinddarm nech? und ä: * seiner 'lungenembolie nech?

Beim Zusatz hat die Expansion keinen morphologischen Bezug zur Vorgängerstruktur, sie expandiert und präzisiert diese jedoch semantisch. Auch hier besteht ein prosodischer Bruch.

aber=ganz andere fo::rm=hat=doch=der? * 'schmäler? 'rassiger?

Bei den regressiven Expansionen ist zu unterscheiden, ob eine syntagmatische oder eine paradigmatische Modifikation der Vorgängerstruktur vorliegt. Bei den regressiv- syntagmatischen Expansionen wird eine Konstituente nachgetragen, die entsprechend den normalen topologischen Erwartungen schon früher hätte formuliert werden müssen. Je nachdem, ob die Expansion prosodisch integriert ist, also mit der Vorgängerstruktur eine Intonationsphrase bildet, oder ob zwei Intonationsphrasen bestehen, kann zwischen Ausklammerung und Nachtrag unterschieden werden.

Ausklammerung: weil die to'ta:l unter'drückt sind in china
Nachtrag: wie 'weit is des entfernt? * von port 'dixon?

Bei den regressiv-paradigmatischen Expansionen wird eine Konstituente der Vorgängerstruktur nachträglich durch eine andere quasi ersetzt. Ist die substituierte Konstituente eine Proform, so handelt es sich um eine Rechtsexplikation:

bowle 'is so groß omma * die sind 'alle so groß bowlepötte?

Substituiert werden können aber auch alle anderen Arten von Konstituenten. In diesen Fällen handelt es sich um Reparaturen:

aber die 'anderen inder? die sind so 'arbeiter ** 'gastarbeiter?

Sowohl Rechtsexplikation wie auch Reparaturen dienen der nachträglichen Verdeutlichung, Präzisierung oder Verbesserung.

Abb. Typologie der Expansionen

Wird nach einer abgeschlossenen syntaktischen Struktur das Rederecht nicht von einem anderen Gesprächsbeteiligten übernommen, so bieten Expansionen dem Sprecher die Möglichkeit, seine Äußerung fortzuführen, wobei die Fortführung verschiedenste Funktionen erfüllen kann. Eine davon ist auch, mögliche Probleme bei der Übergabe des Rederechts zu vermeiden bzw. zu überspielen, indem der Sprecher durch die Fortführung der eigenen Äußerung keine Pause entstehen lässt. Umgekehrt kann der Gesprächspartner dadurch, dass er das Rederecht (? 2039) nicht übernimmt, verdeutlichen, dass die bisherige Äußerung für ihn noch nicht ausreichend war, und so Expansionen provozieren.

6.3 Gespräch als kooperative Gemeinschaftshandlung

2038

Ein Gespräch ist eine gemeinschaftliche Hervorbringung aller Beteiligten. Wenn es unter den Bedingungen wechselseitiger Wahrnehmung erfolgt, beeinflussen sich die Gesprächsteilnehmer zu jedem Zeitpunkt auf allen Ebenen der Verständigung wechselseitig und handeln gemeinsam den Fortgang des Gesprächs aus.

Die Gemeinschaftlichkeit zeigt sich in der gemeinsamen Bearbeitung der Gesprächsaufgaben. Sie manifestiert sich im körpersprachlichen und prosodischen Bereich durch vielfältige Phänomene der Synchronisierung (? 2003, 2009). Auf der Äußerungsebene zeigt sie sich u. a. in der Aufnahme von vorausgehenden syntaktischen Konstruktionen (engl: syntactic persistence) bzw. in der Übernahme von lexikalischen Einheiten und Formulierungen durch den nächsten Sprecher (lexikalisch- syntaktische Parallelität). Auch die gemeinsame, arbeitsteilige Produktion von Beiträgen oder die Vervollständigung einer nicht zu Ende geführten Äußerung des Partners sind Phänomene der Gemeinschaftlichkeit (Schwitalla 1992):

Abb. rdnr2038

Die wechselseitige Beeinflussung bzw. Steuerung erfolgt zum einen durch Mittel der Körperkommunikation (z. B. mimisch: Stirnrunzeln, gestisch: Kopfnicken, unterstützende Handgesten, proxemisch: Vergrößern oder Verringern des Körperabstands), zum anderen verbal z. B. durch Konvergenz oder Divergenz signalisierende Rezeptionspartikeln oder durch Einwürfe, die häufig zu einer Umplanung des aktuellen Sprecherbeitrags führen.

Diese verbalen Mittel werden dem Lenkfeld zugerechnet (Ehlich 1986a). Von besonderer Relevanz für die gegenseitige Beeinflussung ist die Kommunikation von Bewertungen und die Vielfalt der Verfahren und Mittel, mit denen sie geschieht (Fiehler 1990).

Die Gemeinschaftlichkeit zeigt sich ferner in Prozessen der Aushandlung. Sie sind bei der Vergabe des Rederechts und der Organisation der Abfolge von Gesprächsbeiträgen ebenso wirksam wie bei der gemeinsamen Einigung auf Gesprächsthemen. Auch der Ausgang bzw. das Resultat von Gesprächen ist nicht individuell bestimmbar. Zwar können die Beteiligten individuelle Ziele verfolgen und versuchen, entsprechende Gesprächsstrategien anzuwenden, dies ist aber nur so weit erfolgreich, wie der Gesprächspartner es zulässt.

7.2 Formulierungsverfahren

2062

Der Gesprächsbeitrag wird vom Sprecher, nachdem er das Rederecht übernommen hat, auf der Grundlage eines Äußerungsplans (intendierter Beitrag) in einem Formulierungsprozess in zeitlicher Abfolge realisiert. Dieser Formulierungsprozess besteht zum einen in der Versprachlichung kognitiver Inhalte und zum anderen in der Bearbeitung bereits geäußerten sprachlichen Materials. Dabei bedienen sich die Sprecher einer Vielzahl von Formulierungsverfahren, die in den Äußerungen Spuren hinterlassen und an diesen Indikatoren erkennbar sind (Gülich/Kotschi 1996). Im Rahmen der Versprachlichung kognitiver Inhalte spielen vor allem drei Gruppen von Formulierungsverfahren eine Rolle:

  • (i) Darstellungsverfahren, mit denen der Sprecher das, was er mitteilen will, auf eine bestimmte Weise formuliert;
  • (ii) Problembearbeitungsverfahren, mit denen er anzeigt, dass Formulierungsprobleme bestehen, und mit denen diese Probleme zugleich bearbeitet werden;
  • (iii) Verfahren der Verständnissicherung, die der Absicherung des Mitgeteilten dienen.

2063

(i) Darstellungsverfahren: Die Darstellungsverfahren betreffen unterschiedlichste Phänomene wie eine aktivische oder passivische Darstellung, die Wahl bestimmter syntaktischer Konstruktionen (z. B. Referenz-Aussage-Strukturen statt der klassischen Satzform, die Wortwahl und die Wortstellung, den Detaillierungsgrad der Darstellung und vieles mehr).

2064

Der Prozess des Formulierens kann unterbrochen werden, um eine zweite Formulierungslinie zu eröffnen, die die begonnene Konstruktion der ersten nicht fortsetzt, sondern etwas anderes versprachlicht. Nach Beendigung dieser Äußerungseinheit wird die unterbrochene Konstruktion fortgeführt. Hierbei handelt es sich um Einschübe bzw. Parenthesen (? 1645). Einschübe haben sehr häufig eine metakommunikative Funktion.

wir müssen- * ?um das schon mal anzukündigen? * die mülltonnen noch rausstellen

2065

(ii) Problembearbeitungsverfahren: Die komplexen Anforderungen, die die Versprachlichung an den Sprecher stellt, können dazu führen, dass der Sprecher zu Beginn oder im Verlauf seines Beitrags nicht in der Lage ist, die ersten Elemente seiner Äußerung zu formulieren bzw. seine Äußerung fortzusetzen. Solche Formulierungsprobleme führen zu Formulierungspausen, in denen der Sprecher schweigt oder die er mit Verzögerungs- bzw. Haltesignalen (engl.: hesitators) wie äh oder ähm füllen kann. Formulierungsprobleme können auch durch Dehnungen oder durch Wortwiederholungen (Repetitionen) überbrückt werden.

also aber der westen hat diese- ** diese äh: diese ängste=ja sehr stark durch den kommu'nismus gehabt? nicht?
** von- * einer- * be'zahlung- ** ?von eim? von eim 'stundenlohn >?oder so?< war 'nie die rede

Formulierungsprobleme können darin bestehen, dass die Äußerungsplanung noch nicht abgeschlossen ist und deshalb die Darstellungsverfahren nicht angewandt werden können oder dass an bestimmten Stellen die folgende Phrase oder das folgende Wort nicht verfügbar ist. Solche Wortsuchprozesse (Iványi 1998) können durch Elemente wie na oder durch Einschübe wie sag schon oder wie heißt das doch gleich angezeigt werden.

ja ich habe mir äh sagen lassen? * dass ähm: *3* na wie war das jetzt? ** dass man die 'miete? * äh ?dass man den mietvertrag kündigen muss bevor man die miete erhö:ht?

Durch Indikatoren wie oder so, so in etwa, wenn man so will wird angezeigt, dass zwar ein Wort, aber nicht das treffende gefunden wurde. Zu den Formulierungsproblemen gehören auch Fehlartikulationen und Versprecher, bei denen der Sprecher das betreffende Wort nicht voll trifft bzw. er sich verspricht.

kommste nach bielefeld rein * also 'immer diesem straßenpulk äh straßenzug nach

2066

Die Anforderungen des Formulierungsprozesses können ferner dazu führen, dass im Prozess des Formulierens Projektionen nicht erfüllt und begonnene syntaktische Konstruktionen nicht oder anders zu Ende geführt werden. Dies führt zum einen zu Formulierungsabbrüchen, die in der gesprochenen Sprache ? sowohl sprecherbedingt wie auch hörerbedingt (z. B. nach Einwürfen oder Versuchen einer vorzeitigen Übernahme des Rederechts) ? häufig sind. Gegebenenfalls folgt auf den Abbruch dann ein Neuansatz. Zum anderen können die Anforderungen der Versprachlichung Konstruktionsbrüche oder Konstruktionsmischungen (auch Anakoluthe genannt) zur Folge haben.

also so der is 'dumm einfach auch der 'blickts einfach nicht 'durch ne?
und dass da wir im augenblick eine grose wandlung sich vollzieht

Eine häufige Form des Konstruktionsbruchs besteht darin, dass im Prozess des Formulierens von einer erforderlichen Verbletzt- zu einer Verbzweitkonstruktion übergegangen wird:

wenn ich demagogisch wäre würde ich sagen dass dieser entwurf wenn er so durchkäme würde im interesse der Arbeitgeber liegen
wenn so ein fall an sie herangetragen wird und er lässt sich nicht durch ein gespräch mit dem arzt aus der welt schaffen dann schalten sie die vertragsabteilung ein

Das Ende von Formulierungs- bzw. Versprachlichungsproblemen kann dadurch angezeigt werden, dass an Elemente vor der problematischen Sequenz angeknüpft wird bzw. dort begonnene Konstruktionen wieder aufgenommen werden.
Formulierungsprobleme der beschriebenen Art bei der Versprachlichung kognitiver Inhalte sind in der mündlichen Verständigung, die ohne Verzögerung immer im direkten Vollzug erfolgt, unvermeidbar und normal, und sie werden durch die Existenz der entsprechenden Signalisierungsverfahren und Indikatoren hinreichend kompensiert.

(iii) Verfahren der Verständnissicherung

2067

Der Direktvollzug und die Flüchtigkeit gesprochener Sprache machen auch besondere Vorkehrungen der Verständnissicherung erforderlich. Zur Verständnissicherung gehören alle kommunikativen Verfahren, mit denen der Sprecher die Struktur von Beiträgen für den Hörer verdeutlicht. So signalisieren Start-, End- und Gliederungssignale den Beginn, das Ende und die interne Strukturierung von Beiträgen. Diese Signale können verbaler, intonatorischer oder körperlicher Art sein.

Auch vorgreifende Verdeutlichungen wie z. B. Ankündigungen, Abschlussaktivitäten wie Zusammenfassungen oder klammerstiftende Wiederaufnahmen von Formulierungen verdeutlichen die Struktur von Beiträgen und Gesprächssequenzen.

Beginn einer Erzahlung: der gipfel war jetzt noch bevor ich abgereist bin * da war ich in quito noch ne? musste meine abrechnung machen [...]
5:30 min später, Ende der Erzählung: ist doch wohl der gipfel ne * und so ist die 'stimmung irgendwie?

Generell dienen viele Formen der Metakommunikation der Verständnissicherung, z. B. wenn verbal explizit der Bezugspunkt von Beiträgen benannt wird:

nochmal zu dem was du vorhin gesagt hast

oder wenn Relationen zwischen Äußerungen metakommunikativ expliziert werden:

um es noch einmal deutlicher/präziser/allgemeiner/ausführlicher zu sagen vorab/nebenbei gesagt

Dies geschieht häufig auf ökonomische Weise durch Operatoren im Rahmen von Operator-Skopus-Strukturen (? 2017-2019). Der Verständnissicherung dienen ferner alle Formen von Explizitheit und Redundanz (wie z. B. Paraphrasen oder Reformulierungen, ? 2070).

2068

Neben den Verfahren der Versprachlichung stehen die Verfahren der Bearbeitung von bereits geäußertem verbalem Material. Was einmal geäußert ist, kann nicht zurückgenommen, sondern nur nachträglich bearbeitet werden. Bearbeitungen haben eine dreigliedrige Struktur: Sie bestehen aus einem Bezugsausdruck, einem Bearbeitungsindikator und einem Bearbeitungsausdruck.

Abb. rdnr2068

2069

Bearbeitungen lassen sich in primär korrektive und primär weiterführende unterteilen. Bei den korrektiven Bearbeitungen wird ein Ausdruck oder eine Formulierung vom Sprecher selbst (Selbstkorrektur) oder vom Hörer (Fremdkorrektur) als falsch oder unpassend empfunden. Dies führt zum Abbruch der begonnenen Formulierung, was häufig eine Pause verursacht. Nach der Äußerung eines Korrekturindikators wird dann ein Korrekturausdruck formuliert, der beim Hörer mental an die Stelle des Bezugsausdrucks treten soll.

nun der mietpreis * äh * nicht nur unwesentlich sondern entscheidend geändert hätte? <der der ölpreis> entscheidend geändert hätte? ** gell?
ja * also wenn sie eben nur wegen des heizöls oder wegen dem heizöl da irgendwelche- äh * bedenken 'haben

Korrekturen lassen sich in Ausdrucks-, Formulierungs- und Inhaltskorrekturen unterscheiden. Werden z. B. Versprecher korrigiert, handelt es sich um Ausdruckskorrekturen.

2070

Zu den weiterführenden Bearbeitungen gehören Formulierungsverfahren wie Paraphrasen, Reformulierungen, Reduktionen und Expansionen.

Bei den Paraphrasen sind Bezugsausdruck und Bearbeitungsausdruck weitgehend bedeutungsgleich. Im Grenzfall sind es wörtliche Wiederholungen (Repetitionen). Paraphrasen erfüllen kommunikativ sehr unterschiedliche Funktionen. Häufig dienen sie der Verständnissicherung oder Intensivierung.

das war sein vierter unfall in diesem jahr? * 'vier 'unfälle?

Auch bei Reformulierungen besteht zwischen Bezugsausdruck und Bearbeitungsausdruck große Ähnlichkeit. Es gibt aber in lexikalischer und syntaktischer Hinsicht Abweichungen, die eine Aspektualisierung des Bezugsausdrucks bewirken.

das ist aufgrund der bestimmungen des bürgerlichen gesetzbuches- * nicht statthaft nicht möglich bloß 'fragt sich das natürlich ob die frau sievers damit 'einverstanden ist ob sie das 'will nich?

Bei Reduktionen ist der Bearbeitungsausdruck gegenüber dem Bezugsausdruck weniger umfangreich. Reduktionen leisten häufig eine Zusammenfassung oder bringen etwas auf den Begriff.

im san remo gibt es das beste tiramisu weit und breit? * traumhaft?

Bei Expansionen wird der Bezugsausdruck durch den Bearbeitungsausdruck quantitativ erweitert. Diese Erweiterung kann vielfältige Funktionen erfüllen, wie z. B. die der Spezifizierung, Verdeutlichung, Steigerung, Verallgemeinerung oder Exemplifizierung.

wie groß isch denn die wohnung quadratmetermäßig etwa (Spezifizierung)
er fühlte sich nicht wohl * im klartext er hatte wieder mal gesoffen (Verdeutlichung)
ich will das alles nicht mehr diese endlose schufterei (Vereindeutigung von Pronomen)
er war ein held * mehr noch * ein vorbild für die ganze nation (Steigerung)
un das hat se zu hause auch immer gemacht so rumgepuzzelt ne 'stofftiere gemacht un diese schönen 'puppen gemacht und für die 'kinder immer irgendwat genäht oder so (Exemplifizierung)

Ein typisches Beispiel für Expansionen sind kumulierende Konstruktionen. Bei Kumulationen wird zunächst ein Formulierungskern geäußert, der dann in einem zweiten Zug, der die gleiche Handlungsfunktion erfüllt, expandiert wird:

nein * das mach ich nicht
bitte * greif doch zu

Kumulationen bestehen mindestens aus zwei Einheiten, die beide auch alleine hinreichend sind zur Erfüllung der betreffenden Handlungsfunktion (Ablehnung bzw. Erlaubnis). Die zweite Einheit ist jedoch expliziter formuliert, womit zugleich eine Intensivierung erreicht wird.

2071

Neben diesen Formulierungsverfahren, die die konkrete Ausformung von Beiträgen bestimmen, sind für die mündliche Verständigung eine Reihe von Formulierungstendenzen charakteristisch. Zu diesen Tendenzen, die die verschiedenen Gesprächsformen unterschiedlich stark betreffen, gehören eine größere Formelhaftigkeit des Formulierens, eine stärkere Bildlichkeit des Sprechens sowie ein höherer Anteil an Bewertungen und Intensivierungen. Die Formelhaftigkeit ist u. a. Resultat der Verwendung von festen kookkurrenten Wortfolgen (Gib mir mal X. Ich würde sagen X.) und von Phraseologismen wie Routineformeln (Wie geht's? Hiermit eröffne ich die Verhandlung.), idiomatischen Wendungen (Verrenk dir nicht den Hals. Ich bin gut drauf.), Redewendungen (Er hat wieder mal den Bock zum Gärtner gemacht.) und Gemeinplätzen (Ja, so sind sie eben. Was soll man da machen?).

Beispiele für Bildlichkeit sind: Das hängt mir zum Hals raus. Es hat mich glatt aus den Schuhen gehauen. Sie hat ihm wieder ein Ohr abgeschwatzt.

Deutliche Bewertungen bzw. Intensivierungen leisten z. B. die folgenden Formulierungen: Ein völlig irrer Typ. Das Essen war vom Allerfeinsten. Das war der Hammer.