Die Wortfamilie „lock-“

Hängen englisch to lock (wie in Lockdown) und lockern irgendwie zusammen, obwohl sie doch praktisch Gegensätzliches bedeuten?

Gleich zu Beginn müssen wir zugeben: So hübsch, wie wir gehofft hatten, fügen sich die Puzzleteile leider nicht ineinander. Das liegt in erster Linie daran, dass locker erst seit dem 15. Jahrhundert belegt ist. Vermutlich hängt es mit Lücke und Loch zusammen, ganz sicher lässt sich das nicht sagen. Dafür können wir bei Loch sozusagen aus dem Vollen schöpfen, denn es ist schon erstaunlich, was sich hinter diesem Wort entdecken lässt. Dazu holen wir kurz noch weiter aus und schauen auf die Locke. Diese geht zurück auf eine indogermanische Wurzel *leug mit der Bedeutung „biegen, winden, drehen“. Dieser Zusammenhang erschließt sich unmittelbar. Nehmen wir nun an, Sie haben einen Zaun oder eine Wand aus geflochtenen Zweigen, was bei den Germanen architektonischer Standard war. Aus irgendeinem Grund ist die Wand an einer Stelle nicht dicht. Sie biegen die Zweige zusammen und verschließen so – die Lücke, das Loch. Diese Verbindung ist zwar auch nicht ganz zweifelsfrei belegt, aber sehr wahrscheinlich. Sie weist auch schon in eine bestimmte Richtung und zeigt, dass das Loch nicht immer eine bloße Öffnung war. Ursprünglich wird damit eine Öffnung bezeichnet, die verschließbar ist, wie man noch an der Bezeichnung Loch für „Gefängnis“ erkennt. Im Deutschen wurde diese Bedeutung erweitert auf alle Öffnungen. Die Lücke wiederum, die auch zu dieser Familie gehört, bezeichnet eine Öffnung innerhalb einer Abfolge.

Im Englischen hat sich jedoch nicht der Aspekt des Geöffnetseins, sondern der Aspekt des Verschließbarseins durchgesetzt. Dort entwickelten sich das Substantiv lock „Verschluss, Schluss“ und das gleichlautende Verb to lock „verschließen, absperren“. Somit haben wir also eine Verbindung von Loch und to lock, wie es auch in Lockdown auftritt. Folgt man der oben angesprochenen Vermutung, dass locker ebenfalls mit Loch zusammenhängt, vielleicht als Bezeichnung des Zustands, wenn ein Loch nicht richtig verschlossen war, dann hätten wir hier tatsächlich eine verwandtschaftliche Verbindung zwischen zwei Wörtern, die Gegensätzliches ausdrücken – denn ein „lockerer Lockdown“ ist eigentlich gar kein Lockdown.

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