Dudenverlag Duden Located at Mecklenburgische Str. 53, Berlin, 14171, Berlin , . Phone: +49 30 897 85 82-81. .

Anredenominativ

Wenn in einem Satz eine Wortgruppe im Nominativ steht, können wir uns in der Regel darauf verlassen, dass diese dann auch Subjekt des Satzes ist, etwa: Die lieben Leserinnen und Leser sind neugierig auf den neuen Duden-Newsletter.
Allerdings ist das nicht immer so. In einem Satz wie Liebe Leserinnen und Leser, man kann Sie ja hinstellen, wohin man will! ist zwar Liebe Leserinnen und Leser der Form nach ein Nominativ, aber durchaus nicht Subjekt, sondern ein Anredenominativ.

Dieser wird stets durch Kommas abgetrennt und kann im Gegensatz zum Subjekt (fast) beliebig im Satz verschoben werden, ohne dass dies die Satzgliedfolge auch nur im Geringsten veränderte, etwa: Man kann Sie, liebe Leserinnen und Leser, ja hinstellen, wohin man will! Man kann Sie ja hinstellen, liebe Leserinnen und Leser, wohin man will! Man kann Sie ja hinstellen, wohin, liebe Leserinnen und Leser, man will!
Im Deutschen entspricht der sogenannte Vokativ (= Anredefall) dem Anredenominativ. In einigen indoeuropäischen Sprachen jedoch stimmt der Vokativ nicht immer der Form nach mit dem Nominativ überein, sondern weist bisweilen eine eigene Endung auf – so zum Beispiel im Lateinischen in der o-Deklination: Et tu, Brute? (= Auch du, Brutus?) oder Et tu, fili? (= Auch du, mein Sohn?). Die entsprechenden Nominative lauten dagegen Brutus und filius.

Der Vokativ hat sich in einigen Sprachen (z. B. im Rumänischen, Georgischen, Ukrainischen) gehalten, in den meisten neueren indoeuropäischen Sprachen, so auch im Deutschen, wurde seine Funktion aber vom Nominativ übernommen.
Im Ruhrgebietsdeutsch hat allerdings vielfach nicht der Nominativ, sondern der Akkusativ die Funktion des Vokativs übernommen: Ey, Rotzigen, kannste mich ma ne Currywurst holen?