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Duden-Newsletter (12.06.09)

Liebe Leserin, lieber Leser,

ach, du grüne Neune! Der Newsletter der Duden-Sprachberatung wird neun Jahre alt. Grund genug, am Ende dieser Ausgabe einmal nachzuschlagen, woher die grüne Neun kommt.

Zuvor wollen wir jedoch noch einigen falschen Singular- und Pluralformen zu Leibe rücken. Im ersten Teil geht es dabei um so nützliche Dinge wie Praktika, Antibiotika und Generika.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit versteckten Pluralen, die uns in Kurzwörtern wie USA oder UN begegnen. Wir zeigen Ihnen, wie Sie richtig damit umgehen.

Gute Unterhaltung wünscht Ihnen

Ihre Duden-Sprachberatung

Was Sie schon immer wissen wollten

Praktika, Antibiotika und Generika

„Programmierer für ein Praktika gesucht”, „der Arzt hat mir ein Antibiotika verschrieben”, „ein Generika ist deutlich preiswerter als das Originalpräparat” - in all diesen Fällen knirscht es ordentlich im Gebälk. Trotzdem begegnen wir derartigen Formulierungen gar nicht so selten, was dazu führt, dass man auch im Internet ziemlich hohe Trefferzahlen für „ein/das Praktika” usw. erhält. Sicherlich haben Sie auch schon gehört, dass man für ein bestimmtes Land „ein Visa” beantragen muss. Für einen Briten oder einen Franzosen mag das stimmen: In beiden Sprachen ist die Wortform visa ein Singular - nicht jedoch im Deutschen. Dort gehört das Substantiv zu der gar nicht so kleinen Gruppe von Neutra, deren Deklination sich am Lateinischen orientiert: Der Singular endet auf -um, der Plural wird auf -a gebildet. Zu dieser Gruppe von Wörtern zählen auch das Praktikum - die Praktika, das Antibiotikum - die Antibiotika, das Generikum - die Generika.
Es ist vermutlich der häufige Gebrauch dieser Wörter im Plural, der uns durcheinanderbringt und Formen verwechseln lässt. Wer im Internet nach dem Wort „Anabolikum” sucht, wird gleich gefragt, ob er nicht „Anabolika” meint. Für „Anabolika” findet die Suchmaschine dann 15-mal mehr Treffer als für den Singular. Die gleiche Pluralbildung wie das Anabolikum und seine Artgenossen weisen übrigens einige auf das Griechische zurückgehende Substantive auf, deren Nominativ Singular auf -on endet: Onomatopoetikon, Erotikon, Idiotikon, Pharmakon und das vertraute Lexikon.

Hätten Sie’s gewusst?

USA, UN und SBB

Zu viel Sympathie mit dem Singular haben wir hingegen bei manchen Kurzwörtern. Auf den ersten Blick sieht man ihnen ja nicht an, was sich dahinter verbirgt. Das kann durchaus ein Plural sein, wie bei:
USA = United States of America (Vereinigte Staaten von Amerika),
UN = United Nations (Vereinte Nationen),
SBB = Schweizerische Bundesbahnen.
Stehen Kurzwörter wie diese als Subjekt im Satz, muss das dazugehörige Verb ebenfalls im Plural stehen: „Die UN haben (nicht: hat) 2009 zum Jahr der Astronomie ausgerufen.” „Die USA sind (nicht: ist) führend beim Spam-Versand.” „Die SBB haben (nicht: hat) ihr Angebot renoviert.”
Anders hingegen verhält es sich mit der UNO: Dahinter verbirgt sich „United Nations Organization” (Organisation der Vereinten Nationen), also ein Singular, der auch das dazugehörige Verb in der Einzahl verlangt: „Die UNO setzt sich aktiv für Abrüstung ein.”
Übersehen wird der Plural zuweilen auch in ganz offensichtlichen Fällen. So darf es nicht heißen: „Die Niederlande will …”, sondern nur: „Die Niederlande wollen den Norden des Landes an den wichtigsten Flughafen besser anbinden.”

Für Sie nachgeschlagen

[ach,] du grüne Neune!

Die Herkunft des Ausrufs ist nicht eindeutig geklärt. Der gängige Hinweis auf das Tanzlokal „Conventgarten”, das im 19. Jh. in Berlin, Blumenstr. 9, Haupteingang „Am Grünen Weg”, existierte, rasch an Niveau verlor und im Volksmund „die grüne Neune” hieß, ist als Erklärung wenig plausibel. Überzeugend scheint indes der Zusammenhang mit dem Kartenlegen, das früher auf Jahrmärkten üblich war. „Grün Neun” entsprach dort „Pik Neun” in den französischen Spielkarten und war eine Karte, die nichts Gutes verkündete. Für diese Herkunftserklärung spricht auch die ältere Redensart „du kriegst die grüne Neune!” als Ausruf des Erschreckens o. Ä. Wahrscheinlich ist also, dass schon der Name für das Berliner Tanzlokal doppeldeutig, nämlich als Anspielung auf die Spielkarte gemeint war.

Aus: Duden 11, Redewendungen. Mannheim 2008.

Freitag, 12 Juni, 2009