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Süßer die Glosse nie klinget

von Eva Weitzhofer

Wenn man an die deutsche Musikkultur denkt und sich dabei solcher Größen wie Richard Wagner oder Ludwig van Beethoven erinnert, mag man es fast nicht glauben, dass ebendieses Land alljährlich einen Tiefpunkt erreicht. Dieser tritt nicht ein, wenn die hundertste Castingshow ihre 5. Staffel sendet und verspricht, dieses Mal die ganz große Neuerung in der Talentsuche zu vollbringen, sodass man ganz bestimmt nicht schon nach dem ersten Auftritt umschalten muss, sondern dann, wenn die amerikanischen Weihnachtslieder wieder auf den deutschen Weihnachtsmärkten Einzug halten und damit die angeblich stillste Zeit im Jahr einläuten. Dann werden – wie schon ein paar Monate zuvor in Bayern die Maßkrüge, nur dieses Mal eben die Punschkrügelchen – geschwungen, die Wurst gebraten, die Schnäppchenschilder beschriftet und man stellt sich auf die besinnlichsten Stunden des Jahres, auf die Hochsaison von blinkenden Lichterketten mit der dazu passenden Musik, ein. Anstatt selbst um den Adventkranz zu singen, begleiten einen nun eben die schillerenden Texte, die das Kriegsende propagieren oder von der Liebesbeziehung letztes Weihnachten sprechen, oder, die Alternative sozusagen, die traditionellen Weihnachtslieder in der tausendsten Version entweder irgendwelcher Sängerknaben im Radio oder von jedem noch so kleinen Dorf-Kirchenchor. Alle haben eben die schönsten Weihnachtslieder, o du Fröhliche! Auch die deutschen Sänger/innen beginnen, ihre eigenen Weihnachts-CDs aufzunehmen, mit Liedern, die um die üblichen Themen kreisen, das heißt Liebesbeziehungen und Trennungsschmerz, verbunden mit der Beständigkeit, die uns die Bibel lehrt, die Hoffnung nicht fallen zu lassen, denn vielleicht erscheint der/die Geliebte ja doch noch zum vereinbarten Treffpunkt – und der Weihnachtszauber wäre wieder komplett.

So sehr man auch versucht, dem Wahnsinn zu entkommen und sich an den sorgfältig ausgearbeiteten Plan mit den rot markierten Sendezeiten im Radio, der idealsten Route für den Nachhauseweg, die keinen Christkindlmarkt und kein Geschäft streift, also überall dort, wo die Gefahr eines möglichen Tinitusbeschwörers besonders groß ist, zu halten, kommt man letztlich niemals aus. Denn vermeiden lässt sich der Weihnachtseinkauf durch die überfüllten Kaufhäuser ja doch nicht. Außerdem würde man sich spätestens vom Besoffenen-Gegröle im Autobus, da man schon einen weiten Bogen um den Weihnachtsmarkt, die Quelle jeder miesen „Jingle Bells“ –Version, gemacht hat, zwanghaft in Weihnachtsstimmung schaukeln lassen müssen, selbst dann noch, wenn man vielleicht müde nach Hause kommt und unter Umständen eventuell gar keine Lust mehr hätte, sich von schlechter Musik berieseln bzw. wohl eher zuschneien, bestürmen zu lassen; frei nach dem Text: Alle Jahre wieder dröhnt „Last Christmas“ auf uns Menschen nieder…

Am besten schützt man sich wohl dadurch, dass man gar erst nicht versucht, sich dagegen zu wehren, denn sobald bestimmte „ Songs“ von einer größeren Menge kreischender, pubertierender oder einfach nur so hormongesteuerter Zuhörer/innen mit „so schön“, „so romantisch“, „so weihnachtlich“, die Rosa-Wölkchen-Palette kennt hier keine Grenzen, die nicht überschritten werden dürften, attribuiert worden sind, sind jegliche rationale Argumente ohnedies längst im schrillen Geplänkel untergegangen.

Tatsächlich verhält es sich mit diesen bunt trällernden Weihnachtsmelodien wie mit den Weihnachtskeksen: Während der Weihnachtszeit wird man davon so stark übersättigt, dass man sie danach ein ganzes Jahr lang, wobei man im Falle der Weihnachtslieder wahrscheinlich auch zwei Jahre ohne Entzugserscheinungen überstehen würde, nicht mehr sehen bzw. eben hören will.
Ernüchternd mag der Christkindlmarktbesuch bzw. die erfolgreiche Weihnachts-Shopping-Christmas-Schnäppchen-Tour nur dann ausfallen, wenn einen plötzlich, während man mit der prall gefüllten Einkaufstasche noch die letzten Takte eines verkitschten „Little drummer boy“ im Kopf vor sich hin summt, ein etwas mulmiges Gefühl in der Magengegend beschleicht. Wo kommt denn dieser erfrorene Obdachlose her? Na, die scharren sich auch haufenweise um die Christkindlmärkte und Kaufhäuser, und – hat man da keine Ruhe vor ihnen – dann erinnern einen auch noch die unzähligen Spendenaufrufe im Radio an sie. Gerade zur Weihnachtszeit treten sie wieder vermehrt auf. Mit denen ist es wie mit den Weihnachtskeksen…