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Kokolores - Um das Kulturvakuum in Hohenlohe zu füllen

von Son Dang

Es ist kalt. Es ist Dezember, dennoch ist Lisa, an diesem Abend bereit, etwas Neues zu wagen.
Die Tür geht auf. Der Bass summt sanft in den Ohren und die in den Gang strömende Wärme erweicht ihre Haut. Nur noch eine Tür trennt sie vom Raum der Musik. „Ich bin schon gespannt“ flüstert sie mir ins Ohr und schon geht die Tür auf.

Ein buntes Lichtermeer empfängt sie und die Musik der Liveband unterstreicht die warme Atmosphäre. Es ist nur ein kleiner Raum mit einer niedlichen Bar und einer kleinen Bühne, die kaum 30cm höher als der Boden liegt. Sie fühlt sich der Band ganz nah. Die Leute sind gut drauf. Hier und da ein Bier, ein Wein, ein Tee oder eine Cola in der Hand swingend zur Musik. Es ist warm.

Die Bässe massieren ihre Seele und der Sänger gibt der Menge ein Stück seiner selbst durch seine Songs wider. Sie ist mitten drin, Teil des Ganzen. Die Einrichtung erinnert eher an eine Wohnung, ein warmes Grün dominiert die Wand, die voller Plakate ist.

Der große Nachteil auf dem Lande aufzuwachsen, ist der Mangel an Kulturangeboten. Wenn man abends etwas erleben will, muss man eine 50km lange Fahrt auf sich nehmen. Ein Kino, ja, eine kleine „Bauerndiskothek“, okay. Aber für Theateraufführungen muss man entweder weit fahren, oder auf die Aufführung hiesiger Schulen warten. Konzerte gibt es auch nur einige Male im Jahr. Umso mehr hat sich Lisa auf die Einladung ihrer Freundin gefreut, die ihr versicherte, es gebe einen Ort, der regelmäßig Konzerte biete, eine angenehme Atmosphäre habe und nicht allzu teuer sei.

Die Devise lautet: Jugendliche tun was für Jugendliche. „Und das finde ich am coolsten: Um das Kulturvakuum in Hohenlohe zu füllen. Klingt das nicht cool?“ meinte ihre Freundin Nicole. „Ja“, dachte sich Lisa damals und fragte sich im gleichen Atemzug, ob man das gesetzte Ziel erreichen kann.

Es ist heiß. Die Lichter der Bühne und die Leute um sie herum sind es, die auf ihrer Haut die Schweißperlen hervorbringen. „Jeden Monat gibt’s so ein Konzert?“ fragte sie mich. „Chillig ist's hier!“ Das Licht blendet. Sie dreht sich nach den Stimmen, die ihr Antworten verheißen. - „Was? Kein Vodka?!“ - „Bei Elektro-Konzerten ist es noch voller!“. Liegt es am Licht oder bilde ich mir das nur ein, denkt sich Lisa und versucht ein bekanntes Gesicht zu finden. - „Nur Bier und Wein“. Eine Hand. Sie dreht sich um. Heureka! „Nicole, endlich bist du da, dachte schon, du kommst gar nicht mehr “, sagte Lisa erleichtert beim Anblick ihrer Freundin. „Lass uns ab zur Bar“

Trotz des Raummangels, ist alles optimal genutzt, zwar ein wenig eng, aber man bezeichnet es eher als „kuschelig“. Die Bar ist seitlich durch zwei Säulen eingerahmt, über dem Tresen ist eine Leiste angebracht, auf der die Getränke des Hauses thronen. Das besondere hier ist, das es keinen Hart-Alk gibt, Bier und Wein sollen den Gästen genügen, die ja eh für die Veranstaltung und nicht für den Alkohol hier herkommen, oder wie es der Barkeeper Lisa gegenüber ausdrückt, die auf der Suche nach ihrem Lieblings-Cocktail war : „ Harter Alk hat überhaupt nichts mit Kultur zu tun! Bier und Wein sollten dem Genuss der Veranstaltung dienlich sein.“ Eine klare Ansage gegen das Flatrate-Saufen. Viel zu oft hat Lisa miterlebt oder erzählt bekommen, wie sich Leute aus der Schule in Diskotheken „abgeschossen“ haben, Probleme mit Polizei und Eltern bekommen haben und schließlich, so klischeehaft es auch klingen mag, „auf die schiefe Bahn“ geraten sind. Aber was für Alternativen gibt es denn hier in der Gegend? Na ja, nun kennt sie zumindest eine, das Kokolores.

Wenn man den Raum betritt, fehlen nur ein paar Schritte bis zum Ecksofa. Durch den Höhenunterschied zwischen dem Boden und dem Grund, auf dem das Sofa steht, der Wand voller Postkarten und einer quadratischen Lampe, die aus vielen Kassetten bestand, ergab sich eine merkwürdige Anziehungskraft, die Lisa in ihren Bann gezogen zu haben schien. Während sie an ihrem Wein nippte hörte sie Lena zu. Die Studentin erzählte einem jungen Journalisten von ihrer Jugend: „Boar, bei mir gab es Phasen, wo ich mehr Zeit im Bahnhof verbracht hab, als Zuhause“, gestand sie auf die Frage, was sie mit dem Kokolores verbindet , „Es ist wie ein zweites Zuhause für mich!“. Bahnhof deswegen, weil das Kokolores im ehemaligen Bahnhofsgebäude untergebracht wurde. Lena erzählt weiter: „ Mein Bruder nahm mich zum ersten hier mit, damals war er Vorstand, als er studierte, habe ich das übernommen. So kommen die meisten eigentlich hier her. Mit Geschwistern oder Freunden zum ersten Mal, danach immer wieder zum Cafebetrieb oder wenn wir zwei Mal im Monat ein Sprachencafe eröffnen, wo es an den verschiedensten Tischen verschiedene Sprachen zu sprechen und bewundern gibt.“

„ Und wie kommt ihr dann zu euren Performern jeden Monat?“ „ Na ja, das Kokolores hat einen ganz guten Ruf in der Musikszene, wir hatten schon zu meiner Zeit“, verlegen lächelt sie über ihre eigene Formulierung, „ hatten wir schon hunderte Anfragen von Bands in der Woche. Nun haben wir uns mit einer Agentur kurzgeschalten, die uns immer ganz gute Leute vermittelt“ „Aber lohnen sich die Konzerte hier wirklich?“, platzt Lisa in das Gespräch hinein „ Es geht ja nicht um lohnen oder nicht, wir sind kein Unternehmen, sondern ein Jugendkulturverein. Auch wenn etwas nicht so populär ist und weniger Leute zu erwarten sind, versuchen wir dennoch das gesamte musikalische Spektrum abzudecken“, gab Lena ruhig zu verstehen. „ Ein Beispiel, Indie und Rock werden am liebsten gehört, Elektro und alles was mit DJ zu tun hat ist ziemlich teuer, Studentenpartys laufen am besten, aber das hat ja herzlich wenig mit Kultur zu tun.“

„Lass uns wieder auf die Tanzfläche, sie spielen mein Lieblingslied!“ meinte Nicole und riss Lisa mit sich.