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Englische Weihnacht überall

von Dario Goullon-Pauliks

Alle Jahre wieder ertönen, sobald das Thermometer dauerhaft unter die 20 Grad Marke fällt, in den mit Menschenmassen verstopften Einkaufsstraßen der westlichen Welt die ersten Glockentöne. Erfahrungsgemäß werden sich diese bald zu einem Crescendo der immer gleichen Weihnachtslieder entwickeln. Unnötig zu erwähnen, dass sie auch in diesem Jahr wieder ihre erhoffte Wirkung verfehlen und das kaufende Chaos an den klingenden Kassen nicht in Weihnachtsstimmung versetzen werden.

Dabei wird der_die Kampfshopper_in zwischen all dem Jingle Gebelle und Schnäppchen Geschlage vermutlich gar nicht darauf achten, wer Ihnen in dem ganzen Schieben und Drücken noch gut gemeinte Weihnachtslieder in die Ohren schreit. Geschweige denn in welcher Sprache. Doch ich, immer mehr an Weihnachten zweifelnd, frage mich bei aller Liebe zur englischen Sprache: Warum schaffen es deutsche Sänger_innen trotz neuen deutschsprachigen Nachwuchses nicht, auch nur ein einziges modernes Lied in den deutschen Weihnachtscharts zu platzieren? Oder, um es etwas weihnachtlicher auszudrücken: Warum ist noch kein deutsches Weihnachtslied entsprungen aus der Feder eines modernen Künstlers?

Selbst amerikanische Jungstars wie Justin Bieber schaffen es, ihre Weihnachtsgrüße und -wünsche zwischen den alten Klassikern in den diesjährigen Top 10 der heruntergeladenen Weihnachtslieder zu verewigen. Nur DJ Ötzi erring-a-ling-dong-dingt sich irgendwie einen fünften Platz zwischen „Last Christmas“, das (wie vermutlich jedes Jahr) auf dem ersten Platz landete, und „Feliz Navidad“ (auf Platz zehn). Mit diesem einzigen nicht völlig englischsprachigen Weihnachtslied in den Top 10 beschert José Feliciano sich selbst auch in diesem Jahr wieder frohe Weihnachten. DJ Ötzi ist hier der einzige vertretene Künstler aus dem deutschsprachigen Raum und damit eine echte Hoffnung. Allerdings schmeißt er - einem hingebogenen Reim am Ende mancher Zeile zuliebe - gerne jegliche Kreativität und echte, herzerwärmende Gefühle wie von Kinderhand zerrissenes Geschenkpapier am Ende der Bescherung in die Tonne. Wahrscheinlich ungewollt aber doch nicht zu überhören ist, was für ihn Weihnachten wirklich ausmacht: Der Konsum! …und ein ganz kleines bisschen die Liebe zu Sally (irgendwann muss sich in diesem Lied ja auch mal irgendetwas reimen). Das Ganze natürlich auf Englisch.

Die meisten deutschen Weihnachtslieder, die unterm Weihnachtsbaum gesungen werden, triefen vor Depression und Trauer trotz der eigentlich frohen Botschaft, die sie versuchen zu überbringen. Die erwartete Ankunft des Heilands sollte die Weihnachtschöre eigentlich jubeln lassen, doch das spaßigste, was deutsche Weihnachtslieder zu bieten haben sind klingende Glöckchen. Manchmal klingen sie sogar sehr süß, wenn man den Texten glauben mag. Doch leider haben deutsche Weihnachtslieddichter nie gelernt, auf den Zug der Moderne aufzuspringen und Fröhlichkeit verbreitende Zeilen zu basteln, die einen freudig Weihnachtsbaumkugeln an den Baum hängen oder zumindest mit Vorfreude in den glänzenden Augen mitschunkel lassen.
Tim Bendzko hat doch im vergangenen Jahr mehr als deutlich gemacht, dass er gerne erst die Welt retten möchte, bevor er zu der von ihm geliebten Person fliegt. Das freut mich sehr und ist meiner Meinung nach längst überfällig, aber warum konnte er nicht zunächst klein und bescheiden anfangen und in diesem Jahr erstmal Weihnachten vor einem Overkill durch die ewig gleichen englischsprachigen Weihnachtsklassiker retten?

Auch Matthias Reims Versuch, mit dem vermutlich 10.000 Cover des Klassikers „Last Christmas“ alles besser zu machen als die Vorgänger_innen, scheitert trotz acht Weihnachtsfrauen im Video. Bei den ersten Tönen, die einen ähnlich berieseln wie die künstlichen Schneeflocken die acht vermeintlich sexy bekleideten Weihnachtsfrauen, erhofft man sich endlich einen Erfolg. Natürlich wird man enttäuscht! Diese schlechte deutsche Übersetzung des Nummer 1 Weihnachtshits lässt nicht nur leise den Kunstschnee rieseln, nein es lässt in großen Mengen das Grauen über einen hereinbrechen. Die einzige erzielte Wirkung ist die Sehnsucht nach dem Sommer, wenn so etwas nicht gespielt wird.

Anstatt seinen vollen Kopf im Wartesaal zum Glücklichsein zu stützen, sollte Bosse ihn lieber auf ein weißes Blatt Papier entleeren und einen schönen modernen Weihnachtssong komponieren. Vielleicht kommt er so schneller zu dem Glück, das er im Wartesaal des gleichnamigen Liedes so herbeisehnt.

Nein, deutsche Weihnachtslieder sind scheinbar dazu verdammt, von klingenden Glöckchen, singenden Engeln und einem Kleinkind in einer Krippe zu erzählen. Wo bleibt die Liebe? Von mir aus der Konsum? Wann wollen wir endlich auch in Deutschland zeitgerechte Weihnachtsmusik schreiben?

Rosenstolz, Roger Cicero und Co. vereinigt euch! Ich habe einen „wonderful dream“: Drei Generationen, die glücklich am geschmückten Baum gemeinsam EIN deutsches Weihnachtslied singen, das alle kennen und lieben. Es wird sich in den Reigen der großen amerikanischen Klassiker einreihen können und in einigen Jahren werde ich meine Weihnachtsgeschenke zum Klang dieses Liedes kaufen.

Ich will meinen Großeltern und anderen der englischen Sprache nicht so mächtigen Verwandten nicht auch im nächsten Jahr wieder alle Weihnachtslieder übersetzen müssen! All I want for Christmas ist ein modernes deutsches Weihnachtslied, das uns ab nächstem Jahr in Radios und Shoppingcentern wahnsinnig machen kann. Oder vielleicht bringt es uns endlich mal das, was bei all dem vorweihnachtlichen Stress viel zu kurz kommt: Die Weihnachtsstimmung und Freude auf das Fest.