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Duden Open | #10Tage10Texte - Tag 7

Die Texte der Finalistinnen und Finalisten - Tag 7

 

Janice Holtz: Frei erfunden oder doch die Wahrheit?

Ein weißes unscheinbares Gebäude in einem Industriegebiet, soll eine Geschichte haben, die es in sich hat. Es soll nämlich zu Nazi-Zeiten Teil eines Konzentrationslagers gewesen sein. Anfang des Jahres sind Flüchtlinge in das Gebäude gezogen. Doch es gibt viele Meinungen über die Geschichte des Gebäudes.

„Zu Hause auf dem KZ Gelände“, „Flüchtlinge im ehemaligen KZ-Außenlager Buchenwald untergebracht“ und „Schwerte hält an KZ-Baracke als Unterbringung fest“. Das sind die Schlagzeilen, die im Januar die Stadt Schwerte erschüttert haben. Denn der Plan der hochverschuldeten Stadt war: Flüchtlinge in einem Gebäude in der Ernst-Gremler-Straße unterzubringen, da für Container das Geld fehlte. Diese Straße befindet sich im Stadtteil Schwerte-Ost. 1944 war dort ein Nebenlager des KZBuchenwald aus Weimar. In diesem Lager wurden Häftlinge gezwungen im Eisenbahnausbesserungswerk an Lokomotiven zu arbeiten. Etwas unsensibel, Flüchtlinge in einem ehemaligen KZ unterzubringen? Das sehen auf jeden Fall die Zeitungen und die Politik so. Birgit Nanjok vom NRW – Flüchtlingsrat sagt in einem Interview mit dem MDR: „Es ist bedenklich und befremdlich und dabei kommen böse Erinnerungen und unheilvolle Bilder hoch.“ Doch wenn man sich mit dem Thema befasst und alle Zeitungsartikel liest und die Meinung der Stadt hört, können Zweifel aufkommen. Denn fast alle Zeitungen haben andere Informationen über die Geschichte des Gebäudes in dem seit Anfang des Jahres 21 alleinstehende junge Männer aus Eritrea, Syrien und auch China wohnen.

Unterschiedliche Informationen

Der Stern und der Spiegel schreiben, dass in dem Gebäude SS-Aufseher gewohnt haben sollen. Doch der Bürgermeister Heinrich Böckelühr dementiert diese Aussage. Das Westfälische Denkmalamt habe Luftbildaufnahmen ausgewertet und sei zu dem Schluss gekommen, dass das Gebäude in den 50er Jahren neu gebaut worden sei. Die Zeit schreibt auch, dass eine Mitarbeiterin des Westfälischen Denkmalamts auf einer Pressekonferenz gesagt haben soll: „Hier haben also weder Zwangsarbeiter noch SS-Leute gewohnt.“ Die Luftaufnahmen konnte weder der Bürgermeister noch jemand vom Westfälischen Denkmalamt zeigen. Der Pressesprecher der Stadt Schwerte Carsten Morgenthal geht in einem Interview sogar so weit, dass er sagt: „Dieses Gebäude vor dem wir hier stehen, befand sich eben gerade nicht im Außenlager des KZs Buchenwald sondern in einem benachbarten Bereich. Hier wurden Arbeiter des KZs Untergebracht.“ Doch was stimmt? Die Huffington Post bringt Mitte September einen neuen Artikel mit der Überschrift: „Flüchtlinge im Konzentrationslager? Das steckt wirklich hinter dem Skandal“ heraus. In diesem Artikel schreibt der Autor ebenfalls, dass das Gebäude nach dem zweiten Weltkrieg neu erbaut wurde. Zuletzt wurde dieses Gebäude auch als Künstleratelier genutzt und das würde die Geschichte nicht mehr so makaber machen. Auch Morgenthal bestätigt diese Aussage: „In den 90er Jahren diente das Gebäude bereits schon einmal als Unterbringung für Flüchtlinge. Es wurde danach auch als Kindergarten genutzt und als Künstleratelier. Vor diesem Hintergrund hatte niemand damit gerechnet, dass sich an der Auswahl dieses Gebäudes Kritik entzünden konnte.“ Dagmar Höke ist Flüchtlingshelferin vom Arbeitskreis Asyl und sie erzählt: „Als meine Kinder klein waren, waren wir schon mal in diesem Gebäude, denn damals war es ein Waldorfkindergarten. Ich habe überlegt, sie dort anzumelden.“

Informationsveranstaltung mit wenigen Besuchern

Auf die Frage wie die Zeitungen wohl darauf gekommen sind, dass das heutige Flüchtlingsheim mal zum KZ Außenlager gehört haben soll, antwortet der Pressesprecher: „Ich habe keine Ahnung. Wir waren auch überrascht über die Kritik, die ich an der Auswahl dieses Gebäudes entzündete.“ Weiter sagt er auch, dass die Stadt keine Nachhilfe in Geschichtsunterricht braucht. Sie würden sensibel mit dem Thema umgehen und seien auf jede Unterkunft angewiesen, die sie kriegen würden. Höke erzählt: „Nachdem dann jener große Presserummel war, haben wir sogar eine Informationsveranstaltung für die Flüchtlinge machen wollen, weil wir denen ja erklären wollte, was ist hier eigentlich gewesen. Wir haben zwei Wochen einen Aushang in mehreren Sprachen gemacht, wir haben die Pfadfinder nebenan gebeten, uns einen großen Saal zur Verfügung zu stellen. Gekommen sind von den 21 Männern fünf.“ Mit der kleinen Gruppe sind sie dann zur Gedenkstätte des KZ Buchenwald gegangen, die nur wenige Meter entfernt vom Flüchtlingsheim liegt. Dort ist heute ein Mahnmal wo regelmäßig Gedenkfeiern abgehalten werden. Der Künstler Horst Wegener hat eine Plastik für diesen Ort angefertigt und es gibt eine Gedenktafel der französischen Zwangsarbeiter. „Zu dem Mahnmal ist nicht eine Frage gekommen. Sie haben sich alle gefreut, dass wir da waren, dass sie mit ihrem persönlichen Schicksal kommen konnten“, erinnert sich Höke. Denn sie weiß, dass es für die Flüchtlinge ganz egal ist, welche Geschichte hinter den Mauern ihres Heimes steckt. Für sie zählt nur ein: Sicherheit und ein Dach über dem Kopf.