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Duden Open | #10Tage10Texte - Tag 6

Die Texte der Finalistinnen und Finalisten - Tag 6

 

Rebecca Notter: All colours are beautiful.

Es ist Vormittag und ich steige - wie üblich - in die Bahn nach Stuttgart. Schrill blinken und piepen die Türen beim Schließen. Ich sehe mich um. Sitzplätze hat es genug, weshalb ich mir - wie üblich - eine leere Viererbank aussuche. Vorbei sind die Rush Hour und das Gedränge der Schüler und Geschäftsleute. Stattdessen wird die Bahn nunmehr von Hausfrauen, Rentnern und Studenten wie mir bevölkert. Auf dem Sitz neben mir nimmt ein Mann Platz. Mitte dreißig, afrikanischer Herkunft. Ich weiß nicht genau, was mich darauf schließen lässt. Er könnte genauso gut schon seit 20 Jahren hier leben. Vielleicht der Rucksack, der brav zwischen seinen Beinen Platz nimmt, vielleicht auch die Cap oder die Tatsache, dass sich in einer fast leeren Bahn unsere Arme zwangsläufig berühren müssen. Es macht mir nicht viel aus, nicht mehr als bei jedem Anderen. Ich ignoriere ihn, genau wie jeden Anderen. Er ignoriert mich, wahrscheinlich nicht wie jede Andere. Auch wenn mein Blick über die am Fenster vorbeirauschenden Landschaften schweift, bleiben meine Gedanken an ihm hängen. Manch ein Vertreter der deutschen Willkommenskultur hätte ihn sicher auf Englisch angesprochen, nach seiner Herkunft gefragt, wie es ihm bisher in Deutschland ergangen sei. Ein Anderer vielleicht feindselige Blicke von der Seite geschossen. Ich hingegen schweige. Es ist das perfekte Sinnbild dafür, wie ich versuche, mit der aktuellen Flüchtlingsthematik umzugehen. Ich akzeptiere und ignoriere. Mache mir meine Gedanken. Und behalte sie für mich. Nur engsten Freunden, Gleichgesinnten vertraue ich mich an. Und damit bin ich nicht die Einzige.

Zurzeit teilt sich die deutsche Gesellschaft in zwei grundverschiedene Lager. So gibt es diese, zumeist aus akademischen Haushalten stammend, die dem Flüchtlingszuzug positiv entgegensehen. Andererseits jene, die dieser Einstellung skeptisch gegenüberstehen. Auch geografisch schlägt die Flüchtlingskrise eine Kerbe in die Gesellschaft: Während der Westen mehr Flüchtlinge aufnehmen möchte, reagiert die Bevölkerung Ostdeutschlands verhaltener. Dabei verhärten die Fronten zunehmend, die Kerbe wird zum Graben. Keine der beiden Seiten möchte sich auch nur mit der Position des Gegners auseinandersetzen. Sie wird abgelehnt. Punkt. Und so behält manch einer (wie ich) seine Haltung lieber für sich oder nimmt in diesem Meinungsgefecht keine klare Position ein. Werden wir darauf angesprochen begründen wir unsere Entscheidung mit: „Das Thema ist zu unübersichtlich. Ich kenne mich damit nicht aus. Das sollen Andere entscheiden.“ Nach außen hin wird die allgemeingültige Meinung vertreten, um nicht in Unannehmlichkeiten zu geraten. Um aber zu des Pudels Kern vorzudringen: Hinter all diesen Worten versteckt sich in Wirklichkeit die Angst, etwas Falsches zu sagen oder zu tun. Teilweise gegenüber den Flüchtlingen, hauptsächlich gegenüber den eigenen Leuten. Und sich damit ins gesellschaftliche Aus zu kicken.

Die jüngere deutsche Geschichte hat uns gelehrt, toleranter zu sein, offener, bunter. Innerhalb eines gesetzlichen Rahmens, hinter dem Werte und Normen stehen, die es zu wahren gilt. Dem wird sicher kaum jemand widersprechen. Dennoch haben wir Angst. Angst vor dem Ungewissen, dem Neuen, dem Fremden. Eine Angst, wie es sie schon immer gab und auch in Zukunft geben wird. Sei es vor Terrorismus und Kriminalität, fremden Kulturen, Sprachen, Weltanschauungen… Diese Angst ist natürlich – nicht gerechtfertigt. Natürlich. Wir müssen nur einen Blick in die Nachrichten werfen, von Bombenangriffen und Aufmärschen des IS erfahren. Fast 60% der Deutschen haben nach einer aktuellen Umfrage Angst vor Anschlägen und Gewalt. Was auch auf Flüchtlinge und Migranten projiziert wird. Erst neulich erhielt ich gegen Abend die SMS einer Freundin. Sie glaubte, einem Fremden mit „verdächtigem Rucksack“ gegenüberzusitzen. Natürlich ging keine Bombe hoch.

Doch die Angst ist da, sitzt tief. Nicht nur bei meiner Freundin, nicht nur bei mir. Auf gesellschaftlichen Druck hin bleibt sie unter der Oberfläche versteckt, wird dort größer und sucht sich - Wildwuchs gleich - einen Platz, um allmählich das Vertrauen in die Gesellschaft und die Menschheit auszuhöhlen. Denn wie überall im Leben führen unterdrückte und missverstandene Gefühle zu Unzufriedenheit. Meiner Meinung nach hat die Angst eine Daseinsberechtigung. Man sollte sie zeigen können und dürfen. Denn, ob ausgesprochen oder nicht: Da ist sie auf jeden Fall. Und nur durch ihre Aussprache und vor allem das Versprechen, sie ernst zu nehmen, kann sie von uns genommen und mit ihr umgegangen werden.

Unsere Gesellschaft ist in Sachen Flüchtlingskrise schon zerrüttet genug. Die Einen zünden Feuer der Freundschaft an Deutschlands Bahnhöfen, die Anderen Feuer der Zerstörung in Deutschlands Flüchtlingsheimen. Und eine dritte Gruppe enthält sich, nickt nach außen hin freundlich, heißt die Willkommenskultur gut. Hinter vorgehaltener Hand hingegen und im Vertrauen erzählt man sich Anderes, die wahren Gefühle und Ängste. Schließlich „… darf man das ja nicht laut sagen.“ Hier befindet sich die Wurzel des Problems. Mit Ängsten und Meinungen kann nur umgegangen werden, wenn man sie laut ausspricht. Die einen erweisen sich als falsch und werden ihrer Existenzgrundlage entzogen. Andere decken vielleicht auf, was die Gesellschaft ansonsten totgeschwiegen hätte. In Deutschland hat jede Meinung das Recht, gehört zu werden. Nicht unbedingt toleriert, aber auch nicht ignoriert. Machen wir uns selbst nicht schuldig, wenn wir uns gegenseitig Ketten der Konventionen anlegen? Ketten, aus denen sich manche freikämpfen und in eine Richtung streben, die niemandem gut tut? Toleranz braucht Offenheit – nicht nur Fremden, sondern auch den eigenen Leuten gegenüber. Denn wer sich und seine Ängste nicht ernstgenommen fühlt oder Angst vor gesellschaftlichen Sanktionen haben muss, entwickelt allmählich einen Groll, der nach einem Schuldigen, einem Sündenbock sucht....

Die geringste Schuld tragen jene, die es ertragen müssen. Salopp gefragt: Wer sind diese Flüchtlinge überhaupt? Man hört nur hinter vorgehaltener Hand von ihnen oder ignoriert sie in der Bahn, auf der Straße, an der Bushaltestelle. Flüchtlinge sind noch immer kein Teil unseres Alltags geworden – sie bevölkern in Deutschland eine zweite Welt, der es an Transparenz und Brücken zu uns fehlt. Das ist ein Grund, warum Leute wie ich den Mann neben sich so gut ignorieren können. Wenn ich aussteige, bleibt nur eine kurze Erinnerung an ihn, wie er still neben mir gesessen hat, mit einem Reiseziel, das ich nicht kenne. Danach habe ich ihn vergessen und widme mich wieder meinem Leben. Weil ich es kann. Und weil ich Angst habe, von dem Spalt, der unsere Gesellschaft teilt, verschluckt zu werden.

Das schrille Piepen und Blinken setzt wieder ein als ich am Hauptbahnhof aus der Bahn steige. Menschen schlängeln sich an mir vorbei, wollen ihre Anschlusszüge erreichen. Ich halte kurz inne, um vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben einen zweiten Blick auf den Mann zu erhaschen, der die letzten 30 Minuten mein schweigsamer Sitznachbar war. Er sah nicht aus wie jemand, der aus religiösen Gründen gewalttätig wird oder junge Mädchen belästigt. (Wie ich es von Bekannten einer Bekannten mitbekommen hatte…) Er wirkte eher friedlich. Vielleicht nicht unbedingt angekommen, aber zumindest angenommen. Erst jetzt sehe ich, dass der Waggon, in dem wir gesessen haben, über und über mit Graffiti im Stil der 70er-Jahre bedeckt ist. Gelborangene Blumen, rote und blaue Kreise, grünliche Wellenmuster verschmelzen zu einem großen Farbklecks. Ein Flickenteppich aus Farben und Formen – einzelne Puzzleteile, die zusammen ein Bild ergeben. „All colours are beautiful“ steht in runden, bunten Großbuchstaben darauf. Ich lächle traurig. ‚Wenn es nur so einfach wäre…‘, denke ich und vergesse, noch einmal nach dem Mann im Waggon zu sehen.