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Duden Open | #10Tage10Texte - Tag 4

Die Texte der Finalistinnen und Finalisten - Tag 4


Dominik Lambertz: Team ohne Stempel

Es ist der 13. Dezember 2015, ein Adventssonntag, an dem man kaum einen Schritt aus dem Bett wagen möchte. Das Haus verlassen? Auf keinen Fall! Hinter der Fensterscheibe warten schließlich nichts als Nieselregen und kalte Windböen. Wer jetzt noch freiwillig rausgeht, muss wahnsinnig sein - oder Kreisliga-Fußballer. 

Auf dem Weg in die Kölner Südstadt überfliege ich die Meldungen des Tages auf meinem Smartphone. Ob Bild, Tagesschau oder Spiegel Online, das Schlagwort des Jahres findet sich gefühlt in jedem zweiten Artikel: Flüchtlinge. Wie viele? Warum? Wohin mit ihnen? Täglich aktualisierte Prognosen, Ursachenforschung und bewegende Porträts. Wer auf der Suche nach Stoff für Letztere ist, würde sicherlich heute auf dem Gelände der Spielvereinigung Arminia 09 in Köln-Zollstock fündig. Denn hier tritt das Team H.O.P.E zu seinem letzten Ligaspiel vor der Winterpause an, eine Kreisligamannschaft, zusammengesetzt aus Flüchtlingen erschiedenster Herkunft. 
 
Doch auf dem Fußballplatz, soll das Schicksal der jungen Männer zumindest für eine kurze Zeit in den Hintergrund treten, meint Ben Meßner, Gründer und Spielertrainer des Teams: "Dadurch, dass sie sich bewegen und Spaß haben, können sie auch ein wenig vergessen, was hinter ihnen liegt. Für die 90 Minuten im Training oder im Spiel zählt nur, mit der Mannschaft erfolgreich zu sein und nicht, was sie in den vergangenen zwei Jahren erleben mussten" 
 
Hope, Opportunity, Peace, Empathy - das sind die vier Leitbegriffe, an denen sich die Mannschaft orientiert. Der Name soll Programm sein für das Team, in dem sowohl Syrer, Iraker und Nigerianer als auch Deutsche spielen. Dennoch ist er Ben irgendwie unangenehm: „Also eigentlich sind wir ja Arminia II. Ich wollte nicht direkt diesen Stempel haben." 
 
Kein Stempel, keine Vorurteile und kein Mitleid. Der Sport soll den Männern vor allem eines bieten: Ein Stück Normalität. „Die Regeln sind für alle gleich. Egal, welchen Status du hast. Du bist im Fußball nicht „der Flüchtling", sondern „der Stürmer" oder „der Zehner". " , so Meßner. Im Verlauf der Partie an diesem Sonntag wird klar: Auf eine Sonderbehandlung brauchen Ben's Schützlinge gar nicht erst hoffen. Trikotzerren, Nachtreten und andere Nickligkeiten gehören in der Kreisliga D schlicht und einfach für jedes Team dazu. Manchmal tut Integration eben weh. 
 
Verstecken müssen sie sich allerdings auch nicht. Einem Zweikampf aus dem Weg zu gehen kommt für keinen von ihnen in Frage. Auch nicht für Shivan aus Syrien, 21 Jahre alt. Er ist Innenverteidiger, ein stiller Anführer. Einer, der lieber Grätschen als Worte sprechen lässt. Heute steht er in der Startaufstellung, vor dem Anpfiff wirkt er sehr fokussiert. Sein Traum ist es, eines Tages Profi zu werden. Wie realistisch dieser Wunsch ist, sei vorerst dahingestellt - doch er treibt ihn in jedem Spiel an. Typisch Kreisliga eben. 
 
Ebenso typisch wie die Cola-Flaschen, die neben der Auswechselbank platziert werden - auch in der Kreisliga wird der Gefahr der Unterzuckerung eines Spielers gewissenhaft vorgebeugt. Ebenso typisch wie der - wohlwollend ausgedrückt - sehr erfahrene Spielleiter, dessen sympathischer Wohlstandsbauch nur unzureichend vom gelben Schiedsrichtertrikot kaschiert wird. Und ebenso typisch wie die leicht muffigen, grünen Leibchen, die sich die Spieler des Gästeteams FC Bosna überstreifen müssen, da beide Mannschaften in hellblauen Trikots auflaufen. 
 
Um 13.02 Uhr ertönt schließlich der Anpfiff, es folgt ein harter Kampf auf dem vom Regen durchnässten Ascheplatz. Das Spiel ist gemäß den Erwartungen nichts für taktische Feingeister und Schönwetterfußballer. Shivan und sein Gegenspieler überlassen einander keinen Meter Raum. Sobald der Ball in ihre Richtung gespielt wird, liegt einer der beiden am Boden. Bereits nach wenigen Minuten sind ihre Trikots mit einer Schicht aus dunkelbraunem Matsch überzogen. In der 15. Minute wird das Team zum ersten Mal für seinen Einsatz belohnt: Linksaußen Abdullah steckt am Strafraumrand geschickt durch auf Hamid. Der kräftige Stürmer hebt kurz den Kopf um den Torhüter auszugucken und hat keine große Mühe, den Ball im linken Toreck zu versenken. 1:0 für Arminia II! Die Mannschaft ackert weiter hart und schafft es so, die Führung in die Halbzeitpause zu retten.
 
Inzwischen, hat sich ein älterer Herr mit grauem, zerzaustem Haar zu mir an den Spielfeldrand gesellt. Er trägt eine dunkelblaue Trainingsjacke mit dem Vereinswappen von Arminia 09 und begrüßt mich freundlich. Sein Name ist Wilfried Kuhrer, er ist seit 30 Jahren Platzwart und Jugendtrainer bei der Arminia. „Der Verein ist so etwas wie meine Heimat. Und er soll auch eine Heimat für die Jungs sein.“, erklärt er mir in einem fast väterlichen Ton. Dann beginnt er sich über politische Parteien zu entrüsten, über den DFB und die Stadtverwaltung, die die kleinen Vereine finanziell im Stich ließen. Ich verfolge derweil das weitere Spielgeschehen. Bosna erzielt kurz nach Beginn der zweiten Spielhälfte den Ausgleich. Doch in der 65. Minute gelingt Shivan per Kopfball der erneute Führungstreffer. Fünf Minuten später ist dieser jedoch ebenfalls egalisiert - 2:2. Weitere fünf Minuten verstreichen, ehe sich eine neue Torgelegenheit auftut. Mannschaftskapitän Mohamad schlägt per Freistoß eine Flanke an den Fünfmeterraum. Diese findet den Kopf von Shivan, der wie schon bei seinem ersten Treffer aus der Verteidigung nach vorne geeilt ist – der Ball springt ins Tor, das gesamte Team fällt Shivan um den Hals und gibt die Führung in der verbleibenden Spielzeit nicht mehr aus den Händen. Entstand: 3:2 für Arminia II. Ein denkwürdiger Jahresabschluss. 
 
Ben Meßner ist zufrieden. Nicht nur wegen des Sieges. „Niemand verliert gerne. Da ist es egal, aus welcher Kultur du stammst.“, gibt er zu. Der tatsächliche sportliche Erfolg der Mannschaft ist für ihn dennoch eher zweitrangig. „Über den Sport lernen wir die Leute kennen. Dadurch hat man eine gute Basis miteinander, man vertraut sich. Und dann erzählen sie mir auch ihre Geschichte, was sie vorher gemacht haben. Er weist darauf hin, dass es für viele Flüchtlingen absolut ungewohnt sei, auf fremde Unterstützung angewiesen zu sein: „Die meisten Leute waren in ihren Heimatländern nicht davon abhängig, dass jemand anders etwas für sie macht. Denen ist es auch ein Stück weit unangenehm, dass man ihnen Sachen abnimmt.“ Auch hier leistet der Fußball Abhilfe. Auf dem Platz wird ihnen nichts abgenommen. Sprinten, passen und flanken können nur sie allein. Zu lernen, fest auf den eigenen Beinen zu stehen ist auch dabei enorm wichtig. Meßner beklagt zudem, dass junge Männer bei der Flüchtlingsarbeit übergangen werden: „Viele machen gerne etwas mit Kindern, oder häkeln mit den Müttern. Dabei bleiben die Männer oft auf der Strecke - und die haben natürlich auch überschüssige Energie. Die können sie dann hier raus ballern." 
 
Einige haben so viel Energie, dass sie an diesem Sonntag den Sportplatz gar nicht verlassen wollen. Dazu gehört auch Shivan. Nach dem Spiel stellt er sich für einige Minuten unter dem Wellblechdach des Vereinsheims unter. Gemeinsam mit Teamkamerad Abdullah genießt er lächelnd eine Siegerzigarette. Doch kaum hat er den letzten Zug genommen, läuft er schon wieder auf den Platz. Er soll bei der ersten Mannschaft aushelfen, die im Anschluss spielt. Bevor er das Spielfeld betritt, halte ich ihn kurz auf, um ein paar Fragen zu stellen. Sein Freund Aras übersetzt für ihn ins Arabische. Wie er sich nach seinen Treffern fühle? Super! Was der Fußball für ihn bedeute? Sein Leben! Man sieht Shivan die Freude an - ein Mann der vielen Worte ist er jedoch auch nach diesem großartigen Spiel nicht. Eine letzte Frage, stelle ich ihm allerdings noch: „Was war das erste deutsche Wort, das du in der Mannschaft gelernt hast?“ Shivan grinst breit: „Weiter, weiter!“. Dann rennt er wieder auf den Platz um sich auf seinen nächsten Einsatz vorzubereiten.