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Drahtlose Leidenschaft

von Henning Rasche

Wenn Jonas, 16 Jahre, davon spricht, dass er Musik hört, dann sitzt er vor einem flimmernden Rechteck und hört das Lechzen und Stöhnen seines Computers als dritte Begleitstimme im Hintergrund. Mit seinem „YouTube“-Programm macht er – ohne zu zahlen und illegal - aus den Videos der Plattform seine Musiktitel. Einen nach dem anderen brennt er auf seine Festplatte. 3:30 Minuten – monatelange Arbeit der Künstler presst Jonas in winzige MP3-Dateien. Rund 11000 hat er schon. Jede Stunde werden es mehr. Ob er sich noch an jedes Lied erinnern könne, will man von ihm wissen. „Nein“, sagt er. „Keine Ahnung.“

Jonas kennt Musik nicht mehr anders. Für seine Generationen kam und kommt die Musik schon immer aus dem Internet. CDs, geschweige denn Schallplatten oder Kassetten – das sind höchstens noch Antiquitäten für das Haus der Geschichte in Bonn. Und so ist es Jonas‘ Geschichte, die Sinnbild und Ursache dafür geworden ist, wie sich die Beziehung zwischen Mensch und Musik und zwischen Mensch und Künstler stetig verändert hat. Auf der Reise von der CD zur MP3 wurde mehr aufgegeben als nur eine silberne Scheibe. Die MP3 steht für Fluktuation, für Oberflächlichkeit, für Anonymität.

Es hat sich viel verändert. Wer vor vielleicht zehn Jahren Musik hören wollte, der kam nicht umher sich in ein Kaufhaus zu begeben und nach der passenden CD zu suchen. Ein Aufwand, der dauerte, wusste man doch nicht genau was es werden sollte. André Rieu zwischen den „Red Hot Chili Peppers“ und Richard Wagner – der Weg zur CD konnte zu einer derartigen Geduldsprobe werden, dass der Fund am Ende zur Überschwänglichkeit führen konnte. Es ist dies der Weg, der Vorfreude entfacht und Emotionalität zur CD aufbaut. Der Künstler, der mitunter Zeiten seines Lebens in sein Werk - die CD - steckte, konnte sich eines gewiss sein: der aufrichtigen Bewunderung des Hörers. Wer bereit war 20 Euro für zwölf Lieder auf den Tresen zu legen, der bewies echte Leidenschaft.

Heute sitzen Mädchen und Jungen, Frauen und Männer wie Jonas vor ihrem PC und laden sich mit einem „Klick“ alles aus dem Internet was sie vermeintlich gebrauchen könnten. Es ist eine Sache, dass viele von ihnen das Urheberrecht missachten und an die vermeintliche „Freiheit“ im Internet glauben. Da gibt es den Rechtsstaat, der im Rahmen seiner Möglichkeiten versucht dem Einhalt zu gebieten. Da gibt es Plattformen wie „iTunes“ oder „Musicload“, bei denen es die MP3-Dateien zu kaufen gibt. Die Chance sich rechtens im Internet mit Musik zu versorgen – es gibt sie. Doch wie steht es um unsere Beziehung zur Musik im Netz? Hierfür gibt es keinen Staat, der diese alte Liebe wieder entfachen kann, keinen „iTunes“-Store, der uns dieses verloren gegangene Gefühl der Vorfreude wiederbrächte.

Sicher, Neuerungen sind nicht schon des Prinzipes wegen schlecht. Musik im Internet kann nicht schon deswegen negativ sein, weil sie einfacher zu bekommen ist. Musik ist zugänglicher geworden durch das Internet, verbreiteter. Das Netz bietet Gelegenheit über den Tellerrand hinauszuschauen. Es lädt ein, in Genres der Musik einzutauchen, die unbekannt erscheinen, gegenüber denen man Abneigung verspürte. Doch ist dies, die ständige Vereinfachung, nicht nur ein weiterer Ausdruck unserer Bequemlichkeit? Wer würde behaupten, dass es diese Chancen nicht vorher auch gegeben hätte? Sie waren nur mit Einsatz verbunden.

Es soll dies kein rückschrittlicher Appell sein, verbunden mit der Aufforderung „zurück in die Vergangenheit.“ Nein, aber Musik ist Ausdruck höchster Emotionen. Künstler verarbeiten ihr eigenes Schicksal in ihren Werken. Ein Teil ihres Lebens steckt in jedem Lied. Und für den Hörer bieten die Werke die Gelegenheit, die eigenen Umstände in die Musik zu interpretieren. Musik begleitet, Musik tröstet, Musik hilft und Musik ist Therapie. Ist dieses hohe Kulturgut nicht viel zu schade, um nur zum ständigen Hintergrund herabgewürdigt zu werden? Während wir arbeiten oder essen oder spielen, sogar beim Schlafen – die Musik ist omnipräsent. Und doch ist sie nie Mittelpunkt, sondern nur Begleiterscheinung.

Jonas wird der Musik nicht abschwören. Warum auch? Er kennt es nicht anders und CDs sind immer komplizierter zu bekommen. Bequemlichkeit, ja, ein Stück weit, das gibt Jonas zu. Doch ein wenig wird Jonas dann doch noch nachdenklich. Vorfreude? Auf Musik? So etwas kenne er nicht.
Das Prinzip der sofortigen Selbstbelohnung, das im Internet durch den „Klick“ zum Download Einzug erhält, es ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Nicht nur zwischen Computer und Internet ist der Draht verloren gegangen, sondern auch zwischen Künstler und Hörer.