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Die Rheinkultur ist Geschichte

von Maximilian Mühlens

Sie war laut, fröhlich, ein Publikumsmagnet und seit jeher kostenlos – die Rheinkultur, Deutschlands größtes Umsonst-und-Draußen-Festival.

Am Mittwoch, den 9. November 2011, um kurz nach zehn Uhr am Morgen wurde das endgültige Aus des beliebten Festivals verkündet. Rund dreißig Journalistinnen und Journalisten folgten der Einladung der Rheinkultur-Geschäftsführer Sabine Funke und Holger Jan Schmidt in das Parkrestaurant Rheinaue in Bonn. Betreff der Einladung: Die Zukunft der Rheinkultur. Funke und Schmidt saßen am Kopf einer langen Tafel und besprachen noch kurz vor der Pressekonferenz die Inhalte einiger Dokumente, die sie in ihren Händen hielten. Die versammelte Presse bestaunte währenddessen eine Diashow mit den schönsten Fotos aus den letzten Festival-Jahren. Keiner wusste zu diesem Zeitpunkt, welche Hiobsbotschaft etwas später für das kulturelle Leben in der Bundesstadt verkündet werden sollte.

60.000 Euro fehlten in der Kasse

Deutschlands größtem, kostenfreien Festival ging es seit der „Katastrophen-Rheinkultur 2010“ finanziell sehr schlecht . Mit rund 60.000 Festival-Besuchern kam im letzten Jahr nur die Hälfte der erwarteten Musik-Fans. Viele Menschen saßen lieber vor dem heimischen Fernseher oder verfolgten beim Public-Viewing das WM-Spiel Deutschland gegen Argentinien. Ein schweres Unwetter vertrieb bei den übrigen Besuchern die Lust auf Live-Musik unter freiem Himmel.

In der Kasse der Veranstalter tat sich ein mächtiges Loch auf. 60.000 Euro fehlten am Ende in der Kasse - das Festival geriet ins Wanken. Die Veranstalter, Fans und befreundete Bands starteten eine „Retter-Offensive“ um das fehlende Geld aufzutreiben, um so das Festival zu retten. So wurden „Retter“-T-Shirts verkauft und eine „Retter-Gala“ ins Leben gerufen. Mehrere tausend Menschen sollte die Gala an Weihnachten in die Bonner Beethovenhalle ziehen und bei Musik von bekannten Bands zum Spenden ermutigen. Haken an der Sache: Das Interesse an einer „Retter-Gala“ war nur sehr gering, sodass nur wenige Eintrittskarten verkauft werden konnten. Die Veranstalter entschieden kurzfristig die Gala abzusagen. Rheinkultur und Eintritt passen nicht zusammen.

Dennoch gelang es, die Schuldensumme durch die „Retter-Offensive“ soweit runter zu drücken, dass 2011 eine 29. Ausgabe des Festivals stattfinden konnte.
So erlebten am 2. Juli rund 160.000 Besucher ein Musik-Festival der Extra-Klasse. Schon am späten Mittag musste das Festival-Gelände aufgrund von Überfüllung geschlossen werden. 49 Bands auf fünf Bühnen heizten den Musik-Fans ein, darunter bekannte Festival-Größen, wie The Subway´s, Dick Brave, Razorlight oder Blumentopf. Das Festival schien gerettet, auch wenn es zu kleineren Zwischenfällen kam. So stürmten einige aufgebrachte Fans eine Bühne, als ein Konzert kurzfristig abgesagt werden musste. Andere Besucher hatten ihren Alkoholkonsum nicht unter Kontrolle, wieder andere randalierten in Bussen und Bahnen .

2012 wird es keine 30. Rheinkultur geben

Zehn Minuten nach dem eigentlichen Beginn der Pressekonferenz erhebt Rheinkultur- Geschäftsführer Holger Jan Schmidt die Stimme. Er verliest sichtlich gerührt und sehr langsam eine Presseerklärung. „Die Gesellschafter der Rheinkultur GmbH haben entschieden, dass es 2012 keine 30. Rheinkultur geben wird. Eine Zukunft für das Festival darüber hinaus ist ebenfalls ungewiss“, so Schmidt.

Betretene Gesichter sieht man unter den anwesenden Journalisten. Mit so einer Nachricht hätte man nicht gerechnet, alle wissen was sie bedeutet: Die Rheinkultur ist Geschichte. Nach einer grandiosen „Retter-Offensive“ 2010 ist ein großes und wichtiges Stück Kultur in Bonn gestorben. „Das ist ein Schock für mich! Damit hätte ich nicht gerechnet. Ich dachte, heute werden die Headliner für die Jubiläums- Rheinkultur verkündet“, erzählte eine sichtlich geschockte Journalistin am Ende der Pressekonferenz.
Die Veranstalter gehen bei den Gründen für die Absage vor allem mit der Stadt Bonn hart ins Gericht. Die Stadt habe die Strahlkraft des Festivals weit unterschätzt, beschwerte sich Holger Jan Schmidt.

Es war eines der Aushängeschilder der Stadt, unterstützt wurde dieses aber nicht. So wären konkrete Handlungen und Verbesserung seitens der Stadt „äußerst rar gesät“ gewesen. Über die finanziellen Zuschüsse der Stadt sei man zwar dankbar gewesen, allerdings sähen die Veranstalter ein „grundsätzliches Missverhältnis in der Aufteilung der Zuschüsse“. Des weiteren fühlten sich die Festival-Macher im Vergleich zu anderen Bonner Großevents „kontinuierlich ungleich behandelt“.

Aber auch das Verhalten einiger Festival-Besucher gefiel den Veranstaltern gar nicht. „Es ist zwar nicht einer der Hauptgründe der Absage, aber so ein Verhalten passt nicht zu unserem Festival!“, erklärte der Eventmanager.

Nicht zuletzt war das finanzielle Risiko einer weiteren Ausgabe des Festivals den Verantwortlichen zu hoch. „Wenn wir jetzt aufhören, geschieht dies in einer ausgeglichenen finanziellen Situation“, so der Chef des Musik-Festivals.

Bonn verliert innerhalb kürzester Zeit kulturelle Highlights

Nachdem im Sommer bekannt wurde, das die beliebten Open-Air-Konzerte auf dem Bonner Museumsplatz nicht mehr stattfinden werden, ist die Einstellung der Rheinkultur nun die zweite Hiobsbotschaft für die Kultur in Bonn. War gerade die Rheinkultur ein magischer Anziehungsort für junge Bonner, gibt es für diese nun faktisch kein Angebot mehr. Selbst die Verlegung der Open-Air Konzerte auf einen früheren Rugby-Platz in der Nähe der Rheinaue ist kein wirklicher Ersatz. Dort dürfen nur acht Konzerte stattfinden. Natürlich gibt es weiterhin ein musikalisches Angebot in der Bundesstadt, dieses deckt aber nur die klassische Musik und die Operette ab. Die benachbarte Millionen-Stadt Köln wird so für Jugendliche immer interessanter. Dort ist das musikalische Angebot für junge Menschen so groß, dass es fast schon unübersichtlich ist.