Konrad-Duden-Preis 2011
Interview mit dem Dudenpreisträger 2011, Professor Dr. Peter Schlobinski
Sie haben den Konrad-Duden-Preis unter anderem dafür bekommen, dass Sie nicht nur für ein akademisches Publikum, sondern auch für die breite Öffentlichkeit schreiben – was reizt Sie daran?
Es ist für mich als Wissenschaftler grundsätzlich wichtig, wissenschaftliche Erkenntnisse einem breiten Publikum zugänglich zu machen und auch so einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Dafür ist es notwendig – und es macht auch Spaß – so zu schreiben, dass man verstanden wird. Wenn die Sprachwissenschaft sich in den Elfenbeinturm Wissenschaft zurückzieht, hat sie kaum eine Zukunft.
Welche Aspekte der Sprache interessieren die Menschen Ihrer Erfahrung nach am meisten?
Immer wieder geht es um Fragen des Sprachverfalls, ob die deutsche Sprache sich dramatisch verändert, ob wegen dem Regen akzeptabel ist oder nicht und ähnliche Fragen. Eltern interessieren sich für den Spracherwerb und Schriftspracherwerb ihrer Kinder, nicht selten aus der unbegründeten Sorge, es könne im Erwerb etwas schieflaufen. Auch bezogen auf die Phase des Jugendalters haben Eltern oft Befürchtungen, dass ihre Kinder eine Szenesprache oder eine Art „Jargon“ sprechen und damit Probleme in ihrer Sozialisation haben könnten.
Sie untersuchen die Sprache von heute in ihren unterschiedlichen Bereichen, zum Beispiel Handykommunikation, Sprache im Internet, in der Sportberichterstattung oder in der Werbung. Was ist daran so spannend?
In all diesen Teilbereichen geht es letztlich um die Gegenwartssprache und darum, den aktuellen Sprachgebrauch zu dokumentieren und zu analysieren. Rückblickend sprachliche Entwicklungen zu analysieren ist sicherlich auch wichtig, aber „dem Volk aufs Maul sehen“, wie es Luther formuliert hat, und am Puls der Zeit zu forschen ebenso. Und mich interessiert besonders, wie sich aktuelle gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen auf Sprachgemeinschaften und die Sprache auswirken.
Was hat Sie auf die Idee gebracht, ein Buch über Fußballsprache zu schreiben?
Zum einen bin ich Fußballfan, zum andern Sprachwissenschaftler – was liegt da näher, als ein Buch über die Fußballsprache zu schreiben. Es gibt viele interessante Wörter und Wendungen im Bereich des Fußballwortschatzes, und nicht wenige haben ihren Niederschlag in der Umgangs- und Standardsprache gefunden. Schlagen Sie heute die Süddeutsche Zeitung auf: „Parteitag der Linken. Wie sich eine Partei selbst ins Abseits stellt.“ Man sollte nicht vergessen: Fußball und die Sprache des Fußballs und der Fußballberichterstattung haben einen großen Stellenwert in unserer Gesellschaft.
Haben Sie einen schnelleren Sprachwandel durch den Einfluss der Neuen Medien festgestellt?
Die Entwicklung der Neuen Medien befindet sich noch in der Babyphase, und von daher wäre es zu früh, aufgrund aller bisher vorliegenden Forschungsergebnisse diese Frage einfach zu bejahen. Fakt ist, dass die Neuen Medien einen großen Einfluss auf unsere Sprache und Kommunikationspraxen haben. Inwieweit aber ein Sprachwandel stattfindet und ob dieser gegenüber früheren Phasen eine Art beschleunigter Sprachwandel ist, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantwortet werden.
Ein weiteres wichtiges Forschungsgebiet von Ihnen ist die Untersuchung rechtsradikaler Texte – welche Aufklärungsarbeit können Sprachwissenschaftler auf dem Gebiet leisten?
Im Zentrum stehen hier Sprach- und Ideologiekritik, ein wichtiges Thema im Deutschunterricht, was aus diesem Grund auch in der Lehrerausbildung behandelt werden muss. Mithilfe linguistischer Analysen kann man sprachliche Gewalt, Diffamierung und rechte Sprachideologie sehr genau analysieren. Und man kann die Mechanismen von Freund-Feind-Schemata, von nationalsozialistischen Rückbezügen und Sprachlenkung einer kritischen Argumentation zugänglich machen.
Bei der Preisvergabe am 14. März in Mannheim hält der Preisträger eine Rede - worüber wollen Sie sprechen?
Über „Sprache und Kommunikation im digitalen Zeitalter“. Ich werde wohl eine grundsätzliche Einordnung verschiedener thematischer Aspekte vornehmen, positive und negative Punkte der digitalen Medienrevolution darstellen und ein wenig über zukünftige Entwicklungen spekulieren.