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Wort und Unwort des Jahres in Deutschland

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Wort und Unwort des Jahres in Deutschland

Das deutsche Wort des Jahres 2013: GroKo

Das Wort des Jahres

Das Wort des Jahres wird seit 1977 regelmäßig von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden bestimmt und seit 1978 in der Zeitschrift Der Sprachdienst publiziert. Die Jury stützt sich bei der Auswahl des nach ihrem Befund für das jeweilige Jahr charakteristischsten Wortes vor allem auf Belege aus den Medien.

Mehr über die Wörter des Jahres seit 2003 erfahren Sie, wenn Sie auf das jeweilige Wort in der Liste klicken.

Das Unwort des Jahres

Mit dem Unwort des Jahres werden seit 1991 sprachliche Missgriffe in der öffentlichen Kommunikation bezeichnet, die sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise die Menschenwürde verletzen. Eine überregional eingesetzte Jury stützt sich bei der Auswahl auf Zuschriften von Bürgerinnen und Bürgern.

Das Wort des Jahres
2013 GroKo
2012 Rettungsroutine
2011 Stresstest
2010 Wutbürger
2009 Abwrackprämie
2008 Finanzkrise
2007 Klimakatastrophe
2006 Fanmeile
2005 Bundeskanzlerin
2004 Hartz IV
2003 das alte Europa
2002 Teuro
2001 der 11. September
2000 Schwarzgeldaffäre
1999 Millennium
1998 Rot-Grün
1997 Reformstau
1996 Sparpaket
1995 Multimedia
1994 Superwahljahr
1993 Sozialabbau
1992 Politikverdrossenheit
1991 Besserwessi
1990 die neuen Bundesländer
1989 Reisefreiheit
1988 Gesundheitsreform
1987 Aids, Kondom
1986 Tschernobyl
1985 Glykol
1984 Umweltauto
1983 heißer Herbst
1982 Ellenbogengesellschaft
1981 Nulllösung
1980 Rasterfahndung
1979 Holocaust
1978 konspirative Wohnung
1977 Szene
Das Unwort des Jahres
2012 Opfer-Abo
2011 Döner-Morde
2010 alternativlos
2009 betriebsratsverseucht
2008 notleidende Banken
2007 Herdprämie
2006 freiwillige Ausreise
2005 Entlassungsproduktivität
2004 Humankapital
2003 Tätervolk
2002 Ich-AG
2001 Gotteskrieger
2000 national befreite Zone
1999 Kollateralschaden
1998 sozialverträgliches Frühableben
1997 Wohlstandsmüll
1996 Rentnerschwemme
1995 Diätenanpassung
1994 Peanuts
1993 Überfremdung
1992 ethnische Säuberung
1991 ausländerfrei

GroKo ist Wort des Jahres 2013

Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) hat heute Morgen das Wort des Jahres 2013 bekannt gegeben: GroKo.

GroKo ist ein Silbenkurzwort zusammengesetzt aus den ersten Silben der beiden Wörter große Koalition. „Das Wort des Jahres ist diesmal ein Wort der letzten Monate des Jahres und steht im Zusammenhang mit einem wichtigen Ereignis – der Bildung einer neuen Regierung“, sagt Dr. Werner Scholze-Stubenrecht, Leiter der Dudenredaktion.

„Kurzwörter wie das aus große Koalition gebildete GroKo dienen zum einen der Zeitersparnis und treten deshalb vor allem bei häufig gebrauchten Bezeichnungen auf. Sie signalisieren aber meist auch einen Abbau von Distanz – wenn der Professor zum Prof wird oder die Universität zur Uni, dann verliert sich damit auch ein wenig vom Nimbus des Besonderen. Auch „GroKo“ lässt sich vielleicht so erklären, denn der Großteil der Menschen ist zwar von ihr nicht begeistert, sieht sie aber unter den gegebenen Umständen immer noch als vernünftige, alltagstaugliche Lösung an“, so Scholze-Stubenrecht.

Das Wort des Jahres ist bislang noch nicht im aktuellen Rechtschreibduden oder auf Duden online verzeichnet. Ob es aufgenommen wird, kann man zurzeit noch nicht sagen, da das Wort noch sehr jung ist. Die Dudenredaktion wird dies in den kommenden Monaten beobachten.

Die Liste der von der GfdS gewählten Wörter lautet:

1. GroKo
2. Protz-Bischof
3. Armutseinwanderung
4. Zinsschmelze
5. Big Data
6. Ausschließeritis
7. Generation Sandsack
9. Ausländermaut
9. Falsche Neun
10. Freund hört mit

Lesen Sie hier eine Glosse zum neuen Wort des Jahres von Jochen A. Bär.

Jochen A. Bär (http://www.baer-linguistik.de) ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Vechta. Er ist Herausgeber des Titels "Von 'aufmüpfig' bis 'Teuro' - Die 'Wörter der Jahre' 1971-2002" aus der Reihe "Thema Deutsch".

GroKo

Die Bundestagswahl Ende September 2013 führte zu einer schwierigen Situation. Da CDU und CSU die absolute Mehrheit knapp verfehlten und die FDP es erstmals seit Bestehen der Bundesrepublik nicht ins Parlament schaffte, war Bundeskanzlerin Merkel auf einen anderen Koalitionspartner angewiesen. Die Grünen winkten schnell ab. Die SPD hingegen entschloss sich trotz der Bedenken und des Widerstandes vieler ihrer Mitglieder zu Koalitionsverhandlungen. Die Neuauflage der Großen Koalition (zuletzt hatte es eine solche von 2005 bis 2009 gegeben) stand im Raum und mit ihr das Wort des Jahres 2013: GroKo. Das Silbenkurzwort GroKo, zusammengesetzt aus den ersten Silben der beiden Bestandteile der Substantivgruppe Große Koalition, ist eines der ganz wenigen Kurz-wörter in der Liste der Wörter des Jahres: Insgesamt beträgt der Anteil nur 3,5 %; das erste Kurzwort war Disco (1978, Platz 6). Die Binnengroßschreibung ist nach geltender Rechtschreibung falsch; sie wird als Blickfang insbesondere in der Marketingsprache gern eingesetzt (BahnCard, ServicePoint usw.), wo sie suggerieren soll, der jeweilige Ausdruck sei eine Wortmarke, eine Art Eigenname. Im 17. Jahrhundert waren Groß-buchstaben im Wortinneren hingegen eine gängige Erscheinung.

Ist GroKo ein „Wort des Jahres“ 2013? Mit Sicherheit! Mitte Dezember ergab eine einfache Internetrecherche über eine Dreiviertelmillion Belege. Als Bestandteil von Zusammensetzungen, insbesondere als Erstglied, war GroKo sehr produktiv: Die GroKo-Wunschliste der verschiedenen Koalitionspartner war lang. Der GroKo-Frust bei Teilen der SPD war noch von 2009 her groß: Das damalige schlechte Wahlergebnis schrieb man der Tatsache zu, dass die Wählerinnen und Wähler die Erfolge der Großen Koalition überwiegend der CDU, unpopuläre Entscheidungen hingegen hauptsächlich der SPD angerechnet hätten. Die Zeit (20. 11.2013) präsentierte ein GroKo-Meter: einen Anzeiger zum Stand der Koalitionsverhandlungen; doch auch kritische Stimmen fehlten nicht. Auf der Internetseite journalistenwatch.com beispielsweise war die Rede von GroKo-Verarsche (12. 12. 2013). Die GroKo-Frage war übrigens zum Zeitpunkt der Wiesbadener Jahreswörterwahl (12. Dezember 2013) noch gar nicht endgültig entschieden, denn das GroKo-Votum der SPD-Mitglieder – die Parteiführung hatte sich der Rückendeckung durch eine Mitgliederbefragung versichern wollen – stand noch nicht fest. Große Koalitionen gab es in Deutschland schon früher; die Wortbildung GroKo spielte dabei aber keine Rolle – nicht 2005 und schon gar nicht 1966. Das Wort ist zwar nicht erst 2013 neu geprägt worden (bereits 2005 trat der Entertainer Harald Schmidt mit einer schwarz-roten Krokodil-Handpuppe namens Groko auf), aber es ist typisch für das Jahr 2013. Nicht zu vergessen: Auch in Österreich wurden 2013 komplizierte GroKo-Verhandlungen geführt; die Große Koalition von SPÖ und ÖVP entschied sich, ihre Arbeit fortzusetzen.

Ist GroKo das Wort des Jahres? Das wird davon abhängen, ob die Große Koalition tatsächlich zustande kommt und wie sie sich entwickelt. Sofern sich die Befürchtungen der GroKo-Gegner bewahrheiten und die SPD am Ende der Legislaturperiode wieder-um ähnlich schlecht dasteht wie 2009, wird GroKo zumindest in die sozialdemokra-tischen Annalen als das Wort des Jahres 2013 eingehen.

JOCHEN A. BÄR

Wort des Jahres 2012: Rettungsroutine

Ein Fachwort aus der Informatik und Computertechnologie machte 2012 im Politik- und Medienjargon Karriere: Unter einer Rettungsroutine versteht man ein Computerprogramm, das bei einer Störung, z. B. einem Stromausfall, automatisch Daten sichert, sodass diese nicht verloren gehen.

Das Zweitglied des Kompositums, Routine, stammt aus dem Französischen. Es handelt sich um das Diminutiv, also die Verkleinerungsform von Route (›Straße, Weg‹, über altfranzösisch rute zurückgehend auf lateinisch via rupta ›gebrochene Bahn, Bresche‹) und steht für einen (Lösungs)weg, den jemand gewohnheitsmäßig einzuschlagen pflegt. Wer routiniert handelt, verhält sich, insbesondere in brenzligen Situationen, automatisch richtig, ohne groß nachdenken zu müssen. Von Rettungsroutine kann somit auch gesprochen werden, wenn jemand bestimmte Rettungsabläufe oft geübt hat und sie deshalb auch unter Stress sicher beherrscht.

Das Nicht-nachdenken-Müssen birgt jedoch zugleich eine Gefahr. Neben der guten Routine, die im Alltag hilft, gibt es auch eine schlechte Routine: Man neigt selbst in Situationen, die eben doch ein besonderes Nachdenken erfordern, dazu, sich mit dem Standardprogramm zu begnügen.

Genau dieser Aspekt findet sich – als Kritik – in der Verwendungsweise, in der Rettungsroutine zum Wort des Jahres 2012 avancierte. Das Substantiv erscheint dabei im Zusammenhang mit den Bemühungen um einen Ausweg aus der europäischen Staatsschuldenkrise. Die überhandnehmende Verschuldung von Ländern wie Spanien, Portugal, Griechenland, Italien und selbst Frankreich und die Herabstufung ihrer Kreditwürdigkeit durch internationale – in der Regel amerikanische – Rating-Agenturen führt seit einigen Jahren dazu, dass die betroffenen Länder nur noch zu hohen Zinsen neue Kredite aufnehmen können. Ihre Schuldenlast nimmt dadurch immer weiter zu. Als Instrument dagegen wurde in der Europäischen Union der Euro-Rettungsmechanismus entwickelt, der es als (Euro-)Rettungsschirm 2008 und 2010 gleich zweimal unter die Wörter des Jahres schaffte. Die Tatsache, dass Deutschland als finanzstärkstes Euroland für den Löwenanteil der „Rettungsmilliarden“ (Welt, 9. 6. 2012) geradestehen muss, trug der „Rettungsschirm-Politik“ (Handelsblatt, 15. 6. 2012) der Bundesregierung zunehmend Ablehnung ein – nicht zuletzt aus den eigenen Reihen. Der prominenteste Kritiker war der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach. Er beklagte „eine Art Rettungsroutine“ (Wirtschaftswoche, 28. 3. 2012) bei den Euro-Finanzhilfen, also einen Automatismus, nach dem immer mehr Länder „an den Finanztropf“ kommen (FAZ, 5. 5. 2011). Die Befürchtung: „Endlose Rettungsroutine mit Deutschland als großem Zahlmeister“ (Solinger Tageblatt, 14. 11. 2012).

Routiniertes Verhalten wurde dabei paradoxerweise gerade vermisst: „Es ist mittlerweile der 19. EU-Gipfel seit dem Beginn des Schuldendramas in Griechenland vor mehr als zweieinhalb Jahren. Doch eine Rettungsroutine will sich bei den Staats- und Regierungschefs, die sich am Donnerstag auf ein Neues in Brüssel versammelten, nicht einstellen.“ (Potsdamer Neueste Nachrichten, 29. 6. 2012.) Rettungsroutine ohne Rettungsroutine: Gerade durch seine semantische Ambivalenz überzeugt das Substantiv als Jahreswort: Es steht symbolisch für die Unsicherheit, wie mit der existenziellen Situation der Euro-Schuldenkrise angemessen umzugehen ist.

Jochen A. Bär

Jochen A. Bär ist Herausgeber des Titels "'Von aufmüpfig bis Teuro' - Die 'Wörter der Jahre' 1971-2002" aus der Reihe "Thema Deutsch".

Wort des Jahres 2011: Stresstest

Stresstest ist das Wort des Jahres 2011

Das Wort des Jahres 2011, nur scheinbar ein lupenreiner Anglizismus (denn die englische Entsprechung lautet stress testing) bedeutet, wie im Online-Duden nachzulesen, Test, bei dem Reaktionen auf Stress [...] [d. h. erhöhte Beanspruchung, Belastung phy­sischer oder psychischer Art] gemessen werden (Stresstest; gesehen: 15.12.2011). In der Medizin wird dabei die Leistungsfähigkeit des Patienten bei körperlicher Anstrengung gemessen; in der Informatik versteht man unter einem Stresstest einen Versuch, der erproben soll, ob ein EDV-System auch unter hoher Belastung, beispielsweise bei einer großen Anzahl gleichzeitiger Nutzerzugriffe, einwandfrei arbeitet; im Finanzsektor wird kontrolliert, ob eine Bank bei unvorherge­sehenen Verlusten über genügend Eigenkapital verfügen würde, um wirtschaftlich am Leben zu bleiben. Bei einem Stresstest für Großbanken, der im Sommer 2011 durch­geführt wurde, zeigten sich die deutschen Geldinstitute allesamt weitgehend krisenfest - allerdings wurden wirklich harte Bedingungen, beispielsweise ein Staatsbankrott hoch verschuldeter Euroländer wie Griechenland, dabei nicht simuliert.

In der Nuklearenergie wird bei einem Stresstest festgestellt, ob ein Kernkraftwerk extremen Umwelteinflüssen standhalten kann. Die Ereignisse am 11. März im japani­schen Atommeiler Fukushima (Platz 5 der Jahreswörter 2011) zeigten aber, dass die Natur viel gewaltigere Kräfte freisetzen kann, als sie in jedem Krisenszenario bis dahin angenommen worden waren. Nach dem GAU in Fukushima fordete man einen sofor­tigen europaweiten Stresstest für Kernkraftwerke, der aber eben, so EU-Energiekom­missar Oettinger, kein Stresstest light sein dürfe (Hannoversche Allgemeine, 11. 5. 2011). Als Konsequenz aus der Katastrophe in Japan vollzog die deutsche Bundesre­gierung beinahe von einem Tag auf den anderen eine Wende um 180 Grad und verkündete den Atomausstieg – für die CDU, bisher Partei der Kernkraftbefürworter, eine harte Belastungsprobe (neudeutsch: Stresstest).

Dass das Wort immer häufiger verwendet wurde, blieb nicht unbemerkt. Neues Wort im Politsprech, titelte die Nürnberger Zeitung (19. 4. 2011): „Plötzlich ist der ‚Stresstest‘ in aller Munde“. Formulierungen wie Stresstest für die Beziehung, Behör­den im Stresstest, finaler Stresstest für müde DFB-Kicker und Ähnliches mehr lassen erkennen, dass das Wort auf dem Wege zur Allerweltsvokabel ist. Für 2011 allein verzeichnet das Mannheimer Institut für Deutsche Sprache, das die weltweit größte digitale Textsammlung zur deutschen Gegenwartssprache sein Eigen nennt, mehr als doppelt so viele Stresstest-Belege wie davor in allen Jahren seit 1997 zusammen.

Natürlich musste auch das umstrittene Großbauprojekt Stuttgart 21 seinen Stress­test haben: eine Computersimulation über die Leistungsfähigkeit des geplanten Tief­bahnhofs. Doch obwohl der Test nach Ansicht der Bahn bestanden wurde, machten die Wutbürger (Wort des Jahres 2010) in Stuttgart weiter Stress. Der baden-württem­bergische Verkehrsminister Winfried Hermann forderte prompt einen Stresstest II, worauf sich die Bahn allerdings nicht einlassen wollte.

Stresstests allenthalben. Kein Wunder daher, dass „dieses mittlerweile inflationär gebrauchte Wort“ (Mannheimer Morgen, 26. 5. 2011) nicht nur als Wort des Jahres in Betracht kam, sondern bereits Anfang Oktober 2011 häufiger als jedes andere zum Unwort des Jahres vorgeschlagen worden war.

Jochen A. Bär

Jochen A. Bär ist Herausgeber des Titels 'Von aufmüpfig bis Teuro' - Die 'Wörter der Jahre' 1971-2002" aus der Reihe "Thema Deutsch".

Wort des Jahres 2010: Wutbürger

„Wutbürger" ist das Wort des Jahres 2010

Durchsucht man das Dudenkorpus, eine rund 2 Milliarden Wortformen umfassende elektronische Datenbank der deutschen Gegenwartssprache, findet man eine Vielzahl verschiedenster Komposita mit -bürger. Da ist z. B. von Kleinbürgern, Weltbürgern, Spießbürgern, Ehrenbürgern oder Otto Normalbürgern die Rede. Seit Oktober 2010 macht sich der Wutbürger in der deutschen Presselandschaft breit. Der SPIEGEL-Redakteur Dirk Kurbjuweit lieferte die entsprechende Definition: Ein Wutbürger, so Kurbjuweit, „buht, schreit, hasst. Er ist konservativ, wohlhabend und nicht mehr jung. Früher war er staatstragend, jetzt ist er zutiefst empört über die Politiker. Er zeigt sich bei Veranstaltungen mit Thilo Sarrazin und bei Demonstrationen gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21" (SPIEGEL 41/2010).

Das Deutschlandradio (15.12.2010) spricht im gleichen Zusammenhang vom Protest- oder Dagegen-Bürger, dessen „erste Bürgerpflicht Unruhe ist", DIE ZEIT (49/2010) sogar von einer ganzen Barrikaden- oder Dagegen-Republik. Im Herbst 2010 geht man in Deutschland wieder auf die Straße, man demonstriert gegen Stuttgart 21 (Platz 2, 2010), schottert (Platz 6, 2010) gegen Castortransporte oder bildet in Hamburg Menschenketten gegen die Sparbeschlüsse des Senats (ZEIT-Online, 07.10.2010) – eine neue Protestkultur scheint sich in Deutschland entwickelt zu haben und der Protestbürger kommt dabei als Wutbürger in den Medien eher schlecht weg. Wer ist dieser Wutbürger eigentlich?

Das Grundwort dieses Kompositums bezeichnete ursprünglich den Burgbewohner in Abgrenzung zur Landbevölkerung. Im Mittelalter nimmt der mittelhochdeutsche burgære, nun ein Stadtbewohner, zwischen Adel und Bauern als zweiter Stand eine besondere Stellung mit eigenen Rechten und Pflichten ein. Immanuel Kant trägt schließlich 1784 im Zuge der Aufklärung zur Emanzipation des Bürgertums bei, indem er den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" propagiert. Auch der Wutbürger scheint sich aus einer gewissen „selbstverschuldeten Unmündigkeit" befreien zu wollen: Er hinterfragt kritisch und vertraut den Politikern, die er doch selbst gewählt hat, nicht mehr blind.

Der Ausdruck Wut, der sich seit der Barock- und Aufklärungsliteratur relativ gut belegen lässt, zeigt allerdings auch, dass man die neuerliche Emanzipierung des Bürgers nicht für unproblematisch hält. Das Bestimmungswort des Kompositums bezeichnet einen Zustand höchster Erregung, der sich in zornigen, unbeherrschten Worten oder Handlungen äußert. So „geifert" der Wutbürger, „schreibt Hasspamphlete im Internet" (SPIEGEL 41/2010) und empört sich nach Jahren mehr oder minder großer Politikverdrossenheit (Wort des Jahres 1992) über scheinbar alles und jeden.

Immerhin scheint dieser Menschenschlag nicht gänzlich humorlos zu sein und auch über die Merkmale „konservativ" und „nicht mehr jung" wäre eventuell noch einmal nachzudenken: In NEON 12/2010 kann jeder selbst testen, ob er das „Zeug zum Wutbürger" hat und anschließend, falls gewollt, seine Sympathie für ihn auf Facebook bekunden. Dort hat der Wutbürger nämlich bereits eine eigene Seite.

Ulrike Stölzel in Zusammenarbeit mit der Dudenredaktion

17.12.2010

Ulrike Stölzel studiert Germanistik, Anglistik und Erziehungswissenschaft an der Universität Heidelberg

Wort des Jahres 2009: Abwrackprämie

„Abwrackprämie" ist das Wort des Jahres 2009

Um den Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise (Wort des Jahres 2008) in Deutschland entgegenzuwirken, beschloss die Bundesregierung im Januar 2009 die Einführung einer sogenannten Umweltprämie: Kfz-Besitzer, die ein mindestens neun Jahre zuvor erstmals zugelassenes Auto verschrotten ließen, um stattdessen einen schadstoffärmeren Neuwagen oder Jahreswagen anzuschaffen, wurden dabei mit 2 500 Euro vom Staat unterstützt. Zunächst „nur" mit 1,5 Milliarden Euro veranschlagt, erhöhte die Große Koalition das Fördervolumen im April auf insgesamt fünf Milliarden Euro. Das Geld war beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) zu beantragen; geschöpft wurde es aus dem Investitions- und Tilgungsfonds, einem Sondervermögen des Bundes.

Obgleich in der Sache keineswegs unumstritten – von „Auto-Populismus" sprach beispielsweise die Zeit (8.4.2009) –, erfreute sich die Umweltprämie großer Beliebtheit: Bereits am 2. September konnten keine Anträge mehr entgegengenommen werden, da die Mittel verbraucht waren. Als Wort hingegen spielte sie in der Bevölkerung keine besondere Rolle; umgangssprachlich machte vielmehr der Ausdruck Abwrackprämie die Runde. In Zahlen ausgedrückt: Gut 250 000 Internetbelegen für Umweltprämie standen Mitte November 2009 etwa fünfmal so viele Nachweise für Abwrackprämie gegenüber.

Das Wort des Jahres 2009 ist keineswegs neu; im digitalen Korpus COSMAS des Mannheimer Instituts für Deutsche Sprache finden sich etliche Belege aus früheren Jahren, der älteste schon für 1994. Grammatisch liegt ein Determinativkompositum vor, ein zusammengesetztes Substantiv also, bei dem das Erstglied das Zweitglied näher bestimmt. Prämie kommt vom lateinischen praemium (‚Vorteil, Auszeichnung, Belohnung'); man erhält sie in diesem Fall dafür, dass man etwas, konkret eben ein altes Auto, abwrackt, d. h. außer Betrieb setzt. In dem Verb steckt das Substantiv Wrack, ursprünglich ‚das auf dem Wasser Treibende', heute allgemein etwas Schadhaftes, nicht mehr Brauchbares (aufgrund der Wortherkunft insbesondere ein Schiff). Verwandt ist es mit rächen, das ebenfalls ursprünglich den Begriff des Treibens – hier: des Jagens und feindseligen Verfolgens – in sich trägt.

Wörter, die mit wr- beginnen, sind in der Regel niederdeutschen Ursprungs und in der heutigen Allgemeinsprache selten. Das zehnbändige Duden-Wörterbuch nennt neben Wrack lediglich acht Ausdrücke, darunter Wrasen ‚dichter Dunst', wringen ‚etw. mit beiden Händen in gegenläufiger Richtung drehen' und Wruke ‚Kohlrübe'.

Die 2009 belegte Vielfalt der Abwrack-Komposita – vom Abwracktopf und dem Abwrackeffekt über die Abwrackgewinner bis hin zur (kritisch gemeinten) Abwrackparty und zum Abwrackchaos – macht deutlich, dass die Gesellschaft für deutsche Sprache ein echtes „Jahreswort" gewählt hat. Je nach Sichtweise konstatierten die Medien einen „Abwrack-Boom" (Spiegel, 4.8.2009) oder einen „Abwrack-Wahn" (Süddeutsche Zeitung, 1.4.2009). Als „Abwrack-Muffel" (Tagesspiegel, 18.8.2009) erschienen jedoch die Berliner, die nur knapp zwei Prozent aller Abwrackanträge stellten.

Jochen A. Bär

18.12.2009

Jochen A. Bär ist Herausgeber des Titels 'Von aufmüpfig bis Teuro' - Die 'Wörter der Jahre' 1971-2002" aus der Reihe "Thema Deutsch".

Wort des Jahres 2008: Finanzkrise

Finanzkrise ist das „Wort des Jahres 2008"

Was bereits 2007 als Immobilienkrise in den USA begonnen hatte, wuchs sich 2008 zu einer weltweiten Banken- und Finanzkrise aus, die auch in Deutschland nahezu das ganze Jahr über die Schlagzeilen beherrschte. Die Casino-Mentalität etlicher Investmentbanker führte zu einer Vertrauenskrise in den Geschäftsbeziehungen der Banken untereinander. ‚Kleinere Missgeschicke' wie das der staatseigenen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), die versehentlich 300 Millionen Euro an die zu diesem Zeitpunkt bereits insolvente US-Bank Lehman Brothers überwies – „Wie konnte das passieren?", fragte nicht nur der Tagesspiegel (19.9.2008) –, trugen das Ihre zur großen Milliardenverbrennung bei.

Unter anderem durch den Handel mit sogenannten faulen Krediten hatten verantwortungslose Manager im September 2008 weltweit rund 1,3 Billionen US-Dollar verzockt (2008, Platz 2). „Bankster in den Knast!", forderte in der Bild-Zeitung (22.10.2008) der Milliardenpleitier Jürgen Schneider, der selbst wegen Betrugs mehrere Jahre eingesessen hatte. In Anspielung auf das (Un)wort des damaligen Chefs der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, der die Verluste seines Hauses durch die Betrugsaffäre als Peanuts bezeichnet und damit Empörung ausgelöst hatte, erklärte Schneider, sein Fall sei „Peanuts gegen das, was sich die Banken erlauben".

Der Rettungsschirm (2008, Platz 8) bzw. – wie es häufiger hieß – das Rettungspaket, das die Bundesregierung im Eilverfahren den Banken gegen strenge Auflagen zur Verfügung stellte, schien zunächst kaum gefragt. Innerhalb einer einzigen Woche beschlossen Bundestag und Bundesrat das 500-Milliarden-Gesetz, doch nur zögernd wollten sich führende Geldhäuser zu ihren Liquiditätsproblemen bekennen und die Hilfe in Anspruch nehmen. Keine Probleme hatte demgegenüber der Autohersteller Opel, zur Absicherung möglicher wirtschaftlicher Probleme um staatliche Bürgschaften nachzusuchen.

Das zusammengesetzte Substantiv Finanzkrise ist eines von sechs Komposita, die von der Gesellschaft für deutsche Sprache unter die zehn Wörter des Jahres 2008 gewählt wurden. Seine beiden Bestandteile sind Finanz (‚Geldwesen'), das vom lateinischen finis (‚Grenze, Ziel', spätlat. auch ‚Abgabe, Staatseinnahme') hergeleitet ist, und Krise (‚Höhepunkt einer gefährlichen Entwicklung; schwierige Lage'), das auf das griechische krisis (‚Entscheidungs-, Wendepunkt') zurückgeht.

Keine Zweifel gibt es, dass in der schwierigen Finanzlage der Wendepunkt auch Ende 2008 noch keineswegs erreicht ist. Die Wörter Abschwung und Rezession machen die Runde. Und Bundeskanzlerin Merkel sagte in der Welt am Sonntag (23.11.2008) für das Wahljahr 2009 vorsichtshalber ein „Jahr der schlechten Nachrichten" voraus.

Jochen A. Bär

11.12.2008

Jochen A. Bär ist Herausgeber des Titels 'Von aufmüpfig bis Teuro' - Die 'Wörter der Jahre' 1971-2002" aus der Reihe "Thema Deutsch".

Wort des Jahres 2007: Klimakatastrophe

Klimakatastrophe ist das Wort des Jahres 2007

Mit der Wahl „des" Jahreswortes 2007 griff die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) ein Thema auf, das in seiner Bedeutung weit über das Jahr hinausreicht. Bereits 1971, als erstmals in der GfdS-Zeitschrift Der Sprachdienst eine Auswahl von „Wörtern des Jahres" vorgestellt wurde, war darunter ein zu diesem Sachgebiet gehörender Ausdruck: Umweltschutz. Es folgten Waldsterben (1983), Ozonloch (1987), mit Ökosteuer und nachhaltig (beide 1998) schien sich ein Bewusstseinswandel in Deutschland abzuzeichnen und die Jahrhundertglut (2003), der heißeste Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, führte noch einmal vor Augen, dass der Klimawandel keine bloße Theorie ist.

Dass Treibhausgase – vor allem FCKW (Fluorchlorkohlenwasserstoff), Methan und Kohlendioxid – die Atmosphäre schädigen und eine globale Erwärmung mit weitreichenden Folgen mitverursachen, wird heute kaum noch ernsthaft bestritten. Mit Ausnahme des größten Produzenten solcher Klimakiller, der USA, haben inzwischen alle führenden Industrienationen das Kyoto-Protokoll unterschrieben, in dem sie sich zu einer Verringerung ihrer Schadstoffemissionen verpflichten. Immerhin: Der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore erhielt 2007 den Friedensnobelpreis für seine Bemühungen um den Klimaschutz. Was Deutschland betrifft, so ist 2005 – durch die Wahl von Angela Merkel, ehemals Umweltministerin, zur Bundeskanzlerin – der Kampf gegen die Klimaveränderung „Chefsache" geworden. Im Vorfeld der UN-Klimakonferenz, des Klimagipfels von Bali im Dezember 2007, gab sich die Bundesregierung verhalten optimistisch, dass Regierungsvertreter und Experten aus mehr als 180 Staaten sich auf ein Nachfolgeabkommen des 2012 auslaufenden Kyoto-Protokolls verständigen könnten.

Wer im Dezember 2007 das Wort Klimakatastrophe „googelte", erhielt um die 395.000 Belege. Knapp 60 Prozent (235.000) davon stammten aus dem zurückliegenden Jahr 2007. Schlagzeilen wie „Klimakatastrophe rückt näher" (Kurier, 6. 10. 2007) oder „Klimakatastrophe – der Mensch hat nur noch 13 Jahre zur Umkehr" (Hamburger Abendblatt, 23. 2. 2007) beherrschten die Szene.

Die Wortbildung mit dem plakativen Zweitglied Katastrophe ist gegenüber dem vergleichsweise harmlos wirkenden Klimawandel (knapp fünfeinhalb Millionen Belege) zwar deutlich in der Minderzahl, aber sie charakterisiert weitaus besser die Befürchtungen und Ängste, die 2007 in der öffentlichen Debatte im Gegensatz zu früheren Jahren immer deutlicher erkennbar wurden. Es handelt sich also weniger um ein quantitatives als um ein qualitatives „Jahreswort".

Jochen A. Bär

07.12.2007

Jochen A. Bär ist Herausgeber des Titels 'Von aufmüpfig bis Teuro' - Die 'Wörter der Jahre' 1971-2002" aus der Reihe "Thema Deutsch".

Wort des Jahres 2006: Fanmeile

Fanmeile ist das Wort des Jahres 2006

Im Sommer 2006 war in Deutschland „die Welt zu Gast bei Freunden" – so das offizielle Motto der Fußballweltmeisterschaft, der lange erwarteten WM im eigenen Land. Das Großereignis lockte Besucher aus aller Welt an. Selbst Zeitgenossen, die ansonsten für die „schönste Nebensache der Welt" nicht allzu viel übrighaben, wurden vom Fußballfieber erfasst. Die Stimmung im Land war, verglichen mit den Vorjahren, deutlich besser: Halb ungläubig erlebte sich Deutschland kollektiv unverkrampft und in Partylaune. Vermeintlich typisch deutsche Sichtweisen wie „Das Glas ist halb leer" hatten auf einmal ausgedient. Selbst der lang ersehnte wirtschaftliche Aufschwung, der in der zweiten Jahreshälfte immer deutlicher erkennbar wurde, stand für viele in unmittelbarem Zusammenhang mit der Weltmeisterschaft – Gründe genug für die Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache, gleich drei Ausdrücke aus dem Themenbereich WM in die Liste der Jahreswörter aufzunehmen: Fanmeile (Platz 1), Klinsmänner (Platz 9) und schwarz-rot-geil! (Platz 10).

Unter Fanmeilen versteht man öffentliche Räume, in denen große Menschenmengen Sportübertragungen auf Großbildleinwänden verfolgen können. Ursprünglich waren sie dafür gedacht, Fans, die keine Eintrittskarten zu den Stadien bekommen hatten, zumindest mittelbar bei den Spielen dabei sein zu lassen. Die Notlösung entwickelte jedoch einen eigenen Reiz und das gemeinsame öffentliche Fußballgucken – Public Viewing genannt – erfreute sich rasch großer Beliebtheit. Hunderttausende Fußballbegeisterte aus aller Welt feierten in entspannt-friedlicher Atmosphäre ihre Mannschaften, den Fußball, vor allem aber sich selbst.

Bereits im Jahr 2005 war Fanmeile ein oft zu hörendes und zu lesendes Wort gewesen. Der Berliner Senat hatte zunächst die Möglichkeit diskutiert, einen WM-Park im Spreebogen einzurichten, zog dann aus Sicherheitsgründen jedoch die Straße des 17. Juni vor. „Fanmeile an der Siegessäule", meldete daraufhin der Tagesspiegel (13. 11. 2005). Die viel befahrene Straße wurde sechs Wochen lang auf 2,7 Kilometern für den Verkehr gesperrt; der dadurch zur Verfügung stehende Raum entsprach vierzehn Fußballfeldern. Auf insgesamt neun Großbildleinwänden sahen bis zu einer Dreiviertelmillion Zuschauer die Spiele.

Auch in anderen Städten gab es Fanmeilen, so in Hamburg, München, Gelsenkirchen, Dortmund, Leipzig und Köln. In Frankfurt am Main diente das Museumsufer als Public Viewing Area.

Am Ende blieb zwar für die Klinsmänner, die im Halbfinale gegen Italien scheiterten, nur der dritte Platz, aber bei der Abschiedsveranstaltung der Nationalmannschaft auf der Berliner Fanmeile feierten am 9. Juli 2006 mehr als 800 000 Menschen ihre Weltmeister der Herzen.

Jochen A. Bär

15.12.2006

Jochen A. Bär ist Herausgeber des Titels 'Von aufmüpfig bis Teuro' - Die 'Wörter der Jahre' 1971-2002" aus der Reihe "Thema Deutsch".

Wort des Jahres 2005: Bundeskanzlerin

Bundeskanzlerin ist das Wort des Jahres 2005

Die nach einer Reihe verlorener Landtagswahlen von Bundeskanzler Gerhard Schröder und dem SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering nahezu im Alleingang beschlossenen vorgezogenen Neuwahlen bescherten den Deutschen, was viele seit Jahren an der Zeit fanden: eine Bundeskanzlerin. Zunächst hatte es danach freilich nicht ausgesehen. Der ohne viel Vorbereitungszeit angesetzte Blitzwahlkampf brachte ein Patt zwischen den Lagern Rot-Grün und Schwarz-Gelb, so dass keine der Wunschkoalitionen zu einer Regierungsmehrheit finden konnte. Zweckbündnisse wie die Ampel (Rot-Gelb- Grün) oder die Jamaika-Koalition (Schwarz-Gelb-Grün) waren als Möglichkeiten bald vom Tisch, und schließlich kam es – auf Bundesebene nach 36 Jahren – zu einer Neuauflage der großen Koalition.

Anfangs beanspruchten beide Partner, die SPD ebenso wie die Union, die Kanzlerschaft für sich. Nach längerem Kanzler-Streit wurde die Frage zugunsten der CDU- Vorsitzenden Angela Merkel entschieden. Sie wurde am 22. November 2005 als erste deutsche Bundeskanzlerin gewählt und vereidigt.

Ist „Angie" jedoch überhaupt verfassungsgemäß? Diese Frage beschäftigte im Herbst 2005 nicht ganz zu Unrecht das eine oder andere Gemüt. Denn nach Artikel 63 des Grundgesetzes wird „der Bundeskanzler […] auf Vorschlag des Bundespräsidenten vom Bundestage […] gewählt". Von einer Bundeskanzlerin ist nicht die Rede.

Rechtlich liegt hier sicherlich kein Problem vor; die Verfassungsjuristen wären sonst eingeschritten und hätten Merkels Wahl verhindert. Sprachlich aber bereitet die Bundeskanzlerin gleich in mehrfacher Hinsicht Schwierigkeiten.

Irritierend: Die deutsche Sprache, wie schon der Gründervater der Germanistik, Jacob Grimm, in seiner Deutschen Grammatik bemerkte, lässt bei einer Ableitung mit der weiblichen Nachsilbe -in keine weiteren Ableitungen zu. Merkel hat folglich die Kanzlerschaft, nicht aber die Kanzlerinschaft erreicht. (Weniger problematisch sind Zusammensetzungen zweier eigenständiger Wörter. So könnte sich im allgemeinen Sprachgebrauch möglicherweise ein Wort wie Bundeskanzlerinamt etablieren.)

Ebenfalls irritierend: Bei der Form der Bundeskanzler, wie sie in der Verfassung steht, liegt ein so genanntes generisches Maskulinum vor, also eine männliche Form, die für Männer ebenso wie für Frauen gilt. So wäre noch vor weniger als zwanzig Jahren jede Frau in der Position Angela Merkels als Frau Bundeskanzler angeredet worden. Eben gegen dieses generische Maskulinum, das es zulässt, von Rechtsanwälten, Ärzten, Lehrern usw. zu sprechen, wo beide Geschlechter vertreten sind, kämpft die Frauenbewegung seit mehr als 30 Jahren. Es kann mithin keiner Sprachfeministin wirklich recht sein, dass Angela Merkel verfassungsgemäß ist, denn dies bedeutet ja: Der Bundeskanzler kann aller Sprachkritik zum Trotz auch eine Frau sein.

Sprachlich um einiges weiter als das Grundgesetz ist beispielsweise die aktuelle 23. Auflage des Rechtschreibdudens, in der die Bundeskanzlerin bereits verzeichnet ist, und immerhin auch der „Ratgeber für Anschriften und Adressen" des Innenministeriums. Er kennt und fordert die Anrede Frau Bundeskanzlerin.

Wie wenig intensiv man sich allerdings von Staats wegen bislang mit der Möglichkeit einer Kabinettschefin befasst hatte, zeigt die Tatsache, dass 1996 die Internetadresse www.bundeskanzler.de, nicht aber www.bundeskanzlerin.de für die Regierung reserviert worden war. Letztere sicherte sich 1998 ein Berliner Student. Er zeigte sich nun freundlicherweise bereit, seine Rechte an Angela Merkel, die sie nötiger brauchte, abzutreten …

Jochen A. Bär

16.12.2005

Jochen A. Bär ist Herausgeber des Titels 'Von aufmüpfig bis Teuro' - Die 'Wörter der Jahre' 1971-2002" aus der Reihe "Thema Deutsch".

Wort des Jahres 2004: Hartz IV

Hartz IV ist das Wort des Jahres 2004

Das von der Regierung Schröder beschlossene Reformprogramm der Agenda 2010 beinhaltet unter anderem die Forderung nach einer Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe zu einem neuen Arbeitslosengeld II. Diese Maßnahme, die Einsparungen in Milliardenhöhe bezweckt, wurde vom deutschen Bundestag für den 1. Januar 2005 beschlossen – als vierter Teil der Gesetze für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt, nach ihrem Erfinder Peter Hartz im Allgemeinen kurz Hartz-Gesetze genannt. Hartz I ermöglichte die Einführung von Personal-Service-Agenturen, die Arbeitslose gegen Honorar einstellen und als Leiharbeiter an Firmen vermitteln; Hartz II, seit April 2003 in Kraft, brachte Neuerungen wie Ich-AG und Job-Floater (ein Programm, das Arbeitgebern günstige Kredite ermöglicht, wenn sie einen neuen Arbeitsplatz schaffen); Hartz III machte seit Januar 2004 aus der Bundesanstalt für Arbeit die Bundesagentur für Arbeit.

Keine der Agenda-2010-Reformen erregte bislang allerdings mehr Leidenschaft als Hartz IV. Unter den vermeintlich Hartz-IV-Geschädigten brach eine wahre Hartz-Hysterie aus. In den neuen Bundesländern gingen zeitweise mehrere tausend Menschen auf die Straße – in historisch fragwürdiger Anknüpfung an die Montagsdemonstrationen von 1989 regelmäßig montags. „Hartz IV ist Armut per Gesetz", plakatierte die PDS im sächsischen Landtagswahlkampf und gewann mit populistischen Aussagen wie dieser 23,6 Prozent der Stimmen. Auch die rechtsextremen Parteien NPD und DVU profitierten als Trittbrettfahrer und schafften den Einzug in die Landtage von Sachsen bzw. Brandenburg.

Das Arbeitslosengeld II, das, selbst noch nicht eingeführt, bereits zu einem neuen Kurzwort führte (ALG II, ALG 2, Alg II, Alg-2, Alg Zwo o. ä.), erhitzte die Gemüter gleich in mehrfacher Hinsicht. Zum einen deshalb, weil es geringer ausfällt als Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe zusammen, zum anderen deshalb, weil der zuständige Bundesminister Wolfgang Clement die Absicht kundtat, das Alg 2 erstmals im Februar 2005, die alte Arbeitslosen- und Sozialhilfe aber im Dezember 2004 letztmals an die Berechtigten zu zahlen. Die einmonatige Auszahlungslücke, in der auch und gerade Kritiker aus den eigenen Reihen eine soziale Ungerechtigkeit sahen, beherrschte mehrere Wochen lang die Schlagzeilen und fachte die „Hartz-IV-Wut" (Spiegel, 27.8.2004, Märkische Allgemeine, 15.9.2004 u. ä.) weiter an. Es half der Bundesregierung wenig, dass die vermeintliche Lücke nur auf dem Papier bestand, da die bisherige Arbeitslosen- und Sozialhilfe am Monatsende für den Folgemonat ausgezahlt wurde, das neue Arbeitslosengeld II hingegen am Monatsanfang gezahlt wird. Für die Arbeitslosenhilfeempfänger sollte sich mithin „so gut wie nichts" ändern: „Sie bekommen ihr Geld lediglich ein paar Tage später, am Monatsanfang Februar statt am Monatsende Januar." (Welt, 2.8.2004.)

Alles in allem, befand die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (29.8.2004) spöttisch, war „die Sache mit ‚Hartz IV' [...] irgendwie suboptimal kommuniziert worden". Zwar lasse sich das H-Wort selbst „nicht mehr so leicht aus der Welt schaffen", aber man könne ja immerhin darangehen, die Kernelemente der Reform konsequent neudeutsch aufzusexen und dem angekratzten Label 'Hartz' durch Offensivmarketing neuen Glanz zu verleihen". Ein Vorschlag: 'Statt der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe' kommt jetzt das 'Working-Class-People-Economy-Paket' zum 'All-Inclusive-Tarif' (ebd.).

Jochen A. Bär

10.12.2004

Jochen A. Bär ist Herausgeber des Titels 'Von aufmüpfig bis Teuro' - Die 'Wörter der Jahre' 1971-2002" aus der Reihe "Thema Deutsch".

Wort des Jahres 2003: Das alte Europa

Das alte Europa ist das Wort des Jahres 2003

Wer auf den Reformstreit, die Agenda 2010 oder das Mautdesaster gesetzt hatte, sah sich getäuscht: Die Gesellschaft für deutsche Sprache dachte in weltpolitischen Dimensionen und thematisierte mit ihrer Wort-Wahl 2003 eine neue Qualität der transatlantischen Beziehungen: amerikanischen Frust über europäisches Selbstbewusstsein.

„Amerika, du hast es besser / Als unser Continent, das alte", dichtete Goethe bereits 1827. Das „alte Europa" wird dabei dem „neuen Amerika", die „alte" der „neuen Welt" gegenübergestellt. Ganz anders meinte es US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, als er im Januar 2003 seinem Ärger darüber Luft machte, dass sich Deutschland und Frankreich konsequent weigerten, dem von den USA geplanten Präventivschlag gegen den „Schurkenstaat" Irak zuzustimmen. Es gebe ein „Problem" mit den beiden Verbündeten, so Rumsfeld, und: Sie seien Vertreter des eigenwilligen „alten Europa ", während kriegsbereite Länder wie Spanien und Polen aus seiner Sicht das „neue Europa" (will sagen: das amerikatreue) repräsentierten.

Der Protest kam prompt. Nicht die Tatsache, dass man als altersschwach geschmäht worden sei, wecke Widerspruch, schrieb die FAZ (24. 1. 2003), sondern dass die Amerikaner in der Kriegsunwilligkeit nur Starrsinn sähen: „Das ‚alte Europa' besteht aus den Erfahrungen unzähliger Generationen, die ohne Ausnahme Erfahrungen des Krieges gewesen sind." Dementsprechend hielt es die Vizepräsidentin des deutschen Bundestages Antje Vollmer für möglich, dass der Ausdruck das alte Europa „eines Tages der Inbegriff einer neuen Identität von internationaler Verantwortung werden" könnte (Tagesspiegel, 26. 1. 2003).

Wie bereits 1990 (die neuen Bundesländer) und 2001 (der 11. September) wurde eine Substantivgruppe, bestehend aus einem Substantiv mit bestimmtem Artikel und einfachem Adjektivattribut zu dem „Wort des Jahres" gekürt. Dies war nur möglich, indem man einen weit gefassten Wortbegriff zugrunde legte, nach dem auch eine aus mehreren Einzelwörtern bestehende sprachliche Äußerung Wort genannt werden kann. Dieser Begriff ist sogar der ursprüngliche, denn einzelne Wörter voneinander unterscheiden zu können, setzt grammatisches Bewusstsein und dieses wiederum die Erfindung der Schrift voraus. In vorschriftlicher Zeit hingegen hörte man nur zusammenhängende Worte, wie heute noch in bestimmten Redewendungen (ein klares Wort sprechen, jemandem sein Wort geben usw.) deutlich wird.

Mit ihrer Wahl brachte also die GfdS nicht nur ein neues Thema der Weltpolitik, sondern auch ein altes Wortverständnis zu Bewusstsein. Sie machte damit klar, dass die moderne Sprache ebenso wenig wie eine neue Weltordnung ohne die historische Dimension auskommt.

Jochen A. Bär

19.12.2003

Jochen A. Bär ist Herausgeber des Titels 'Von aufmüpfig bis Teuro' - Die 'Wörter der Jahre' 1971-2002" aus der Reihe "Thema Deutsch".

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