Sprachratgeberartikel

5 Erweiterte Grammatik der Intonation

5.1 Herabgestufte Akzente

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Akzente mit einem hohen Akzentton (H*) können herabgestuft werden, d. h., ihre Gipfel werden tiefer realisiert, als dies normalerweise zu erwarten wäre. Die Herabstufung erfolgt in der Regel relativ zu vorangehenden fallenden Akzenten (H*L), Hochakzenten (H*) oder steigenden Akzenten (L*H) innerhalb der gleichen Intonationsphrase. Die Herabstufung kann als Folge einer Verringerung des Tonhöhenbereichs aufgefasst werden, in dem die Töne einer Intonationsphrase skaliert (↑ 134) werden. In den folgenden Beispielen werden die herabgestuften Akzente durch ein vorangesetztes »!« gekennzeichnet, die gestrichelten Linien deuten die obere und die untere Grenze des genutzten Tonhöhenumfangs an:

Abb. Maria ist eine Heidelbergerin » Abb. Maria ist eine Heidelbergerin
»
»

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Die Herabstufung von Akzentgipfeln beeinflusst die Interpretation der Beziehung zwischen der Information, die zum gemeinsamen Wissen von Sprecher und Hörer hinzuzufügen ist, und ihrer Rolle für die weitere Gesprächsentwicklung. Bei Aussagen wird durch die Herabstufung von Akzentgipfeln signalisiert, dass die übermittelte Information zwar zum gemeinsamen Wissen hinzuzufügen ist, aber nicht als Anknüpfungspunkt für den weiteren Gesprächsverlauf dienen soll.

Auf dem Klassentreffen:
Abb. Maria hat geheiratet. Und rate mal wen!

(b) erscheint weniger akzeptabel als (a), da hier die Äußerung Maria hat geheiratet durch die Äußerung Und rate mal wen! als Ausgangspunkt für eine neue Gesprächssequenz qualifiziert wird, ihre Kontur aber das Gegenteil signalisiert. Aus dem gleichen Grund wirken Äußerungen mit herabgestuften Akzenten in vielen Situationen unhöflicher oder reservierter, z.B. als einleitende Grußformeln:

Abb. Hallo Frau Seidelmann!

Die Begrüßung in (b) wirkt reservierter, da sie hier aufgrund des herabgestuften Akzents kaum als Ausgangspunkt für eine neue Gesprächssequenz verstanden werden kann.

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Bei Konstruktionen mit Konjunktionen wie und und oder signalisiert die Verwendung herabgestufter Akzente, dass alle Alternativen genannt sind. Bei oder- Konstruktionen wird damit eine ausschließende Lesart (›entweder ... oder‹) nahegelegt (↑ 1762).

Abb. Wo wohnt sie? Keine Ahnung! In München oder om Rosenheim. Sie wohnt in München, oder sie wohnt in Rosenheim

Die Antworten in (a) und (b) unterscheiden sich bezüglich der Art des Nichtwissens. In (a) werden München und Rosenheim als zwei mögliche Wohnorte genannt, ohne einen dritten auszuschließen. In (b) ist für den Sprecher lediglich unklar, in welcher der beiden Städte die betreffende Person wohnt.

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Bei Fragen signalisiert die Herabstufung, dass eine Antwort eingefordert wird, mit der sich der Adressat zu einer Möglichkeit aus einer vorgegebenen Menge von Alternativen bekennt. Bei Ja/nein-Fragen (↑ 1394) wird eine einzige Alternative benannt, und es wird gefragt, ob diese Alternative gilt. Die zweite Alternative (die Verneinung der ersten) ist hier erschließbar. Die Wahl eines nuklearen H*-Akzents signalisiert, dass die beiden Alternativen nicht als einander ausschließend zu verstehen sind, während ein nuklearer !H*-Akzent eine ausschließende Interpretation (›entweder ... oder‹) nahelegt. Aus diesem Grunde können Ja/nein-Fragen mit nuklearem H*-Akzent besser als solche mit nuklearem !H*-Akzent mit einer Frage kombiniert werden, die eine dritte Möglichkeit benennt:

Abb. Sind Sie verheiratet? Oder sind Sie geschieden? x ist verheiratet oder nicht und x ist geschieden oder nicht

In (a) lässt die erste Frage eine Antwort zu wie Ich bin geschieden. Darum ist sie mit der Anschlussfrage, die diese Möglichkeit thematisiert, kombinierbar. In (b) wird mit der ersten Frage hingegen nahegelegt, dass nur Antworten relevant sind, die besagen, dass der Adressat verheiratet oder nicht verheiratet ist. Deshalb wirkt in diesem Fall die Anschlussfrage, ob der Adressat geschieden ist, weniger passend. Die Anschlussfrage in (b) wäre allerdings akzeptabel, wenn sie erst gestellt würde, nachdem eine Antwort auf die erste Frage ausgeblieben ist.

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Bei Alternativfragen (↑ 1394) wird von vornherein mehr als eine Alternative angegeben. Auch hier legt die Wahl eines herabgestuften Akzents nahe, dass die Konjunktion oder als ausschließend zu verstehen ist. Dies zeigt sich daran, dass der Akzent nur bei finalen Gliedern herabstufbar ist:

Abb. Sind Sie verheiratet oder geschieden? x ist verheiratet oder geschieden (oder keins von beidem)

Der Effekt der Herabstufung von H* zeigt sich ferner daran, dass Frage (a) eher als Frage (b) ein einfaches Nein (im Sinne von ›keines von beidem‹) als Antwort zulässt. Mit Frage (a) werden zwei Alternativen aus einer unbegrenzten Alternativenmenge benannt. Die Kontur in Frage (b) signalisiert hingegen, dass alle Alternativen, mit denen der Sprecher rechnet, vollständig aufgezählt sind.

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Die Restriktivität von !H*-Konturen bezüglich möglicher Alternativen erklärt auch, warum Fragen mit H* in bestimmten Situationen höflicher klingen können als solche mit !H*.

Abb. Möchten Sie ne Tasse Kaffee? x möchte Kaffee oder nicht (oder etwas anderes)

An einen Besucher gerichtet wirkt Frage (a) höflicher als Frage (b), da sie weniger restriktiv mit Bezug auf mögliche Antworten des Adressaten ist. Im Unterschied zu Frage (b) lässt Frage (a) z.B. eher Raum für eine Antwort wie Nein, lieber Tee.

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Da die Herabstufung eines Akzents relativ zu einem vorhergehenden Akzent erfolgt, betrifft sie in der Regel nicht den ersten Akzent einer Intonationsphrase. Es kann aber auch eine ganze Intonationsphrase gegenüber einer vorhergehenden Intonationsphrase herabgestuft werden. Dies ist z.B. bei Begrüßungen der Fall (die Herabstufung der Intonationsphrase wird durch »![...]« angezeigt):

Abb. Morgen - Morgen

Die Herabstufung der zweiten Intonationsphrase in (b) führt eine Asymmetrie in das Begrüßungsritual ein, die häufig auf eine geringere Gesprächsbereitschaft beim zweiten Sprecher schließen lässt. Es ist auch möglich, mit einer herabgestuften Begrüßungsformel wie der zweiten Äußerung in (b) zu beginnen. In diesem Fall wird die Äußerung mit Bezug auf eine imaginäre Vorgängeräußerung herabgestuft. Ein solches Verhalten kann den Eindruck erwecken, dass keine Erwiderung des Grußes gewünscht oder erwartet wird.


Schlagwörter: Dudengrammatik , Intonation , Tiefakzent , Hochakzent , Akzent



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