Sprachratgeberartikel

7.2 Formulierungsverfahren

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Der Gesprächsbeitrag wird vom Sprecher, nachdem er das Rederecht übernommen hat, auf der Grundlage eines Äußerungsplans (intendierter Beitrag) in einem Formulierungsprozess in zeitlicher Abfolge realisiert. Dieser Formulierungsprozess besteht zum einen in der Versprachlichung kognitiver Inhalte und zum anderen in der Bearbeitung bereits geäußerten sprachlichen Materials. Dabei bedienen sich die Sprecher einer Vielzahl von Formulierungsverfahren, die in den Äußerungen Spuren hinterlassen und an diesen Indikatoren erkennbar sind (Gülich/Kotschi 1996). Im Rahmen der Versprachlichung kognitiver Inhalte spielen vor allem drei Gruppen von Formulierungsverfahren eine Rolle:

  • (i) Darstellungsverfahren, mit denen der Sprecher das, was er mitteilen will, auf eine bestimmte Weise formuliert;
  • (ii) Problembearbeitungsverfahren, mit denen er anzeigt, dass Formulierungsprobleme bestehen, und mit denen diese Probleme zugleich bearbeitet werden;
  • (iii) Verfahren der Verständnissicherung, die der Absicherung des Mitgeteilten dienen.

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(i) Darstellungsverfahren: Die Darstellungsverfahren betreffen unterschiedlichste Phänomene wie eine aktivische oder passivische Darstellung, die Wahl bestimmter syntaktischer Konstruktionen (z. B. Referenz-Aussage-Strukturen statt der klassischen Satzform, die Wortwahl und die Wortstellung, den Detaillierungsgrad der Darstellung und vieles mehr).

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Der Prozess des Formulierens kann unterbrochen werden, um eine zweite Formulierungslinie zu eröffnen, die die begonnene Konstruktion der ersten nicht fortsetzt, sondern etwas anderes versprachlicht. Nach Beendigung dieser Äußerungseinheit wird die unterbrochene Konstruktion fortgeführt. Hierbei handelt es sich um Einschübe bzw. Parenthesen (↑ 1645). Einschübe haben sehr häufig eine metakommunikative Funktion.

wir müssen- * →um das schon mal anzukündigen← * die mülltonnen noch rausstellen

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(ii) Problembearbeitungsverfahren: Die komplexen Anforderungen, die die Versprachlichung an den Sprecher stellt, können dazu führen, dass der Sprecher zu Beginn oder im Verlauf seines Beitrags nicht in der Lage ist, die ersten Elemente seiner Äußerung zu formulieren bzw. seine Äußerung fortzusetzen. Solche Formulierungsprobleme führen zu Formulierungspausen, in denen der Sprecher schweigt oder die er mit Verzögerungs- bzw. Haltesignalen (engl.: hesitators) wie äh oder ähm füllen kann. Formulierungsprobleme können auch durch Dehnungen oder durch Wortwiederholungen (Repetitionen) überbrückt werden.

also aber der westen hat diese- ** diese äh: diese ängste=ja sehr stark durch den kommu'nismus gehabt↓ nicht↑
** von- * einer- * be'zahlung- ** →von eim← von eim 'stundenlohn >→oder so←< war 'nie die rede

Formulierungsprobleme können darin bestehen, dass die Äußerungsplanung noch nicht abgeschlossen ist und deshalb die Darstellungsverfahren nicht angewandt werden können oder dass an bestimmten Stellen die folgende Phrase oder das folgende Wort nicht verfügbar ist. Solche Wortsuchprozesse (Iványi 1998) können durch Elemente wie na oder durch Einschübe wie sag schon oder wie heißt das doch gleich angezeigt werden.

ja ich habe mir äh sagen lassen– * dass ähm: *3* na wie war das jetzt↓ ** dass man die 'miete– * äh →dass man den mietvertrag kündigen muss bevor man die miete erhö:ht←

Durch Indikatoren wie oder so, so in etwa, wenn man so will wird angezeigt, dass zwar ein Wort, aber nicht das treffende gefunden wurde. Zu den Formulierungsproblemen gehören auch Fehlartikulationen und Versprecher, bei denen der Sprecher das betreffende Wort nicht voll trifft bzw. er sich verspricht.

kommste nach bielefeld rein * also 'immer diesem straßenpulk äh straßenzug nach

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Die Anforderungen des Formulierungsprozesses können ferner dazu führen, dass im Prozess des Formulierens Projektionen nicht erfüllt und begonnene syntaktische Konstruktionen nicht oder anders zu Ende geführt werden. Dies führt zum einen zu Formulierungsabbrüchen, die in der gesprochenen Sprache – sowohl sprecherbedingt wie auch hörerbedingt (z. B. nach Einwürfen oder Versuchen einer vorzeitigen Übernahme des Rederechts) – häufig sind. Gegebenenfalls folgt auf den Abbruch dann ein Neuansatz. Zum anderen können die Anforderungen der Versprachlichung Konstruktionsbrüche oder Konstruktionsmischungen (auch Anakoluthe genannt) zur Folge haben.

also so der is 'dumm einfach auch der 'blickts einfach nicht 'durch ne↑
und dass da wir im augenblick eine grose wandlung sich vollzieht  

Eine häufige Form des Konstruktionsbruchs besteht darin, dass im Prozess des Formulierens von einer erforderlichen Verbletzt- zu einer Verbzweitkonstruktion übergegangen wird:

wenn ich demagogisch wäre würde ich sagen dass dieser entwurf wenn er so durchkäme würde im interesse der Arbeitgeber liegen
wenn so ein fall an sie herangetragen wird und er lässt sich nicht durch ein gespräch mit dem arzt aus der welt schaffen dann schalten sie die vertragsabteilung ein

Das Ende von Formulierungs- bzw. Versprachlichungsproblemen kann dadurch angezeigt werden, dass an Elemente vor der problematischen Sequenz angeknüpft wird bzw. dort begonnene Konstruktionen wieder aufgenommen werden.
Formulierungsprobleme der beschriebenen Art bei der Versprachlichung kognitiver Inhalte sind in der mündlichen Verständigung, die ohne Verzögerung immer im direkten Vollzug erfolgt, unvermeidbar und normal, und sie werden durch die Existenz der entsprechenden Signalisierungsverfahren und Indikatoren hinreichend kompensiert.


Schlagwörter: Formulierungsverfahren , Dudengrammatik , Expansionen , Verberststellung , Apokoinukonstruktionen



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