Sprachratgeberartikel

(iii) Verfahren der Verständnissicherung

2067

Der Direktvollzug und die Flüchtigkeit gesprochener Sprache machen auch besondere Vorkehrungen der Verständnissicherung erforderlich. Zur Verständnissicherung gehören alle kommunikativen Verfahren, mit denen der Sprecher die Struktur von Beiträgen für den Hörer verdeutlicht. So signalisieren Start-, End- und Gliederungssignale den Beginn, das Ende und die interne Strukturierung von Beiträgen. Diese Signale können verbaler, intonatorischer oder körperlicher Art sein.

Auch vorgreifende Verdeutlichungen wie z. B. Ankündigungen, Abschlussaktivitäten wie Zusammenfassungen oder klammerstiftende Wiederaufnahmen von Formulierungen verdeutlichen die Struktur von Beiträgen und Gesprächssequenzen.

Beginn einer Erzahlung: der gipfel war jetzt noch bevor ich abgereist bin * da war ich in quito noch ne↑ musste meine abrechnung machen [...]
5:30 min später, Ende der Erzählung: ist doch wohl der gipfel ne * und so ist die 'stimmung irgendwie↓

Generell dienen viele Formen der Metakommunikation der Verständnissicherung, z. B. wenn verbal explizit der Bezugspunkt von Beiträgen benannt wird:

nochmal zu dem was du vorhin gesagt hast

oder wenn Relationen zwischen Äußerungen metakommunikativ expliziert werden:

um es noch einmal deutlicher/präziser/allgemeiner/ausführlicher zu sagen vorab/nebenbei gesagt

Dies geschieht häufig auf ökonomische Weise durch Operatoren im Rahmen von Operator-Skopus-Strukturen (↑ 2017-2019). Der Verständnissicherung dienen ferner alle Formen von Explizitheit und Redundanz (wie z. B. Paraphrasen oder Reformulierungen, ↑ 2070).

2068

Neben den Verfahren der Versprachlichung stehen die Verfahren der Bearbeitung von bereits geäußertem verbalem Material. Was einmal geäußert ist, kann nicht zurückgenommen, sondern nur nachträglich bearbeitet werden. Bearbeitungen haben eine dreigliedrige Struktur: Sie bestehen aus einem Bezugsausdruck, einem Bearbeitungsindikator und einem Bearbeitungsausdruck.

Abb. rdnr2068

2069

Bearbeitungen lassen sich in primär korrektive und primär weiterführende unterteilen. Bei den korrektiven Bearbeitungen wird ein Ausdruck oder eine Formulierung vom Sprecher selbst (Selbstkorrektur) oder vom Hörer (Fremdkorrektur) als falsch oder unpassend empfunden. Dies führt zum Abbruch der begonnenen Formulierung, was häufig eine Pause verursacht. Nach der Äußerung eines Korrekturindikators wird dann ein Korrekturausdruck formuliert, der beim Hörer mental an die Stelle des Bezugsausdrucks treten soll.

nun der mietpreis * äh * nicht nur unwesentlich sondern entscheidend geändert hätte↓ <der der ölpreis> entscheidend geändert hätte↓ ** gell↑
ja * also wenn sie eben nur wegen des heizöls oder wegen dem heizöl da irgendwelche- äh * bedenken 'haben

Korrekturen lassen sich in Ausdrucks-, Formulierungs- und Inhaltskorrekturen unterscheiden. Werden z. B. Versprecher korrigiert, handelt es sich um Ausdruckskorrekturen.

2070

Zu den weiterführenden Bearbeitungen gehören Formulierungsverfahren wie Paraphrasen, Reformulierungen, Reduktionen und Expansionen.

Bei den Paraphrasen sind Bezugsausdruck und Bearbeitungsausdruck weitgehend bedeutungsgleich. Im Grenzfall sind es wörtliche Wiederholungen (Repetitionen). Paraphrasen erfüllen kommunikativ sehr unterschiedliche Funktionen. Häufig dienen sie der Verständnissicherung oder Intensivierung.

das war sein vierter unfall in diesem jahr– * 'vier 'unfälle

Auch bei Reformulierungen besteht zwischen Bezugsausdruck und Bearbeitungsausdruck große Ähnlichkeit. Es gibt aber in lexikalischer und syntaktischer Hinsicht Abweichungen, die eine Aspektualisierung des Bezugsausdrucks bewirken.

das ist aufgrund der bestimmungen des bürgerlichen gesetzbuches- * nicht statthaft nicht möglich bloß 'fragt sich das natürlich ob die frau sievers damit 'einverstanden ist ob sie das 'will nich

Bei Reduktionen ist der Bearbeitungsausdruck gegenüber dem Bezugsausdruck weniger umfangreich. Reduktionen leisten häufig eine Zusammenfassung oder bringen etwas auf den Begriff.

im san remo gibt es das beste tiramisu weit und breit– * traumhaft

Bei Expansionen wird der Bezugsausdruck durch den Bearbeitungsausdruck quantitativ erweitert. Diese Erweiterung kann vielfältige Funktionen erfüllen, wie z. B. die der Spezifizierung, Verdeutlichung, Steigerung, Verallgemeinerung oder Exemplifizierung.

wie groß isch denn die wohnung quadratmetermäßig etwa (Spezifizierung)
er fühlte sich nicht wohl * im klartext er hatte wieder mal gesoffen (Verdeutlichung)
ich will das alles nicht mehr diese endlose schufterei (Vereindeutigung von Pronomen)
er war ein held * mehr noch * ein vorbild für die ganze nation (Steigerung)
un das hat se zu hause auch immer gemacht so rumgepuzzelt ne 'stofftiere gemacht un diese schönen 'puppen gemacht und für die 'kinder immer irgendwat genäht oder so (Exemplifizierung)

Ein typisches Beispiel für Expansionen sind kumulierende Konstruktionen. Bei Kumulationen wird zunächst ein Formulierungskern geäußert, der dann in einem zweiten Zug, der die gleiche Handlungsfunktion erfüllt, expandiert wird:

nein * das mach ich nicht
bitte * greif doch zu

Kumulationen bestehen mindestens aus zwei Einheiten, die beide auch alleine hinreichend sind zur Erfüllung der betreffenden Handlungsfunktion (Ablehnung bzw. Erlaubnis). Die zweite Einheit ist jedoch expliziter formuliert, womit zugleich eine Intensivierung erreicht wird.

2071

Neben diesen Formulierungsverfahren, die die konkrete Ausformung von Beiträgen bestimmen, sind für die mündliche Verständigung eine Reihe von Formulierungstendenzen charakteristisch. Zu diesen Tendenzen, die die verschiedenen Gesprächsformen unterschiedlich stark betreffen, gehören eine größere Formelhaftigkeit des Formulierens, eine stärkere Bildlichkeit des Sprechens sowie ein höherer Anteil an Bewertungen und Intensivierungen. Die Formelhaftigkeit ist u. a. Resultat der Verwendung von festen kookkurrenten Wortfolgen (Gib mir mal X. Ich würde sagen X.) und von Phraseologismen wie Routineformeln (Wie geht's? Hiermit eröffne ich die Verhandlung.), idiomatischen Wendungen (Verrenk dir nicht den Hals. Ich bin gut drauf.), Redewendungen (Er hat wieder mal den Bock zum Gärtner gemacht.) und Gemeinplätzen (Ja, so sind sie eben. Was soll man da machen?).

Beispiele für Bildlichkeit sind: Das hängt mir zum Hals raus. Es hat mich glatt aus den Schuhen gehauen. Sie hat ihm wieder ein Ohr abgeschwatzt.

Deutliche Bewertungen bzw. Intensivierungen leisten z. B. die folgenden Formulierungen: Ein völlig irrer Typ. Das Essen war vom Allerfeinsten. Das war der Hammer.


Schlagwörter: Formulierungsverfahren , Dudengrammatik , Expansionen , Verberststellung , Apokoinukonstruktionen



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