Sprachratgeberartikel

Einleitung

4 Methodik der Untersuchung gesprochener Sprache

1988

Anders als die geschriebene Sprache ist gesprochene Sprache– als Folge ihrer Flüchtigkeit– nicht in unmittelbarer Weise für die Untersuchung zugänglich (↑ 1962). Um sie wissenschaftlich untersuchbar zu machen, muss sie zum einen mithilfe technischer Aufzeichnungsgeräte konserviert und zum anderen unter Verwendung von Transkriptionssystemen in eine schriftliche Form umgesetzt werden, die die spezifischen Merkmale der Mündlichkeit so weit wie möglich erhält. Die Untersuchung gesprochener Sprache stellt sich damit als ein Dreischritt aus (i) Aufzeichnung, (ii) Verschriftlichung und (iii) Analyse dar.

1989

(i) Aufzeichnung: Die Aufzeichnung von Gesprächen beruht im Regelfall auf einer vorgängigen, vom Untersuchungsziel gesteuerten Entscheidung, welcher Typ von Gesprächen aufgezeichnet werden soll. Die Aufzeichnung der Gespräche wird begleitet von der Erhebung dokumentarischer Daten und einer (ethnografischen) Beschreibung der sozialen Situationen und des sozialen Feldes, in dem die Gespräche stattfinden. Die Aufzeichnung ist darauf gerichtet, möglichst authentische Gespräche zu erhalten, d. h. Gespräche, die weitgehend unbeeinflusst sind durch die Tatsache, dass sie aufgezeichnet werden. Dieses Beobachterparadox, Gespräche so beobachten und aufzeichnen zu wollen, wie sie ohne Beobachtung und Aufzeichnung stattgefunden hätten, wird dadurch aufgelöst, dass Gesprächsteilnehmer üblicherweise nach etwa fünfzehn Minuten Aufnahmezeit das Faktum der Aufnahme nicht mehr registrieren und ein weitgehend unbeeinflusstes Gesprächsverhalten zeigen. Die Gesamtheit der für eine bestimmte Untersuchung aufgezeichneten Gespräche bildet ein Korpus.

1990

(ii) Verschriftlichung: Als Grundlage für die Analyse werden geeignete Ausschnitte des Korpus verschriftlicht (transkribiert). Resultat des Transkribierens sind Transkriptionen/Transkripte. Ziel des Transkribierens ist, das Gespräch unter möglichst weitgehender Beibehaltung und Symbolisierung der Besonderheiten der mündlichen Verständigung (wie z.B. Pausen, Tonhöhenbewegungen, lautliche Reduktionen und Verschmelzungen, Abbrüche, Versprecher, Rezeptionspartikeln, Überlappungen) in die Schriftform umzusetzen. Das Transkriptionsparadox besteht darin, dass Mündlichkeit, um für eine detaillierte Untersuchung zugänglich zu werden, in die Schriftform – eben die Transkription – umgesetzt werden muss. Dies wiederum macht methodische Vorkehrungen erforderlich, um Transkripte nicht als schriftliche Texte zu »lesen« und sich nicht in dieser »Textfalle« zu verstricken. Zu nennen ist hier u. a. das Gebot der strikten Sequenzialität, das für die Zwecke der Analyse einen linearen Durchgang durch das Transkript erfordert und ein Vor- und Zurückspringen untersagt, weil dies zwar in einem schriftlichen Text, aber eben nicht im strikt linearen Ablauf eines Gesprächs in der Zeit möglich ist.

Das Transkribieren ist kein lediglich abbildender Prozess, sondern es erfordert eine Vielzahl interpretativer Entscheidungen. Der Zeitaufwand für das Transkribieren beträgt – je nach Feinheitsgrad – das 30- bis 60fache der Dauer der Aufzeichnung.

1991

Für verschiedene Analysezwecke stehen unterschiedliche Transkriptionssysteme zur Verfügung (Redder 2001). Transkriptionssyteme bestehen aus einer Menge von Transkriptionskonventionen, die festlegen, wie bestimmte Merkmale des Mündlichen verschriftlicht werden sollen. Zu unterscheiden sind vor allem phonetische Transkriptionssysteme, die eine genaue symbolische Umsetzung der Sprechlaute ermöglichen, und literarische Transkriptionssysteme, die sich an die Standardorthografie anlehnen, zugleich aber auch umgangssprachliche und dialektale Lautungen repräsentieren (z.B. haste statt hast du). Das verbreitetste phonetische Transkriptionssystem ist das internationale phonetische Alphabet (IPA) (↑ 4, 18). Kern literarischer Transkriptionssysteme ist im Regelfall das Gesagte/Verbale (↑ 2007). Prosodische Merkmale (↑ 2009) werden mithilfe von Sonderzeichen notiert, körperliche Kommunikation (↑ 1996-2005) wird in Form beschreibender Kommentare erfasst.

1992

Die in diesem Kapitel wiedergegebenen Beispiele gesprochener Sprache sind – sofern es sich um authentische Beispiele handelt – auf der Grundlage einer vereinfachten Version des literarischen Transkriptionssystems des Instituts für Deutsche Sprache verschriftlicht. Die Beispiele werden in Kleinschreibung und ohne Satzzeichen wiedergegeben. Die Beispiele entstammen der im jeweiligen Zusammenhang genannten Literatur oder sind aus den Korpora des Instituts für Deutsche Sprache entnommen. Verwendet werden die folgenden Transkriptionskonventionen:

[ Partiturklammer, die zusammengehörende Sprecherzeilen markiert
A: Sprecherkennung
rdnr1992 simultane (Teile von) Äußerungen stehen übereinander; Beginn und Ende der Überlappung sind in den jeweiligen Textzeilen markiert
+ unmittelbarer Anschluss/Anklebung bei Sprecherwechsel
* kurze Pause (bis max. 0,5 Sekunden)
** etwas längere Pause (bis max. 1 Sekunde)
*3,5* längere Pause mit Angabe der Dauer in Sekunden
= Verschleifung (Elision) eines oder mehrerer Laute zwischen Wörtern (z.B. sa=mer für sagen wir)
/ Wortabbruch
(... ...) unverständliche Sequenz (drei Punkte= Silbe)
(war) vermuteter Wortlaut
steigende Intonation (z.B. kommst du mit?)
fallende Intonation (z.B. jetzt stimmt es?)
- schwebende Intonation (z.B. ich sehe hier –)
' auffällige Betonung (z.B. aber 'gern)
: auffällige Dehnung (z.B. ich war so: fertig)
←immer ich→ langsamer (relativ zum Kontext)
→immerhin← schneller (relativ zum Kontext)
>vielleicht< leiser (relativ zum Kontext)
<manchmal> lauter (relativ zum Kontext)
LACHT Wiedergabe nicht sprachlicher Lautäußerungen (in der Sprecherzeile in Großbuchstaben)
IRONISCH Kommentar zur Äußerung (in einer gesonderten Kommentarzeile in Großbuchstaben)

1993

(iii) Analyse: Die empirische Analyse gesprochener Sprache erfolgt in einem Wechselspiel zwischen Arbeit an den Transkripten und wiederholter Vergegenwärtigung der Aufzeichnungen. Die Untersuchungen zielen auf die Herausarbeitung der Besonderheiten von gesprochener Sprache und mündlicher Verständigung auf den verschiedenen sprachlich-kommunikativen Ebenen.


Schlagwörter: Formulierungsverfahren , Dudengrammatik , Expansionen , Verberststellung , Apokoinukonstruktionen



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