Deutsch heute – im 101. Jahr nach Konrad Duden

Konrad Duden, der sich in seiner Zeit als Gymnasialdirektor für viele Neuerungen seiner Zeit begeistern und einsetzen konnte (Englischunterricht am Gymnasium, Erwachsenenbildung in der Art der heutigen Volkshochschulen), hätte sich gegenüber den technischen Entwicklungen unserer Gegenwart sicher ebenso aufgeschlossen gezeigt. Das Internet und seine sozialen und kommunikativen Dimensionen wären ihm nicht fremd geblieben, und die damit verbundenen sprachlichen Veränderungen hätten zweifellos sein Interesse gefunden. Wie aber hätte er sie bewertet? Wäre ihm angst und bange um die Zukunft der deutschen Sprache geworden?
Dass wir heute nicht mehr so sprechen und schreiben wie Thomas Mann und dass Thomas Mann nicht mehr so sprach und schrieb wie Johann Wolfgang von Goethe und dass Johann Wolfgang von Goethe nicht mehr so sprach und schrieb wie Martin Luther (und so weiter), wird kaum jemand bestreiten. Wenn wir ältere Texte lesen, begegnet uns älteres Deutsch auf Schritt und Tritt. Am augenfälligsten sind in der Regel die Veränderungen des Wortschatzes: Während Goethe noch „darzeigen“ und „ehegestern“ verwendete, hätte er „twittern“ natürlich nicht zu deuten gewusst. Aber auch grammatisch ist längst nicht mehr alles so, wie es einmal war: Heute „bellten“ die Hunde, die bei Grimmelshausen noch „bollen“, und bei Schiller hieß „das Sofa“ noch „der Sofa“.
So manche feine Differenzierung der heutigen Standardsprache, deren Nichtbeachtung uns oft als mangelnde Sprachkompetenz erscheint, kann sich dagegen nicht auf Altehrwürdigkeit berufen: Unsere Unterscheidung zwischen „dreiwöchig“ (= drei Wochen dauernd) und „dreiwöchentlich“ (alle drei Woche stattfindend) war für Goethe nicht gegeben. Er berichtet in seinen Briefen, was ihm „bei einem dreiwöchentlichen Aufenthalte“ oder „nach einer beinahe dreimonatlichen Abwesenheit“ begegnet ist.
Die Tatsache nolens volens einräumend, dass die deutsche Sprache sich – wie alle lebenden Sprachen – in ihrer Geschichte ständig verändert hat, sind die meisten von uns aber noch lange nicht bereit, solche Veränderungen unbewertet zu lassen, wenn sie in unserer Gegenwart zu beobachten sind. Die Sprache der Jugend (was immer das sein mag), die Sprache der Medien, besonders des Internets und der Telekommunikation, die Sprache der Politik, die Sprache multikultureller Gruppen, die Sprache der Verwaltung und oft genug auch die Sprache ganz allgemein – alle diese „Sprachen“ können sprachlich auffällig werden. Das heißt in der Praxis selten etwas anderes, als dass weitestgehende Ablehnung jeglicher Abweichung vom gegebenen Standard geäußert oder gefordert wird – oder von dem, was wir als solchen ansehen.
Die Sprachwissenschaft bemüht sich zwar sehr, den sprachlichen Wandel mit der gebotenen wissenschaftlichen und aufklärerischen Nüchternheit zunächst einmal genauer zu analysieren, um dann meist Entwarnung hinsichtlich kulturpessimistischer Sprachuntergangsbefürchtungen zu geben.
Aber solche Untersuchungen haben bei einigen Sprachpflegern eher zu einer pauschalen Berufsschelte gegenüber den Linguisten oder zu einem resignierten Nicht-zur-Kenntnis-Nehmen der linguistischen Forschung geführt – zu stark ist häufig der Eindruck des ständigen Sprachverfalls und der ernsthaften Beschädigung alles dessen, was uns Sprache so wertvoll macht, als dass man sich durch nüchterne Analysen von dieser Sichtweise abbringen lassen wollte.
An Beweismaterial herrscht ja auch kein Mangel. Das Internet (und nicht nur das) ist voll von Wortschatzerweiterungen wie „liken“ aus der Facebook-Welt, Sprachverkürzungen wie „lol“ (= laughing out loud) oder neuen Schreibformen wie den Emoticons: Semikolon, Divis und schließende runde Klammer zeigen ohne lange Erklärung an, dass das zuvor Geschriebene scherzhaft gemeint ist. Wurde auf dem Schulhof einer Brennpunktschule mal der Satz „Isch mach disch Messer“ gehört und in irgendeinem Medium verschriftlicht, dann ist er bald vieltausendfach abgespeichert und Standardbeleg für die nicht nur sprachliche Verrohung unserer Zeit.
Auch pädagogische Bemühungen, das Lesen- und vor allem das Schreibenlernen zu modernisieren, finden zum Teil heftigsten Widerstand. Der Verzicht auf die gewohnte Schreibschrift zugunsten einer an die Druckschrift angelehnten neuen Grundschrift, die eine Expertengruppe im Auftrag des Grundschulverbandes entwickelt hat und für den Schreibunterricht empfiehlt, hat zwar die Wellen bisher nicht so hoch schlagen lassen wie vor 16 Jahren die Rechtschreibreform, aber auch hier wird Kulturverfall befürchtet, wird Vereinfachung als Verarmung angesehen.
Man hat sich heute wohl daran gewöhnt, Briefe nicht mehr mit „hochachtungsvoll“, sondern mit „freundlichen Grüßen“ zu unterschreiben. Aber die in E-Mails häufig gebrauchte Abkürzung „MfG“ für „Mit freundlichen Grüßen“ wird vielfach als unhöflich eingestuft – mein Word-Programm setzt die ausgeschriebene Form ungefragt ein, sollte ich die verpönten drei Buchstaben schreiben.
Wortverkürzungen, die für die Schreibenden die Textproduktion ökonomischer machen, gelten sehr oft als Ausdruck einer gewissen Achtlosigkeit und sogar Rücksichtslosigkeit gegenüber den Lesenden, die nicht in jedem Fall mit allen Kürzeln so vertraut sind, dass sie sie ohne zusätzlichen Zeitaufwand verstehen können. Wenn eine schriftliche Kommunikation wie etwa in den Chatrooms oder in der SMS-Welt so sehr von solchen Abkürzungen und Zeichen dominiert wird, dass die Außenstehenden sich ausgeschlossen fühlen, dann erklingt sehr schnell auch hier der Ruf vom Sprachverfall, und dabei wird gern so getan, als seien nicht wir selbst die Leidenden, sondern als würde die arme deutsche Sprache gequält.
„Es geht bergab mit der Sprache, machen wir uns nichts vor“, schrieb vor einigen Jahren der Publizist und Sprachkritiker Wolf Schneider, und schon 1891 las man bei Gustav Wustmann in dem Buch „Allerlei Sprachdummheiten“ den einleitenden Satz „Seit einigen Jahren sind uns plötzlich die Augen darüber aufgegangen, dass sich unsere Sprache in einem Zustand der Verwilderung befindet.“ Es kann aber nicht nur Verwilderung und Niedergang gegeben haben, denn in einer wahrhaft verlotterten deutschen Sprache wären doch wohl keine Nobelpreise für Literatur zu gewinnen gewesen, über die wir uns zuletzt mit Günter Grass, Elfriede Jelinek und Herta Müller freuen konnten.
So viel geschrieben wie heute wurde jedenfalls noch nie. Was also ist der Fall, wenn wir uns die deutsche Sprache der Gegenwart ansehen? Sind Linguisten und Pädagogen zu naiv oder zu leichtfertig gegenüber der Gefahr einer ständigen Verschlechterung unserer sprachlichen Mittel? Oder fehlt es den Sprachkritikern an der nötigen Sachlichkeit und der Bereitwilligkeit, sich mit der Materie gründlicher, vielleicht auch mal die eigenen Vorurteile infrage stellend, zu befassen? Hat das Deutsch der Gegenwart sich die Sprache des Internets, der Neuen Medien, der verschiedenen jüngeren Soziolekte einverleibt, damit seine allgemeine Robustheit bewiesen und eigentlich nur seine Vielfalt gesteigert? Oder sind die beklagte Verarmung und Verschluderung mehr als nur gefühlte Bedrohungen?
Für Konrad Duden hätte wohl im Vordergrund gestanden, das Bewusstsein dafür zu erhalten und auch wieder ein wenig zu stärken, dass die schriftliche Kommunikation gerade in einer allseits vernetzten modernen Gesellschaft eines möglichst gut funktionierenden und anerkannten Standards bedarf. Vielfalt ist nicht dasselbe wie Beliebigkeit, und Bewahrung und Weiterentwicklung von Normen müssen keineswegs zur Pedanterie führen.
Konrad Duden hat in seinem Bemühen um eine Vereinheitlichung der deutschen Rechtschreibung zu seiner Zeit mit seinen Mitteln viel erreicht, weil er sich im Rahmen seiner Zielsetzungen stets den Blick für das Angemessene, Machbare und Vernünftige bewahrt hat. Nicht zuletzt darin kann er uns auch heute noch ein Vorbild sein, auch in der Diskussion über das Deutsch der medial geprägten Gegenwart.
