Duden-Newsletter
Duden-Newsletter vom 30.09.11
Liebe Leserin, lieber Leser,
falls Sie den Dingen gern auf den Grund gehen und beispielsweise wissen möchten, was den Namen „Robert“ mit der Birke verbindet oder das Zahlwort „acht“ mit dem Ahorn, dann sind Sie heute hier genau richtig.
Zuvor beschäftigen wir uns noch mit Verbindungen aus Präposition und Adjektiv, die häufig gebraucht werden, aber ebenso häufig Zweifel an ihrer Schreibweise wecken.
Abschließend erfahren Sie, was ein Hungertuch ist – und warum man daran nagt.
Gute Unterhaltung wünscht Ihnen
Ihre Duden-Sprachberatung
| Was Sie schon immer wissen wollten |
Substantivierungen von Adjektiven
In der Grundschule ist es noch einfach: Alles, was man anfassen kann, ist ein Namenwort und wird großgeschrieben. Später lernen wir, dass der Fachausdruck für das Namenwort „Substantiv“ lautet, dass wir es nicht immer anfassen können und vor allem, dass die Sache mit der Großschreibung ziemlich vertrackt ist. Im Folgenden geht es um die Frage, wann Adjektive bzw. Adverbien als Substantive anzusehen und somit großzuschreiben sind.
Eine gute Merkhilfe stellt das Auftauchen eines Artikels dar. Wenn es heißt: „Das Reine und Schöne braucht keinen Schmuck“, dann schreibt man groß. Ähnlich gelagert sind Fälle mit Präposition und Artikel vor dem Adjektiv, wie z. B. „aufs Ganze gehen“, „mit sich im Reinen sein“, „aus dem Vollen schöpfen“. Auch hier muss zwingend großgeschrieben werden.
Nun gibt es aber auch die Kombination aus Präposition und flektiertem Adjektiv, die ohne Artikel auskommt. Hierbei ist es Ihnen freigestellt, das Adjektiv eher substantivisch zu sehen oder auch nicht – „vor kurzem“ ist genauso richtig wie „vor Kurzem“; „seit längerem“ oder „von neuem“ können Sie ebenso schreiben wie „seit Längerem“ oder „von Neuem“. Falls Sie sich lieber feste Regeln merken: Die Dudenredaktion empfiehlt in diesen Fällen die Großschreibung.
Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass es auch unflektierte Adjektive bzw. Adverbien gibt, die mit Präpositionen verbunden auftauchen können. Hier gilt dann die Kleinschreibung: „von nah und fern“, „von klein auf“, „in bar“.
| Hätten Sie's gewusst? |
Herkunft von Birke und Ahorn
Der Herbst ist da und lässt die Blätter von den Bäumen fallen – eine gute Gelegenheit, um darüber nachzudenken, warum bestimmte Bäume so heißen, wie sie heißen. Die Birke beispielsweise erkennt auch der botanische Laie an ihrem weißen Stamm. Und genau der ist auch für die Bezeichnung „Birke“ verantwortlich. Die Basis des Wortes stammt aus dem Indoeuropäischen und bedeutete so viel wie „glänzend, leuchtend“, was ja auf den Birkenstamm zutrifft. Ebenfalls darauf zurückführen lassen sich viele Vornamen auf -bert, unter anderem die Namen Robert und Rupert, die eigentlich „vor Ruhm glänzend“ bedeuten.
Im Englischen treffen wir das Wort übrigens noch in seiner ursprünglichen Bedeutung an, nämlich in „bright“ (= strahlend, glänzend).
Ein weiterer Baum, der ein auffälliges Merkmal trägt, ist der Ahorn. Hier ist es jedoch weniger der Stamm als vielmehr die Blätter, die eine eindeutige Zuordnung ermöglichen. Beim Betrachten fallen vor allem die vielen Spitzen auf. „Spitz, scharf, kantig“ wurde im Indoeuropäischen durch die Wurzel „ak-“ ausgedrückt, welche auch dem „Ahorn“ zugrunde liegt. Nun lösen wir auch noch das Eingangsrätsel auf: Wenn Sie Ihre Finger (ohne die Daumen) wie ein Ahornblatt in die Luft recken und die Spitzen zählen, dann kommen Sie auf „acht“, was ebenfalls auf „ak-“ zurückzuführen sein dürfte.
| Für Sie nachgeschlagen |
Am Hungertuch nagen
umgangssprachlich: hungern, Not leiden: Das Hungertuch (niederdeutsch: „Schmachtlappen“) war früher das Tuch, mit dem etwa um das Jahr 1000 zur Fastenzeit der Altar verhängt wurde (mittelhochdeutsch: „hungertuoch“). Es war mit Bildern geschmückt und sollte die Gläubigen an die Fastenzeit gemahnen. Ein prachtvolles Exemplar ist im Dom von Gurk (Kärnten) erhalten. Es stammt von 1458 und enthält 99 Szenen. Schon im 16. Jh. erscheinen Redewendungen mit übertragener Bedeutung: „am Hungertuch nähen, flicken“ = fasten, sich kümmerlich behelfen. Es wird vermutet, dass „nähen“ zu „nagen“ verballhornt wurde, ob bewusst oder unbewusst, ist nicht mehr zu klären.
Aus: Duden, Redensarten. Woher sie kommen, was sie bedeuten. Mannheim 2012.