Die Neuregelung der Rechtschreibung

Laute und Buchstaben

Grundsätzliches

Im Bereich „Laute und Buchstaben” geht es um das komplexe Problem der Beziehung zwischen Lauten und Buchstaben beim Schreiben in unserer Sprache: Laute können – wie in jeder Alphabetschrift – durch Buchstaben wiedergegeben werden und umgekehrt können Buchstaben in Laute umgesetzt werden. Man spricht hier vom Lautprinzip der Schreibung. Im Idealfall entspricht dabei einem Laut (oder einer Lautverbindung) genau ein Buchstabe (oder eine Buchstabenverbindung).

 

Dieses Prinzip ist nun – wie wir wissen – im Deutschen nicht voll durchgehalten. So wird auf der einen Seite ein und derselbe Laut durch verschiedene Buchstaben oder Buchstabenverbindungen wiedergegeben, zum Beispiel der lang gesprochene Laut a durch den einfachen Buchstaben a oder durch die Buchstabenverbindungen aa und ah (Tal, Saal, Zahl). Auf der anderen Seite werden verschiedene Laute durch denselben Buchstaben bezeichnet, vgl. zum Beispiel die unterschiedlichen Laute, die der Buchstabe s in springen und Wespe signalisiert. Das hängt damit zusammen, dass unsere Schreibung sich historisch entwickelt hat und nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt „von oben her” systematisch geregelt worden ist.

 

Bei der Arbeit an der Weiterentwicklung der deutschen Rechtschreibung ist man besonders in diesem Bereich auf eine Reihe von Problemen gestoßen. Sie haben ihren Grund darin, dass eine konsequente und systematische Durchsetzung des Lautprinzips zwar durchaus möglich wäre und auch eine deutliche Vereinfachung mit sich brächte, als Preis dafür wären aber erhebliche Eingriffe in das vertraute Schriftbild in Kauf zu nehmen. Dazu scheinen die meisten Menschen, vor allem die Lesenden, nicht bereit zu sein.

 

Das hängt wohl damit zusammen, dass wir nicht buchstabenweise lesen, sondern immer größere „Portionen” wahrnehmen, die wir den im Kopf gespeicherten Mustern zuordnen. Wenn nun eine Schreibung mit dem vertrauten Schriftbild nicht übereinstimmt, stockt das Lesen. Dies gilt bekanntermaßen für falsche Schreibungen (zum Beispiel Tahl, Sal, Zaal) und es würde, zumindest in einer Übergangszeit, auch für neue Schreibungen gelten, selbst wenn sie logisch wären. Neue Schreibungen werden daher – jedenfalls zunächst – immer auf Widerstand stoßen. Bei der Reformarbeit war unter diesen Umständen sehr genau abzuwägen, wie weit man gehen durfte.

Die ausgearbeitete Neuregelung geht hier sehr vorsichtig zu Werke, berücksichtigt die genannten Schwierigkeiten und sieht Veränderungen nur im Zusammenhang mit einem zweiten wichtigen Prinzip der Wortschreibung, dem Stammprinzip, vor. Es geht hier um folgenden, nicht ganz leicht darzustellenden Zusammenhang: Im Deutschen werden Wortstämme in der Schreibung möglichst wenig abgewandelt, anders gesagt: Die verschiedenen Erscheinungsformen eines Wortstamms sollen sich im Schriftbild möglichst wenig voneinander unterscheiden. So schreiben wir ich trennte mit zwei n oder Ränder mit einem ä – wegen des Zusammenhangs mit den Wortformen trennen und Rand. Nur nach der Aussprache der isolierten Wortformen wären auch ich trente oder die Render denkbar (vgl. die damit reimenden Wortformen die Rente und der Spender).

 

Nun gab es in der bisherigen Regelung Ausnahmen, wo das Stammprinzip  – oft aus wenig einsehbaren Gründen – nicht befolgt wurde. Hierher gehören zum Beispiel Fälle wie: überschwenglich, trotz Überschwang, numerieren trotz Nummer, plazieren trotz Platz. An solchen Stellen greift  – im Sinne der Systematisierung der Schreibung von Varianten ein und desselben Stammes – die Neuregelung ein. Hingegen wird aus den oben dargelegten Gründen von Angleichungen zwischen unterschiedlichen Wortstämmen grundsätzlich Abstand genommen. Dementsprechend wird man also weiterhin einerseits Tal, Qual usw. mit einfachem a, dagegen Aal, Saal und Zahl, Stahl usw. mit Doppel-a oder aber mit der Buchstabenverbindung ah schreiben. Änderungen dieser Art sind nur in wenigen - eher peripheren – Fällen vorgesehen.

 

Konkret bedeutet das, dass die Neuregelung nur in den folgenden Bereichen Veränderungen bringt:

 

Zur s-Schreibung

In Zukunft soll ß nur noch nach langem Vokal und nach Diphthong (Doppellaut) stehen. Man schreibt also weiterhin: das Maß – des Maßes; außen; gießener gießt. Nach kurzem Vokal soll hingegen nur noch Doppel-s stehen (bisher stand hier je nach dem folgenden Buchstaben teils ss, teils ß). Man schreibt neu: der Fluss, die Flüsse; es passt, passend; wässrig, wässerig (bisher: der Fluß, aber die Flüsse; es paßt, aber passend; wäßrig, aber wässerig). Die Erleichterung, die mit dieser Lösung angestrebt wird, besteht darin, dass in mehr Fällen als bisher die Schreibung aus der Lautung abgeleitet werden kann: das Floß – es floss; der Ruß  – der Schluss; das Maß – das Fass. In der Schweiz bleibt es bei der bisherigen Regelung, nach der ß im Allgemeinen nicht verwendet wird. Für die Schreibung von Eigennamen wie Personennamen und geografischen Namen gelten im Allgemeinen amtlich festgelegte Schreibungen, die den Rechtschreibregeln nicht entsprechen müssen: Uli Hoeneß (Manager des FC Bayern München), Haßloch (Ort in Rheinland-Pfalz).

 

Zusammentreffen dreier gleicher Buchstaben

Wenn in Zusammensetzungen drei gleiche Buchstaben zusammentreffen, bleiben immer alle erhalten. Diese Regelung galt schon bisher, wenn drei gleichen Konsonantenbuchstaben ein weiterer Konsonantenbuchstabe folgte: Schifffracht (aus: Schiff+Fracht), fetttriefend (aus: Fett+triefend), außerdem allgemein in der Worttrennung am Zeilenende. In Zukunft werden nun auch dann alle drei Buchstaben geschrieben, wenn ein Vokalbuchstabe folgt: Schifffahrt (aus: Schiff+Fahrt), Schritttempo (aus: Schritt+Tempo), wettturnen (aus: Wette+turnen).

Entsprechendes gilt nun grundsätzlich auch, wenn drei Vokalbuchstaben zusammentreffen, zum Beispiel in Seeelefant. Zur Erleichterung des Lesens kann man freier als bisher den Bindestrich setzen: Sauerstoffflasche oder Sauerstoff-Flasche, Seeelefant oder See-Elefant.

Diese Regelung wird selbstverständlich auch auf Zusammensetzungen mit Wörtern angewendet, die neu statt auf ß auf Doppel-s enden: Flussstrecke (aus: Fluss+Strecke), Flusssenke (aus: Fluss+Senke).

Unverändert bleiben hingegen diejenigen Wörter, die schon in der bisherigen Regelung nicht mehr als Zusammensetzungen behandelt wurden und daher auch in der Trennung nur zwei Konsonantenbuchstaben hatten: Mittag (Trennung bisher und künftig: Mit-tag), dennoch (Trennung: den-noch).

 

Verdoppelung der Konsonantenbuchstaben nach kurzem Vokal

In einigen Einzelwörtern werden Konsonantenbuchstaben in Anlehnung an Flexionsformen oder an andere Wörter derselben Wortfamilie (Stammprinzip) neu doppelt geschrieben, zum Beispiel: Ass (wegen: des Asses, die Asse); Karamell (wegen: Karamelle), Messner (heute zu: Messe); Mopp (wegen: moppen); nummerieren (wegen: Nummer); Tipp (wegen: tippen); Stepp[decke] (wegen: steppen); Tollpatsch (heute zu: toll). Entsprechendes gilt bei einigen wenigen Wörtern für die Schreibung mit ck und tz: Stuckatur, Stuckateur (wegen: Stuck); platzieren (wegen: Platz).

 

Umlautschreibung

In einigen Einzelwörtern wird entsprechend dem Stammprinzip und in Anlehnung an andere Wörter derselben Wortfamilie neu ä statt e geschrieben: Bändel (wegen: Band); behände (wegen: Hand); belämmert (heute zu: Lamm); Quäntchen (heute zu: Quantum); schnäuzen (heute zu: Schnäuzchen, Schnauze); Stängel (wegen: Stange); Gämse (wegen: Gams); überschwänglich (wegen: Überschwang); verbläuen (heute zu: blau).

 

Sonstige Einzelfälle

Darüber hinaus wird die Schreibung einiger weniger weiterer Wörter den allgemeinen Regularitäten der Laut-Buchstaben-Zuordnung angepasst: rau (wie alle Adjektive auf -au: blau, grau, genau, schlau; entsprechend nun regulär mit nur einem h: Rauheit); Känguru (vgl. andere fremde Tierbezeichnungen wie: Kakadu, Gnu); Föhn (auch in der Bedeutung Heißlufttrockner). Bei Rohheit und Zähheit (bisher: Roheit, Zäheit) soll das Dehnungs-h vor -heit nicht mehr fallen; als Ausnahme verbleibt allerdings Hoheit (Schreibung wie bisher). Neue Schreibungen sind ferner: Zierrat (bisher: Zierat); selbstständig (daneben wie bisher: selbständig); Albtraum, Albdrücken usw. (daneben wie bisher: Alptraum, Alpdrücken usw.).

 

Fremdwörter

Bei der Fremdwortschreibung handelt es sich im Wesentlichen um ein Spezialgebiet innerhalb des größeren Bereichs der „Laut-Buchstaben-Beziehungen” (wobei hier im Auge zu behalten ist, dass die nachfolgenden Bemerkungen nur den Allgemeinwortschatz, nicht Fremdwörter aus Fachsprachen betreffen). Grundsätzlich geht es hier um Folgendes: Wenn ein Wort (oder ein Wortstamm) aus einer anderen Sprache ins Deutsche übernommen wird, erscheint es normalerweise zunächst in der fremden Schreibung (zum Beispiel Photographie). In dem Maße, in dem der Eindruck der Fremdheit schwindet, neigt die Schreibgemeinschaft dazu, das fremde Wort wie ein einheimisches zu behandeln und entsprechend zu schreiben (zum Beispiel Fotografie). So entstehen durch den Wandel im Schreibgebrauch für die Schreibung bestimmter Wörter und Wortgruppen Varianten (Photographie neben Fotografie). Im weiteren Verlauf kann das dazu führen, dass nur noch die eingedeutschte Form üblich ist (so finden sich zum Beispiel im Wörterverzeichnis von 1902 nebeneinander Coulisse und Kulisse, heute nur noch Kulisse). Andere Wörter wiederum – vorwiegend Entlehnungen aus dem Griechischen – werden von diesem Wandel nicht erfasst (zum Beispiel Philosophie, Theater, Rhetorik).

Diese Prozesse in ihren Entwicklungsstufen und in ihren Regularitäten zu erfassen oder gar zu steuern ist nicht leicht. Deshalb will die Neuregelung über das amtliche Wörterverzeichnis dem Grundsatz folgen, dass die Anpassung der Herkunftsform an die deutsche Schreibung in den Fallgruppen und Einzelfällen akzeptiert wird, in denen sie im allgemeinen Gebrauch der Schriftsprache bereits zu beobachten ist.

Von der 1996 bis 2004 geübten Praxis, bei Fremdwörtern alternativ zu gleichrangigen Schreibungen (wie Soutane, Sutane) eine Haupt- und eine Nebenvariante explizit auszuweisen (zum Beispiel: Joghurt, auch Jogurt), ist man wieder abgerückt. Es ist der Sache angemessener, die Entscheidung, welche Form sich mittel- und langfristig möglicherweise allein durchsetzen wird, nicht zu forcieren, sondern der Sprachgemeinschaft zu überlassen.

Schreibvarianten betreffen im Wesentlichen die folgenden Laut-Buchstaben-Beziehungen:
ph, th, rh -> f, t, r
…é, …ée -> …ee
…tial, …tiell -> …zial, …ziell

 

Es geht dabei um Folgendes:

Schreibungen von einem Tag auf den anderen zu verändern ist schwer möglich, der Widerstand gegen eine abrupte Veränderung von Schriftbildern ist groß. Vor diesem Hintergrund gibt es, will man Fremdschreibungen langfristig integrieren, nur die Möglichkeit, die Schreibpraxis sorgfältig zu beobachten und festzuhalten, was sich dort an integrierender Schreibung anbahnt. Ein Fall, wo das ganz deutlich ist, ist zum Beispiel die Schreibung von Telefon. Das Telefon gehört so sehr zum ganz gewöhnlichen Alltag, dass für viele Schreibende eine Integration der Fremdschreibung (hier: Telephon) naheliegt. Es bildet sich – vorerst noch „inoffiziell” – eine Schreibvariante aus.

Angenommen, man möchte diese Variante fördern (vgl. Punkt 1), wird man sie ins Rechtschreibwörterbuch aufnehmen. Das geschieht jedoch sinnvollerweise nicht neutral, sondern unterschiedlich akzentuierend in mehreren Stufen:

Stufe 1: Man nimmt die neue Variante ins Rechtschreibwörterbuch auf, „legalisiert” sie damit gewissermaßen, verweist aber von ihr auf die Herkunftsschreibung (als die gleichsam „noch legalere Variante”). So wird beispielsweise in der letzten Auflage des Dudens von Schredder auf Shredder verwiesen.

Stufe 2: Wird die Neuvariante von der Schreibgemeinschaft angenommen und will man ihr zu größerer Verbreitung verhelfen, wird im Rechtschreibwörterbuch von der Herkunftsschreibung auf die Neuvariante verwiesen, nicht aber umgekehrt. So verweist der Duden in der letzten Auflage von Telephon auf Telefon, nicht aber von Telefon auf Telephon. Die Neuschreibung ist damit zur Vorzugsvariante geworden.

Stufe 3: Die Neuvariante ist in der Schreibgemeinschaft fest verankert und hat die ursprüngliche Variante zur Gänze verdrängt. Nun wird nur noch die integrierte Variante im Rechtschreibwörterbuch aufgeführt. Beispiele dafür bilden etwa im Duden Streik (von engl. strike) oder Büro (von franz. bureau).

Auf diese Weise können Neuschreibungen etabliert werden, ohne dass eine alte Schreibung von einem Tag auf den anderen falsch wird.

Schreibvarianten betreffen im Wesentlichen die folgenden Laut-Buchstaben-Beziehungen:
ph, th, rh -> f, t, r
…é, …ée -> …ee
…tial, …tiell -> …zial, …ziell

 

ph, th, rh -> f, t, r

Die Verbindung ph kann in allgemeinsprachlichen Wörtern mit den Stämmen phon, phot, graph durch f ersetzt werden. Solche Schreibungen werden schon über einen längeren Zeitraum praktiziert und sind teilweise bereits früher in den Duden aufgenommen worden, zum Beispiel Mikrofon, Fotokopie, Grafiker. Die Schreibung mit f soll neu auch bei Delfin (neben Delphin) möglich sein.

Entsprechend können in einigen häufig gebrauchten Wörtern die Buchstabenverbindungen rh (nur am Wortende), th, gh durch r, t, g ersetzt werden; die bisherige, nicht integrierte Schreibung bleibt daneben richtig. Beispiele (bisherige Schreibung in Klammern): Katarr (Katarrh), Tunfisch (Thunfisch), Panter (Panther), Jogurt (Joghurt).

 

…é, …ée -> …ee

Wörter, die auf …é oder …ée ausgehen, sind praktisch alle aus dem Französischen ins Deutsche gelangt. In Wörtern wie Allee, Armee, Püree sind …é und …ée schon früher durch …ee ersetzt worden (französisch: allée, armée, purée). Neu wird die Schreibung mit …ee auch für einige Wörter auf …ée und …é vorgesehen, und auch in diesen Fällen ist die bisherige Schreibung weiterhin möglich. Beispiele (bisherige Schreibung in Klammern): Exposee (Exposé), Varietee (Varieté).

 

…tial, …tiell -> …zial, …ziell

Wenn es verwandte Wörter auf -z im Auslaut gibt, ist auch die z-Schreibung erlaubt. Die bisherige Schreibung mit t ist aber weiterhin zulässig. Beispiele: Potenzial, potenziell (wegen: Potenz; daneben weiterhin: Potential, potentiell), substanziell (wegen: Substanz; daneben weiterhin: substantiell). Die z-Schreibung hat sich bei einigen Wörtern schon früher eingebürgert, zum Beispiel: finanziell (wegen: Finanz), tendenziell (wegen: Tendenz).
Daneben sind auch einige wenige Einzelfälle neu festgelegt. So ist zum Beispiel jetzt auch die Schreibung Portmonee (als Variante neben bisherigem: Portemonnaie) möglich.

Wichtig ist bei all dem: Die Neuregelung (im Sinne einer „gezielten Variantenführung”) will mehr Fremdwörter als bisher in das Deutsche integrieren und damit das Schreiben ein wenig erleichtern.

Dudentraining

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