Newsletter-Archiv

Newsletter vom 04.02.2002

Liebe Leserin, lieber Leser,

heute erwartet Sie in unserem Newsletter eine höchst ausgefallene Darbietung. Wollen Sie wissen, was der Bindestrich in geographischen Namen macht? Sie werden sehen, dass er munter Kapriolen schlägt, aber seine Vorstellung seit August 1998 leicht verändert hat. Lassen Sie sich also überraschen von einem kleinen Abstecher in die Geographie.
Anschließend bieten wir Ihnen ein kurzes Testprogramm, mit dem Sie zielsicher herausfinden, ob Sie – sprachlich gesehen – eher preußischer oder bayerischer Herkunft, eher ein Nordlicht oder ein Südländer sind. Der gesprochenen Standardsprache gehören nämlich einige Wörter an, die eigentlich an bestimmte Mundartgebiete gebunden, aber dennoch im gesamten Sprachgebiet problemlos zu verstehen sind. Sie sind bereit?
Lehnen Sie sich schließlich entspannt zurück und tauchen Sie zum Abschluss der Vorstellung mit uns ein in die Welt des Sprachausgleichs.

»Vorhang auf!«, sagt

Ihre Duden-Sprachberatung
 

Hätten Sie's gewusst?

Bindestrich in geographischen Namen

Alpensüdseite, Elbmündung, rheinaufwärts, europaweit – Zusammensetzungen mit geographischen Namen verzichten im Allgemeinen auf den Bindestrich, lassen ihn jedoch zu, um nicht unübersichtlich zu werden oder um den Eigennamen hervorzuheben: Jalta-Abkommen, Eiger-Nordwand.
Nicht wegzudenken ist der Bindestrich nach alter wie nach neuer Rechtschreibung in Zusammensetzungen aus zwei geographischen Namen, wie z. B. Hamburg-Altona, Baden-Württemberg oder Villingen-Schwenningen. Gleiches gilt auch, wenn ein geographischer Name als Grundwort auftaucht: Groß-London, Alt-Heidelberg. (Aber Vorsicht – dies gilt nur, sofern die ganze Zusammensetzung keinen offiziellen Namen bildet.) Unentbehrlich ist der Bindestrich auch in Zusammensetzungen mit mehreren oder mehrteiligen Namen, wie beispielsweise Rio-de-Janeiro-Reise oder Mont-Blanc-begeistert.
Nun zu den Novitäten in der Manege. Die Wörter Bad und Sankt, die normalerweise ohne Bindestrich vorangestellt werden (Bad Orb, St. Leon-Rot), bekommen in Ableitungen auf -er auch einen Bindestrich. Aber es geht (zum Leidwesen aller, die es gerne einfach haben) auch ohne, z. B. beim Sankt[-]Galler Kloster oder dem Bad[-]Emser Sprudel. Hinzu kommt der Bindestrich außerdem bei allen Ableitungen von mehrteiligen geographischen Namen wie puerto-ricanisch oder auch Costa-Ricaner. Aber – Sie ahnen es schon – auch bei den Ableitungen auf -er geht's in diesem Fall wieder ohne! (Was wären Regeln ohne Ausnahmen? Langweilig!) Keinen doppelten Boden gibt es bei Ableitungen, denen schon ein Ausgangswort mit Bindestrich zugrunde liegt: Hier bleibt er grundsätzlich erhalten (Rheinland-Pfälzer, nordrhein-westfälisch, Alt-Wiener).

Was Sie schon immer wissen wollten

Norden oder Süden?

Essen Sie im Winter für gewöhnlich lieber Apfelsinen oder Orangen? Gibt es bei Ihnen zu Hause eher Krautwickel oder Kohlrouladen? Zu Hause? Daheim? Und wann, samstags oder sonnabends? Vom Schlachter, vom Metzger oder etwa vom Fleischer? – Der Standardsprache gehören eine ganze Reihe von Wörtern an, die eigentlich an bestimmte Mundartgebiete gebunden sind und deshalb auch nur regional gebraucht werden. Besonders prägnant ist dabei der Unterschied zwischen dem nördlichen und dem südlichen Sprachraum. Die Grenze zwischen diesen beiden Gebieten ist allerdings fließend, und es gibt Regionen, in denen sich beide Formen im Sprachgebrauch mischen. Wenn Sie Apfelsinen essen und Kohlrouladen kennen, wenn Sie beim Schlachter oder Fleischer einkaufen und der sechste Tag der Woche bei Ihnen Sonnabend heißt, dann sind Sie – zumindest in sprachlicher Hinsicht – im Norden zu Hause. Im umgekehrten Fall sind Sie im Süden daheim.
Viele verschiedene Formen gibt es bei einer in den letzten Wochen sehr gefragten Tätigkeit: dem Beseitigen von Schnee. Im Norden wird Schnee geschoben oder gefegt, im Westen wie im Osten wird er eher geschippt. Im Südosten wird er vorwiegend gefegt und im Süden, der Schweiz und Österreich schaufelt man ihn meistenteils.
Haben Sie sich nicht dem Norden oder Süden zurechnen können? In diesem Fall gehören Sie zu der immer größer werdenden Gruppe derjenigen, bei denen sich im Zuge des verstärkten Sprachausgleichs die Formen mischen oder jeweils beide Formen nebeneinander zum persönlichen Wortschatz gehören.

Für Sie nachgeschlagen

Sprachausgleich

Schon Martin Luther hat sich im 16. Jahrhundert bemüht, seine Bibelübersetzungen in einer Sprache zu schreiben, die im ganzen deutschen Sprachraum verstanden wurde. Dieses Streben nach einem Sprachausgleich ist in den letzten Jahrzehnten auch in unserer Gegenwartssprache stärker geworden. Rundfunk, Fernsehen und Presse wirken mit ihrem überregionalen Wortgebrauch stark auf die regionalen Umgangssprachen ein. Besonders die Werbesprache, die ja möglichst viele Menschen ansprechen und zum Kauf bewegen will, muss allgemein verständlich sein. So bietet ein großes Versandhaus in Hamburg einen Teppichkehrer an, der im nördlichen Sprachraum eigentlich Teppichfeger heißen müsste. Wer an der Nordsee Urlaub macht und sich dort eine Tageszeitung kauft, liest in einem Artikel auch schon einmal die Tagesbezeichnung Samstag statt des im Norden üblichen Sonnabend. Der im Süd- und Mitteldeutschen übliche Wochentagsname rückt langsam nordwärts vor. Die nord- und mitteldeutschen Ausdrücke ab- und aufwaschen für Geschirr spülen werden aufgrund der Benennungen für moderne Spülvorrichtungen (Geschirrspüler, Spülbecken, Spüle, Spülautomat) allmählich von spülen verdrängt und bekommen dadurch umgangssprachlichen Charakter. Zu diesem Ausgleich innerhalb der Regionalsprachen hat nicht zuletzt die große Bevölkerungsumschichtung innerhalb des deutschen Sprachraumes nach 1945 beigetragen.

Duden 7 Herkunftswörterbuch Nach: Duden 7, Herkunftswörterbuch. 3. Auflage. Mannheim 2001.

Übrigens: Auf unserer Homepage www.duden.de finden Sie in jedem Monat dieses Jahres einen Band der legendären Dudenreihe 1–12 vorgestellt: mit zahlreichen Kostproben, Gewinnspielen und einem Blick hinter die Kulissen der Entstehung eines Duden-Wörterbuches. Im Februar geht's los mit dem druckfrischen Duden 10, dem Bedeutungswörterbuch. Sie dürfen gespannt sein ...

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