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Duden Open | #10Tage10Texte - Tag 9

Die Texte der Finalistinnen und Finalisten - Tag 9

 

Rosa Di Nardo: Sagenhafte Demokraten und wo sie zu finden sind

Unverhohlene Verachtung, Verblüffung und Schauder.
 
Puppen brennen, Kanadier brechen zusammen, der Weltuntergang steht bevor.
 
Sieht so ein Sieg der Demokratie aus?
 
Der US- Präsidentschaftswahlsieg Donald Trumps löste hierzulande größtenteils eine Welle der Empörung aus. Doch die Verantwortung für seinen Sieg trägt nicht Trump allein, auch die Vorgehensweise seiner Gegner lieferte dem Republikaner rückblickend Grund zur Freude, denn ihre ursprünglichen Bestrebungen, ihn zu Fall zu bringen, haben sich in das genaue Gegenteil verkehrt.
 
Trotz der Kluft zwischen den konkurrierenden Positionen lässt sich eine entscheidende Verbindung zwischen ihnen finden: die Manipulation durch Sprache, die sie anwenden, in dem Wunsch nach Erfolg für ihre Sache. Durch die Verzerrung der Realität versuchen sie rücksichtslos, ihre eigenen Ziele zu erreichen. Es kommt zu unterschiedlichen Vorgehensweisen:
 
Da gäbe es zunächst einmal den Republikaner Donald Trump, der bei uns in Deutschland vor allem durch seine abstrakten und für viele nicht nachvollziehbare Wahlversprechen bekannt wurde. (Wer erinnert sich nicht an das schallende Gelächter oder die herabschätzenden Blicke die auftauchten, wenn Trump von Mauern und Verbannung der Muslime sprach?) Auch die Sprache eines Viertklässlers spricht er, und von was sollen die zahlreichen Wortwiederholungen und der seltsame Satzbau zeugen? Bei genauerer Analyse erkennt man das ausgeklügelte System hinter dem augenscheinlichen Schall und Rauch, dass Trump als raffinierten Redner auszeichnet. Wer wie ein Viertklässler spricht, wird auch von einem Viertklässler verstanden. Die Reichweite der einfachen Sprache ist größer als die der komplizierten. Jeder kennt die Reden von aufgeblasenen Politikern, bei denen man dreimal hinhören muss, um zu verstehen, was sie mit ihren komplizierten Redewendungen ausdrücken wollen. Viele machen sich nicht die Mühe, kurz innezuhalten oder konzentriert zuzuhören, und überhören so eventuell die eigentliche Aussage, die verloren geht vor lauter Verschnörkelungen und Fachwörtern. Da kommt ein leicht verständlicher Donald genau richtig. Seine Zuhörer haben das Gefühl, dass endlich jemand auf den Tisch haut, die Sache in die Hand nimmt und klar definiert, was er will (wie er es machen will, ist eine andere Geschichte). Falls man beim ersten Mal nicht aufmerksam war, kann man sich sicher sein, er wird sich noch oft genug wiederholen. Diese Wiederholungen sorgen dafür, dass sich das Gesagte in den Köpfen der Menschen als richtig und wichtig festsetzt, denn einmal gehört, bleiben die Worte für eine Weile im Kopf, egal ob sie faktisch korrekt sind oder nicht. Insbesondere, wenn es so angsteinflößende und zur Tat aufrufende Wörter sind wie die von Trump. Er erklärt den Leuten die entsetzliche Lage, in der sich die USA befinden, und dass nur er sie da herausholen kann. Er setzt auf die Angst und Hoffnung der Leute. Diese Wirkung wird verstärkt, indem er starke, Emotionen hervorrufenden Wörter (Englisch: punch words) wie zum Beispiel Problem, Chaos, sterben, tot an das Satzende hängt, sodass sie stärker in Erinnerung bleiben. Durch Trumps manipulative Eingriffe und seine überzeugten tragischen Geschichten glauben und unterstützen die Menschen ihn tatsächlich, auch wenn sie zuvor eine weniger radikale Meinung hatten. Durch Trumps andauernde Selbstüberhöhung und der  Betonung seiner Beliebtheit denken sie, nur er könne sie aus ihrer bemitleidenswerten Situation retten.
 
Inwiefern Clinton für den Sieg von Trump zu verantworten ist? Nun, eine plumpe Formulierung wäre es, sie als nicht hinreißend genug zu bezeichnen. Nicht inhaltlich, nicht in dem Versuch, die Massen zu mobilisieren. Doch ein eigentlich überzeugter Freund und Helfer von ihr stürzte sie in das eigentliche Verderben. Die Medien, sowohl die innerhalb als auch außerhalb der USA, haben Trump im Versuch der Verleumdung als realitätsfernen und aggressiven Poltergeist dargestellt. Vor allem aber die fast schon krampfhafte Anstrengung, ihn und seine Reden ins Lächerliche zu ziehen, bedeutete für Clinton das Aus. Die Wähler durchsahen die unfairen Mittel, mit denen die Medien gegen Trump und somit auch gegen ihre Ängste kämpften, ohne ihnen ein offenes Ohr anzubieten und ihnen tatsächlich zu helfen. Ihre durchaus existierenden und von Trump verstärkten Ängste wurden nicht ernst genommen, sondern lächerlich gemacht? Wie sollten sie da noch für Clinton stimmen, die für das veraltete und unnahbare Establishment, der politischen Machtelite des Landes, arbeitete? Nicht wenige, unter ihnen auch die deutsche Verteidigungsministerin von der Leyen, sind überzeugt davon, dass das amerikanische Volk nicht für Trump, sondern gegen das Establishment gestimmt hat. Die Ablehnung gegenüber Clinton nutzt Trump und schafft es, dem Volk einen Eindruck von Gleichheit von den Menschen und ihm zu suggerieren.
 
Auch hierzulande drückte sich die Trump-Feindlichkeit deutlich aus. Ich für meinen Teil wurde zum ersten Mal misstrauisch, als mir eines Abends im Fernsehen gleich mehrmals die verzogene Fratze Trumps entgegen sprang. No offense, aber die unnatürlich hässlichen Bilder sprachen für mich Bände und meine Zweifel wurde beflügelt von den bei meinen Recherchen gefundenen Artikel, die Trump partout nicht ernst nehmen wollten (was anfangs natürlich schwerfallen kann, wenn man so eine radikale Meinung nicht gewohnt ist). Einige Medien gingen so weit, dass sie Trumps Anhänger beschimpften. Denjenigen, denen die unfaire Taktik der Medien aufgefallen war und die sich keine Bevormundung gefallen lassen wollten, wählten Trump. Insofern könnte sein Sieg als Sieg der Demokratie, als Sieg der echten Meinung der USA, nicht der gewollten, zu Recht gerückten Meinung der Medien, gedeutet werden.
 
Sprache und Verstehen. Sprechen und hören. Schreiben und lesen. Es gehören immer zwei Seiten dazu. Wir, das Volk, sind letztendlich diejenigen, die entscheiden. Wer die Wahl gewinnt. Ob es die Argumente oder die sprachliche Gestaltung ist, die uns überzeugt. Ob dieser Artikel die Neutralität hat, die wir von ihm erwarten. Was wollen wir wirklich?
 
Nicht objektive Artikel, die eigentlich welche sein sollten, gefallen uns, wenn sie unbewusst unserer Meinung entsprechen oder wagen, das auszusprechen, was wir uns nicht getraut haben. Den Clinton-Unterstützern ist der Umgang der Medien mit  Trump wohl eher nicht so stark ins Auge gesprungen wie den Trump-Unterstützern. Den Leuten, denen ein „er hat es nicht anders verdient, bei all der Xenophobie und Frauenfeindlichkeit“ durch den Kopf geht: Es gibt einen Unterschied zwischen ihm und uns. Und es gibt einen Unterschied zwischen selbst Urteilen und blindem Vertrauen. Mir kann Ihre politische Meinung egal sein, in dem Sinn, dass ich nicht versuche, Sie auf meine politische Seite zu ziehen. Wenn Sie nach reiflicher Überlegung zu dem Schluss kommen, dass Sie diese Person niemals unterstützen werden können und gegen sie oder ihn etwas unternehmen müssen (ohne das Gesetz zu brechen), dann nur zu. Entscheiden Sie selbst.
 
Die  vierte Gewalt ist unser einziges Sprachrohr zu den Geschehnissen in der Welt. Würden jetzt alle nur noch das berichten, was ihnen gerade in den Kram passt - es würde Chaos ausbrechen und das Maß an Glaubwürdigkeit wäre verloren. Nur weil es anscheinend gerade die allgemein akzeptierte Meinung ist, heißt das noch lange nicht, dass man die Grundsätze der Gleichbehandlung über den Haufen werfen darf. Sachlichkeit ist essentiell. Und damit ist nicht gemeint, dass man über beide Kandidaten gleich viel Schlechtes berichtet, damit man im Gleichgewicht bleibt und die Leser nicht merken, auf wessen Seite man eigentlich steht. Man muss die Dinge beim Namen nennen. Nicht mehr, keine Beschönigungen, Ausschmückungen oder Übertreibungen. Nicht weniger, keine Abwertungen, Unterbewertungen oder das Auslassen von Fakten, um die eigene Meinung nicht zu stürzen. Es geht doch nicht um die Quote oder die eigenen politischen Ziele. Es geht um die Menschen. Die weltinteressierten und wissbegierigen, die sich ihre eigene, keine vorgefertigte, Meinung bilden wollen.
 
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