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Duden Open | #10Tage10Texte - Tag 8

Die Texte der Finalistinnen und Finalisten - Tag 8

 

Maelene Lindgren: alle an Bord!

Internationale Ko0mmunikation auf einem Kreuzfahrtschiff

"Wo muss ich hier denn jetzt hin?", ruft eine ältere Dame mit weißer Lockenpracht panisch. Mit ihrer orangenen Weste verschmilzt sie in einem Meer aus 1200 anderen Westen, die sich auf Deck drei des 13- stöckigen Kreuzfahrtschiffes drängen, welches weiß und glänzend im Hafen von Savona liegt. Bevor das Schiff ablegen darf, muss die vorgeschriebene Seenotrettungsübung absolviert werden. Im Falle eines Notfalls auf See werden Ansagen in den vier Hauptsprachen der Passagiere gegeben - Deutsch ist nicht dabei. Eine philippinische Mitarbeiterin besieht sich die Zimmerkarte der Seniorin, deren sorgsam gelegte Locken ein Eigenleben zu entwickeln scheinen und in alle Richtungen abstehen.

Auf der Karte prangt ein "D" und weist die Dame somit als Deutsche aus. "English?", fragt die Mitarbeiterin hilfsbereit. "Ne, ich bin mitten im Krieg geboren, da hatte man andere Probleme als Fremdsprachen", entrüstet sich die Dame. Die Mitarbeiterin lächelt, versteht aber nichts. Sie nimmt die Dame an der Schulter und stellt sie zwischen eine französische Familie und ein italienisches Pärchen. Nach weiteren Minuten des Tumultes wird die Übung für beendet erklärt. Die Menschen strömen aus dem Sicherheitsbereich auf die anderen Decks, als eine große Gruppe Chinesen sich entgegen der Masse auf Deck drei kämpft. Sie sprechen nur Chinesisch und haben nicht mitbekommen, dass eine Notfallübung gemacht wurde. 

Am Abend tuckert das Schiff gemächlich Richtung Rom, die See ist leicht bewegt. Zum Abendessen um 18:15 Uhr wird um Pünktlichkeit gebeten. Im Treppenhaus schimpft eine junge Frau um fünf vor halb sieben lautstark auf Griechisch mit ihrem Mann. Ihre Gesten weisen deutlich in Richtung Restaurantbereich. "Die gibt ihm aber Dampf", kommentiert die Seniorin, welche ebenfalls zu spät kommt, da sie noch eine Uhr bei dem rumänischen Mitarbeiter des Bordshops erstanden hat. Durch Daumen nach oben wurde geklärt, dass auch der Verkäufer angetan von der Wahl der Dame ist. Beim anschließenden Abendessen mit festen Plätzen finden die Nationalitäten zueinander, man wird nach Sprache platziert. Die
Kommunikationsprobleme der sächsischen Passagiere mit 
ihren bayerischen Tischnachbarn werden gekonnt durch die umfangreiche Verwendung von Gesten überspielt. Größere Probleme haben zwei norddeutsche Familien - dies liegt jedoch nicht an der Sprache, sondern an der Lebenseinstellung. Während sich die Damen der einen Familie mehr aus- als angezogen präsentieren, tragen die Frauen der anderen Familie gut sichtbar Kreuzketten am vollständig bedeckten Ausschnitt.

Nach dem Essen finden sich beide beim malaysischen Maître wieder und bitten um einen anderen Tisch. Eine japanische Familie sitzt an einem Tisch mit einem türkischen Ehepaar und einem brasilianischen Pärchen. Trotz keiner gemeinsamen Sprache tönt ihr Lachen über viele Tische hinweg. Nach dem Essen sind sie die Ersten auf der Tanzfläche und schwingen schon bald mit zehn weiteren Nationalitäten gemeinsam zum Takt der Musik in der durch Hunderte an Lichtern in gemütliche Stimmung gebrachten Halle. Als die Passagiere am nächsten Tag die Augen aufschlagen, befinden sie sich im Hafen von Civitavecchia, Rom.

Es ist der 24. Dezember, Weihnachten. Aufgeteilt auf Busse machen sie sich auf den Weg in die italienische Hauptstadt. Bei einem Bus verzögert sich die Abfahrt, es fehlt eine Passagierin. Plötzlich stürmt ein Mann aus dem hinteren Busbereich nach vorne und fängt an zu schreien. Zornesrot im Gesicht stürmt er wieder hinein und lässt sich auf seinen Platz fallen. Eine Frau läuft zurück zum Schiff, die Tasche fest in der Hand. Der Bus fährt nun ab. "Mama, welche Sprache war das denn? Ich hab die gar nicht verstanden", fragt ein kleines Mädchen mit blonden Zöpfen neugierig auf Deutsch. Sie glaubt ihrer Mutter nicht, als diese ihr erklärt, dass es sich auch um Deutsch, jedoch mit schwäbischem Dialekt handelt.

Der erzürnte Schwabe im hinteren Busbereich wird noch röter als zuvor. Erbost schimpft er vor sich hin und wird interessiert von seinen italienischen Sitznachbarn begutachtet. Mit einem breiten Lächeln und einem fröhlichen "Buon Natale" versucht der von Lachfalten gezeichnete italienische Nonno seinen missmutigen Nachbarn aufzumuntern. Außer einem "Ach leckts mi do all" ist aus diesem aber kein Wort mehr herauszubekommen. Nach der Ankunft in Rom geht jeder seines Weges, bis sich alle 6 Stunden später wieder am Bus einfinden. Dieser ist auf der Rückfahrt deutlich schwerer beladen als auf der Hinfahrt. Shoppen haben alle trotz der Sprachbarriere geschafft. Als die Menge ihre Shoppingtüten durch die Sicherheitskontrolle am Schiff schiebt, entgeht ihnen der Zettel, der an der Wand hängt. Er gesagt, dass die Nicht-Eu-Crew um 18 Uhr am 24.12 an Bord sein muss, die Mitarbeiter mit Eu- Pässen jedoch erst am mittags am Tag danach.

Die indische Mitarbeiterin der Sicherheitskontrolle schildert auf Englisch betrübt, dass sie auch nicht verstehe, wieso diese Regelung existiere, mit den Visabestimmungen habe es nicht zu tun. Die Nachfrage beim Schiffsbetreiber ergibt, dass es keine rechtliche Grundlage für diese Regelung gibt. Über achtzig Prozent der Besatzung ist katholisch, sie kommen von den Philippinen, aus Malaysia oder anderen asiatischen Ländern und sind alle getrennt von ihrer Familie, um für deren Einkommen zu sorgen. Sie kochen und servieren Essen, schenken Getränke aus, reinigen die Zimmer und das Schiff, sorgen für die Sicherheit. Offizielle Aufgaben dürfen sie nicht übernehmen, hierfür werden nur Europäer eingestellt.

Ohne die Mitarbeiter aus Nicht-Eu- Ländern würde jedoch die komplette Logistik des Schiffes nicht funktionieren. Nun werden sie an Heiligabend auf dem Schiff festgehalten, anstatt nach Arbeitsende wie alle anderen von Bord gehen zu dürfen. Die junge Deutsche kocht vor Wut. Auf ihrem Weg durch das weihnachtlich dekorierte Schiff spricht sie auf Englisch Menschen verschiedener Nationalitäten an und bittet sie, sich über diese Diskriminierung zu beschweren. Egal ob Italiener, Franzose, Griechen, Brasilianer, Deutsche - überall blickt sie in verständnislose Gesichter. Sie verstehen zwar die Sprache, jedoch verstehen sie das Problem nicht - warum sollen sie sich heute, ausgerechnet an Weihnachten, damit beschäftigen?

Am Ende finden sich schlussendlich sechs Leute aus fünf verschiedenen Nationalitäten zusammen, die, jeder in seiner Sprache, eine Beschwerde an den Schiffsbesitzer schreiben. Am ersten Weihnachtsfeiertag nimmt das Schiff Kurs auf Athen, Griechenland. In der täglich viersprachig erscheinenden Bordzeitung wird angegeben, die See sei stark bewegt. Bei Windstärke 12 und meterhohen Wellen kämpft sich der Dampfer seinen Weg durch das Meer - die Passagiere hingegen kämpfen mit der Übelkeit. Im Treppenhaus hängen graue Spucktüten, die mit der Gesichtsfarbe der Passagiere harmonieren. Egal ob Grieche, Phillipino, Deutscher oder Italiener - Seekrankheit kennt keine Nationalitäten oder Sprachen. Symbolisch gesehen steht dieses Kreuzfahrtschiff für die Welt, es zeigt die Diskriminierung einzelner Personenkreise ebenso wie die Unterschiedlichkeit von Sprachen auf - es zeigt aber auch, dass sowohl Kommunikation als auch Mitgefühl unabhängig davon sind, ob man dieselbe Sprache spricht. Sprache erleichtert die Kommunikation - für die Kommunikation der Herzen ist sie jedoch nicht essentiell.

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