Dudenverlag Duden Located at Mecklenburgische Str. 53, Berlin, 14171, Berlin , . Phone: +49 30 897 85 82-81. .

Duden Open | #10Tage10Texte - Tag 6

Die Texte der Finalistinnen und Finalisten - Tag 6

 

Lilith Diringer: Das Geheimnis der Musik

 
Er kann es einfach nicht lassen. Wenn man ihm eine Trompete in die Hand gibt und ihm sagt, dass er nicht spielen darf, wird er unglaublich unruhig. Seine Augen leuchten und er wartet ungeduldig, bis die Schlagzeuger ihren Part geübt haben und er endlich wieder anfangen darf zu spielen.
 
Branko ist 34. Er wohnt zwischen Pforzheim und Karlsruhe in einem Flüchtlingsheim in Karlsbad - Ittersbach; einem großen Hochhaus mit inzwischen über 110 Flüchtlingen als Bewohner. Noten lesen kann er nicht – er spielt alles nach Gehör. Spielt man ihm etwas vor, so spielt er es nach. „Das sind die richtigen Musiker“, lacht einer seiner neuen Trompeterkollegen.
Wenn er gerade einmal nicht spielt, lacht auch Branko unglaublich viel. Öffnet er dabei seinen Mund etwas zu weit, erkennt man die Spuren seiner alten Heimat. Einige seiner Backenzähne sind bereits ausgefallen und diejenigen, die noch vorhanden sind, sehen alles andere als danach aus, noch lange zu halten. Die Schlagzeuger sind fertig und Branko nutzt sofort die Gelegenheit, um auf seiner Trompete zu improvisieren. In den für uns so fremden Melodien ist auch hier seine alte Heimat zu erkennen - Serbien.
 
Als ich ihn nach der Probe nach Hause begleite, müssen wir drei Stockwerke nach oben laufen. Die Treppe ist sehr einfach gebaut. Auf Stahlgitter tritt man hier – irgendwie erinnert es an einen Bahnhof. Das gesamte Gebäude ist sehr schlicht gehalten. Im Treppenhaus ist es kalt, Tür an Tür grenzen hier die Wohnungen lückenlos aneinander. An einer von ihnen bleibt Branko stehen und bittet mich herein, nachdem er sein Schloss einmal herumgedreht hat. Es ist ein kleines Multifunktionszimmer, wie ich es höchstens aus einem Kurzurlaub gewohnt bin. Eine Küche mit Herd, Mikrowelle und Kühlschrank, ein Bett, ein Tisch mit vier Stühlen. Mehr findet sich auf den 20 Quadratmetern nicht – bei einer vierköpfigen Familie macht das fünf Quadratmeter pro Person. Es ist schön eingerichtet und es ist erkennbar, dass die Bewohner versuchen, das Beste daraus zu machen – an der viel zu kleinen Größe können sie jedoch nichts ändern.
Als wir hereinkommen, ist Brankos Frau gerade dabei zu Staubsaugen. Sie hört sofort damit auf und begrüßt uns freundlich – ich kenne ihr Alter nicht, aber sie scheint sehr jung zu sein. Maximal 25. Ihre achtjährige Tochter Aleksija sitzt mit einem Smartphone in der Hand auf dem Bett. Sie schaut nur kurz auf und wendet sich dann wieder ihrem Gerät zu. Sie scheint schüchtern zu sein und redet auch nach Aufforderung ihres Vaters nichts – obwohl sie laut ihm doch bereits so gut Deutsch kann.
 
Als wir uns setzen, stellt Brankos Frau sofort Becher mit Cola auf den Tisch und fragt nach Wünschen zu Café oder Cappucino. Es gibt keine Maschine, aber die Familie hat Instantkaffeepulver gekauft, um zumindest einen gewissen Standard an Gastfreundlichkeit aufbringen zu können. Jetzt beginnt Branko in einem sehr stockenden Englisch zu erzählen. Deutsch kann er fast noch gar nicht – obwohl er bereits seit zwei Jahren in Deutschland lebt. Wirklich viel zu tun hat er seitdem mit Deutschen jedoch nicht. Ganz im Gegensatz zu seinen Kindern, die bereits fast alles verstehen und sich auch schon gut auf Deutsch ausdrücken können. Im Kindergarten, beim Spielen, oder auch in der zweiten Klasse der Grundschule, die Aleksija inzwischen besucht, passt man sich schnell an die neue Umgebung und somit auch an die neue Sprache an. Doch Branko hat noch Verwandte, die auch nach Deutschland gekommen sind. Seine beiden Brüder wohnen in einer Unterkunft in Mannheim. Manchmal besuchen sie sich und oft telefoniert er mit ihnen oder seinen Verwandten zu Hause – dabei muss er kein Deutsch sprechen.
 
In Serbien spielte er früher in einem bekannten Orchester, gemeinsam mit einem seiner älteren Brüder. In den verschiedensten Teilen Europas traten sie mit ihrer Musik auf. Sogar in Wien war er schon, erzählt er mir stolz. Seine Augen glänzen bei den Erinnerungen an diese schönen Tage. Doch irgendwann habe sich das Geschäft nicht mehr gelohnt. Die Menschen in Serbien seien zu arm und Branko hat es nicht geschafft, dort eine Arbeitsstelle zu finden. Kein Wunder bei einer Arbeitslosenquote von 17,3%1; von der Jugendarbeitslosigkeit mit einem Wert von 48,9% ganz zu schweigen. Irgendwann hat er sich dann auf den Weg in den Westen gemacht - nach Deutschland. Mit seiner Frau und seinen beiden Kindern aber ohne Trompete, die er hatte verkaufen müssen, um das Geld für die Reise zusammenzubekommen. Seine Brüder lebten zu diesem Zeitpunkt bereits ein halbes Jahr hier.
 
Seitdem ihm die vereinseigene Trompete geliehen wurde, damit er in unserer Marching-Band mitspielen kann, hat Branko ein Stück seines Stolzes zurückgewonnen. Er hat etwas zu tun, außer sich den ganzen Tag zu langweilen und kann endlich zeigen, wo seine Stärken liegen – auch ohne die deutsche Sprache zu beherrschen. Denn Musik verbindet und wirkt wie eine universelle Sprache, die jeder versteht. Außerdem lenkt ihn das Spielen von seinen Sorgen ab. Serbien ist 20142 neben Bosnien-Herzegowina und Mazedonien zu einem sicheren Herkunftsland erklärt worden. Auch zuvor sind weniger als 0,5%3 der Asylanträge, der aus diesem Land stammenden Flüchtlinge, angenommen worden und Branko weiß nicht, wie es mit seiner Familie weitergehen wird. Musik möchte er aber immer machen. Es ist das, in was er letztendlich immer Kraft findet.
 
Zur nächsten Probe komme ich eine halbe Stunde zu spät. Als ich die Türe zum Probenraum öffne, geht ein Gejubel los. Ich werde scheinbar schon erwartet, bekomme sofort Schlagzeugsticks in die Hand gedrückt und klinke mich ein.
Das Gejubel geht hauptsächlich von Mohammed, Alima, Nimba und Badjan aus. Sie kamen alle unabhängig voneinander vor etwa eineinhalb Jahren aus Gambia nach Deutschland. Untergebracht wurden sie ebenfalls im „Flüchtlingshochhaus“ in Ittersbach, wie es mittlerweile in der Umgebung genannt wird.
 
Inzwischen kennen sie sich gut - man findet sich schnell, wenn man dieselbe Sprache spricht und die gleichen kulturellen Hintergründe hat. Als Alima den anderen schließlich zeigte, was er bereits in Afrika im Umgang mit Trommeln gelernt hatte, waren sie sofort begeistert. Sie wollten alle mitmachen, er coachte sie – und inzwischen spielt die afrikanische Trommelgruppe nicht nur in der Marching- Band, sondern gibt auch eigene Auftritte. Trommeln, singen und tanzen – das ist ihre Leidenschaft.
Im Gegensatz zu Branko haben sie nebenbei auch eine Arbeitsstelle gefunden. Alle vier arbeiten schon seit über acht Monaten auf Baustellen in der Umgebung. Wie bei Branko ist aber auch bei ihnen noch unsicher, wie lange sie in Deutschland bleiben dürfen.
 
Die Probe ist zu Ende, aber sowohl die Trommler als auch Branko möchten nicht aufhören. Sie fangen an, gemeinsam zu improvisieren, wechseln die Instrumente und stellen sich ans Xylophon. Ein Instrument, das sie noch nie zuvor gesehen haben, sie aber auf Anhieb begeistert.
 
Der Text, den sie jetzt beginnen zu singen, ist afrikanisch. Ich finde es interessant, wie fremd ihre Worte klingen, fühle mich gleichzeitig aber ein wenig unwohl. Ich weiß nicht, was sie singen und habe keine Ahnung über was sie sich unterhalten, wenn sie zwischen den Liedern diskutieren. Sie lachen. Ich lache mit, ohne zu wissen warum. Sie singen und ich singe mit, wenn sich ein paar Worte wiederholen - ohne ihren Sinn zu verstehen. Ich frage nach und bekomme die Antwort, dass sich die meisten Liedtexte um die Familie drehen. Man dankt den Müttern, Vätern, Geschwistern, Freunden … .
 
Jetzt ist das Lied zu Ende und sie reden weiter afrikanisch miteinander. Ich fühle mich immer noch unwohl, weil ich nichts tun kann, als dazusitzen und irgendwelchen fremden Lauten zu lauschen. In dieser Situation wird mir jedoch bewusst, dass es ihnen die ganze Zeit so gehen muss. Worte um sie herum, die sie nicht verstehen, gehören für sie zum Alltag.
„Stick to English!“, unterbricht Nina schließlich das Stimmengewirr. Die Mitte 50 –Jährige ist neben ihrem Halbtagsjob als Sekretärin, Flüchtlingshelferin – ehrenamtlich. Sie erledigt alles, was im Flüchtlingsheim anfällt und für das sich niemand wirklich verantwortlich fühlt. Sie spendet den Bewohnern ein offenes Ohr und hilft ihnen dabei, Projekte für eine bessere Integration in Angriff zu nehmen und weiterzuführen – wie eben auch die Musik. Immer wenn sie Zeit hat, bringt sie die Flüchtlingsbewohner zur Probe und holt sie wieder ab. „Ich war begeistert, wie gut die jungen Männer trommeln können. Ich habe es auch versucht, aber ich bin da einfach super untalentiert!“, sagt sie mit einem kleinen Lachen.
 
Wie zur Bestätigung fangen die Jungs um mich herum wieder an, los zu trommeln und ihr Können zu zeigen. Auch ich steige wieder mit ein und lausche den fremden Klängen. Was auch der Inhalt des Liedtextes sein mag – es klingt auf jeden Fall schön!
 
-----------------------------------
1 Republik Amt für Statistik –Serbien
2 BAMF
3 Pro Asyl
↑ Nach oben