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Duden Open | #10Tage10Texte - Tag 5

Die Texte der Finalistinnen und Finalisten - Tag 5

 

Jan Nölke: Sprache der Zukunft - eine Sprache der Roboter?!

 
Das Beherrschen von Sprachen gehört zu den größten Talenten des Menschen. Er kann sie in unendlich vielen Varianten erlernen, mit ihr unendlich viele Länder der Welt bereisen und in den unterschiedlichsten Situationen von ihr Gebrauch machen. Doch ist sie womöglich in großer Gefahr?! 
 
Roboter „Atlas“ hat zwei Augen, zwei Beine, zwei Füße- und trotzdem könnte man ihn nicht mit einem realen Menschen gleichstellen. Zumindest noch nicht. Denn obwohl „Atlas“ bereits laufen kann und optisch vielen menschlichen Zügen nahekommt, fehlt ihm eine wichtige Eigenschaft: Die des eigenständigen Spracherwerbs.
 
Roboter verfügen bislang lediglich über Kommunikationsmittel, die von Programmierern definiert werden. Sie kreieren mit Hilfe von modernsten technischen Innovationen und Informatik eine neue Sprache. Die erste Sprache, welche von der Menschheit auch beim besten Willen vermutlich nie erlernt werden kann. Schließlich sind wir nicht aus Metall und verfügen über keine Datenströme oder LAN-Verbindungen. Die einzige Gemeinsamkeit besteht bislang darin, dass die zur Verfügung stehenden Sprachmittel bewusst eingesetzt werden. Ob eigen- oder fremdbestimmt sei an dieser Stelle mal dahingestellt.
 
Wenn wir morgens bei der Arbeit das Büro oder die Werkstatt betreten und unsere Kollegen begrüßen, erwidern sie meistens ein freundliches „Guten Morgen“. In Bayern sagt man „Grüß Gott“, in Hamburg grüßt man sich mit „Moin“. Dialekte definieren uns und unsere Heimat. Roboter hingegen sind alle gleich. Drückt man einen Schalter, fangen sie nach einem festgelegten Schema mit ihrer Arbeit an. Keine unerwarteten Worte oder Handlungen. Keine Wärme. Keine Unterhaltung. Alles ist vorhersehbar. Doch wird das immer so bleiben? Schließlich entwickelt sich die Technik immer weiter. Roboter werden immer selbständiger. Vielleicht programmieren sich zukünftig die Programme von alleine, so dass der Mensch dem Roboter „seine“ Sprache nicht mehr beibringen muss. Er bringt sie sich selbst bei. Dies hätte fatale Konsequenzen: Der Mensch würde seine Gewalt über Roboter verlieren. Es gäbe eine Koexistenz von gesprochenen Worten und der Programmiersprache. Vermutlich würde der menschliche Spracherwerb sogar redundant werden, weil der Roboter für ihn spricht. Wenn wir im Jahr 2030 ins Ausland reisen, haben wir möglicherweise einen Taschenroboter dabei, der alle
denkbaren Sprachen der Welt beherrscht. Zwar ohne Emotion, ohne Dialekt, ohne Fehler- aber in grammatikalischer Perfektion. Schüler und Schülerinnen haben in der Schule keine Fächer wie Englisch, Französisch oder Chinesisch mehr, weil die Roboter sie eh´ schon können. Spinnt man die absurde Vorstellung noch etwas weiter, wird jede stattgefundene menschliche Kommunikation irgendwann von einem Computerprogramm aufgezeichnet, damit sie dem Roboter schnellstmöglich „beigebracht“ werden kann.
 
Fest steht, dass Sprache ein wichtiges Gut ist. Dieses Gut gilt es genauso zu schützen wie die Umwelt oder Wasserressourcen, die bereits heute weltweit knapp und selten sind. Man muss die verschiedenen Varietäten bewahren, die uns Menschen und unsere Herkunft auszeichnen. Ansonsten droht der Homo sapiens erstmalig in seiner Geschichte redundant zu werden. Denn er muss zukünftig dank der Roboter nicht mehr denken, nicht mehr rechnen- und vielleicht auch nicht mehr sprechen!
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