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Duden Open | #10Tage10Texte - Tag 4

Die Texte der Finalistinnen und Finalisten - Tag 4

 

Helena Zucht: Kapische?

„Das hast du falsch verstanden!“, „Ich verstehe nur Bahnhof!“ oder „Kannst du mich verstehen?“, zahllose solcher Äußerungen sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Doch nehmen wir uns je die Zeit, um über dieses dreisilbige Wort, das wir in solch nachlässiger Manier gebrauchen, nachzudenken? Denn Verstehen ist nicht gleich Verstehen.
 
Bereits im Buch der Bücher, der Bibel, wird dem Aspekt des Verstehens Bedeutung zugemessen, beispielsweise in der Erzählung „Der Turmbau zu Babel“ (Gen 11, 1-9). Durch die eintretende Sprachvielfalt sind die Menschen nicht mehr in der Lage sich zu verstehen, das führt dazu, dass Kommunikation und infolgedessen auch das Turmprojekt scheitern.
 
An anderer Stelle in der Bibel wird eine treffende Frage formuliert: „Verstehst du auch, was du liest?“, fragt Philippus einen Äthiopier, welcher daraufhin verneint und um eine Anleitung bittet (Apg 8, 30-31). In beiden Fällen spielt das simpel scheinende Verstehen eine zentrale Rolle. Doch liegt bei diesen Beispielen das gleiche Verständnis des Wortes zu Grunde? Wie genau lässt sich „verstehen“ definieren?
Schaut man im Duden nach, so erlebt man eine Überraschung. Insgesamt sechs Definitionen finden sich zu diesem Wort. Und damit nicht genug, diese Begriffsbestimmungen haben selbst oft noch weitere Aufspaltungen! Es ist also eine schwierige Sache das Versehen zu verstehen.
 
Besondere Aufmerksamkeit ziehen zwei der Erklärungen auf sich, die im starken Kontrast zueinander stehen. Zum einen lässt sich der Begriff „verstehen“ auf „(Gesprochenes) deutlich hören“ reduzieren. Diese Bedeutung könnte man im „Turmbau zu Babel“ finden. Die Menschen sind nicht in der Lage den anderen zu verstehen, da sie ihn nicht „hören“ können. Zum anderen lässt sich das Wort im Sinne von Verständnis, also „den Sinn von etwas erfassen; etwas begreifen“, erklären. Diese Definition kommt in der Frage, die Philippus stellt, zum Ausdruck. Es geht darum aus den gelesenen Worten einen Sinn herzustellen beziehungsweise den Inhalt zu interpretieren.
 
Dieser Dualismus lässt sich auch in anderen Bereichen, etwa der Kunst, der Politik und der Gesellschaft feststellen. Wenn wir ein Kunstwerk betrachten, ein Gedicht lesen oder Musik anhören, beschäftigen wir uns dann eingehend mit einer Interpretation? Oder erfassen wir das Werk lediglich auf einer stark reduzierten Ebene, da Zeit bekanntlich Geld ist? Verhält es sich nicht ähnlich mit Wahlen und Nachrichten? Und wie sieht es im Bereich der Gesellschaft aus? Ähnlich erschreckend? Wir lernen zwar viele Sprachen, jedoch fehlt uns das durchdringende Verstehen. Wir kommunizieren, ohne uns wirklich zu verstehen, wir kommen über die reduzierte Ebene nicht hinaus.
 
Selbstverständlich kann nicht alles immer in seiner ganzen Breite erfasst werden. Jedoch ist die heutige Tendenz, diesen einen wichtigen Schritt nicht mehr zu gehen und einfach auf halber Strecke stehenzubleiben, schockierend. Aber wer hat heute schon die Zeit sich mit einem Wort wie „verstehen“ zu beschäftigen? Daher bitte ich nur um eines: Verständnis.
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