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Duden Open | #10Tage10Texte - Tag 3

Die Texte der Finalistinnen und Finalisten - Tag 3

 

Franziska Gürtl: Die Macht der Sprache: Mensch. Flüchtling. Flut?

"Flüchtlingswelle!" - "Der Strom der Flüchtlinge reißt nicht ab." - "Eindämmen des 'Flüchtlings-Tsunamis' - Grenzen dicht machen." - "Das Boot ist voll!"


In der Schule werden wir darauf gedrillt, rhetorische Mittel in literarischen Texten aufzuspüren und zu interpretieren. Jene, die sprachliche Bilder anschließend erfolgreich in eigenen Texten benützt haben, wurden für ihren „guten Stil“ gelobt. Metaphern begegnen uns jedoch auch in der alltäglichen Kommunikation, zum Beispiel wenn wir Reden von Politikern hören oder Tageszeitungen lesen. Welche Rolle spielen Metaphern in diesen nichtliterarischen Kontexten? Wer verwendet Metaphern? Wie beeinflussen sie, wie wir Informationen verarbeiten? Insbesondere der mediale Migrationsdiskurs ist von Metaphern durchzogen – sie sollen das komplexe Thema der Zuwanderung veranschaulichen, indem sie unsere Aufmerksamkeit auf einen ausgewählten Aspekt der Thematik lenken. Jedoch liegt in dieser Eigenschaft der Vorteil und die potentielle Gefahr sprachlicher Bilder: Der Übergang zwischen dem Vereinfachen eines abstrakten Begriffs und dem Stereotypisieren ist fließend. 

„Ein „Tsunami“ von Armuts-Emigranten aus dem Kosovo hat begonnen“ '
(Kurt Seinitz, Kronen Zeitung 7.2.2015)

Somit sind Metaphern das ideale Instrument für populistische Politiker: Sie ermöglichen die willkürliche Kombination von Teilwahrheiten, Fakten und Lügen in einem einprägsamen Ausdruck – gleichzeitig werden Tatsachen verschwiegen und unlogische Folgerungen durch sprachliche Kreativität verschleiert. 
 
“Metaphors may create realities for us, especially social realities. A metaphor may thus be a guide for future action.” (Metaphors we Live by, George Lakoff und Marc Johnson)
 
Metaphern spielen eine besondere Rolle innerhalb einer Sprache, weil unsere Art, über ein Thema zu denken, durch Metaphern gegliedert wird, schreiben Lakoff und Johnson in ihrem Buch Metaphors we Live by, das trotz Kritik zu einem Klassiker der Linguistik geworden ist. Betrachtet man die oben genannten Beispiele, so interpretieren wir Migration als „wasserähnliche Masse von Menschen“. 
 
„Man mag sich nicht ausmalen, was passiert, wenn der Flüchtlingsstrom länger anhält. Dann brechen alle Dämme – Volksaufstand inklusive.“ (Peter Gnam, Kronen Zeitung 13.11.2014)
 
Die angedeutete Bedrohung des zivilisierten Staates durch die „Naturkatastrophe“ Flüchtlinge im obenstehenden Zitat ruft unwillkürlich negative Assoziationen hervor – die Menschenmasse wirkt bedrohlich. Der Staat scheint der Naturgewalt der Flüchtlinge unterlegen zu sein – bis jetzt wurde kein Staudamm gebaut, der einen „Tsunami“ aufhalten könnte. 
 
Beschäftigung mit der Bedeutungszusammensetzung von Metaphern offenbart in vielen Fällen, wie vereinfacht die Phänomene dargestellten werden. Auch wenn Migrationsbewegungen an Wellen erinnern können, kann man die metaphorischen (Wasser-)Massen der Flüchtlinge nicht durch Dämme stoppen – Staatsgrenzen beschreiben nicht die Wände eines imaginierten Gefäßes, sie sind ein von Menschen konstruiertes Konzept. Die Gefahr dieser Metapher liegt darin, durch die Betonung der „Menschenmasse“ zu vergessen, dass sich die „Masse“ aus unzähligen Einzelschicksalen mit unterschiedlichen Geschichten zusammensetzt. 
 
Metaphern sind wirklichkeitskonstitutiv, weil sie abstrakte Konzepte in eine bestimmte Form bringen und dadurch auch unser Handeln beeinflussen können. Es wäre fatal, die Wirklichkeit auf die durch Metaphern ausgedrückten Aspekte zu reduzieren – ob dies geschieht, wird durch die kulturelle (Vor)Bildung des Lesers determiniert. Metaphern werden von Personen benützt, die überzeugen, überreden, manipulieren wollen; dazu zählen Politiker ebenso wie Journalisten. 
 
Das Jahr 2016 schien einen ersten Höhepunkt des vielzitierten „postfaktischen Zeitalters“ zu markieren – Metaphern haben in diesem Prozess eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt. Um diesem Phänomen entgegenzusteuern, sollte man versuchen, Metaphern nicht blind zu vertrauen. Stattdessen gilt es, sich der Wirkungsabsicht des Sprechers bewusst zu werden und die Achtung vor der Macht der Sprache nicht zu verlieren. 
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