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Duden Open | #10Tage10Texte - Tag 2

Die Texte der Finalistinnen und Finalisten - Tag 2

 

Felix Molchanov: Bunt und still

Die Welt nicht zu hören, bedeutet, sie mit anderen Augen zu sehen

Es ist früh am Morgen. Draußen vor dem Fenster zwitschern die ersten Vögel. Etwas später klingelt schließlich auch der Wecker. Ein scheinbar ganz normaler Morgen, welchen aber die elfjährige Sarah so noch nie erleben konnte. Das Mädchen aus Niederbayern ist seit ihrer Geburt gehörlos und kennt weder Vogelgesänge noch den schrillen Klang eines Weckers. Erst durch das behutsame Wecken ihrer Mutter startet sie in den Tag. Doch von da an nimmt sie ihr Leben selbst in die Hand. Für sie ist ihr Schicksal keine Behinderung: „Es hat mich nie davon abgehalten zu lächeln, noch meinen Alltag in vollen Zügen zu genießen.“ Eine lebensfrohe Einstellung, die aber nicht jeder Gehörlose teilen kann.

Die Folgen von Einsamkeit
 
Oft fehlt es schon im Kindesalter an Zuneigung und Kommunikation. Um sich mit anderen verständigen zu können, ist in aller Regel ein Dolmetscher notwendig. In Sarahs Fall übernimmt dies ihre Mutter. Eine Alternative bietet dann nur der schriftliche Austausch über soziale Netzwerke wie WhatsApp und Facebook. Auch wenn diese Formen des „Chatten“ besonders bei Jugendlichen im Trend liegen, sind sie von einem direkten face-to-face-Gespräch noch weit entfernt. Dieses Gefühl der Einsamkeit kann sich im Laufe der Zeit zu einer mentalen Belastung entwickeln. Häufig isolieren sich Gehörlose langsam von ihrer Außenwelt und fühlen sich aufgrund ihrer Behinderung als Einzelgänger. Sie sind deshalb anfälliger für Depressionen und andere psychischen Erkrankungen.
 
„Sich nicht an Gesprächen mit anderen beteiligen zu können, zwängt einem schon mal die Rolle des Außenseiters auf. Überhaupt ist es dann sehr schwierig, sich als Teil der Gesellschaft zu verstehen“, bestätigt Sarah. In einer nach Perfektion strebenden Welt erfordert es eine Menge Mut, sich mit einer körperlichen Behinderung der Öffentlichkeit zu zeigen. Doch ist die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ein Grundrecht für alle Menschen. Dies wird vor allem in der Gruppe möglich, denn gemeinsam ist man bekanntlich stark. Der Familien- und Freundeskreis sind besonders entscheidend, um Selbstsicherheit und -bewusstsein aufzubauen. Auch unterstützen Clubs für Gehörlose die Betroffenen dabei, den Kontakt zu anderen zu halten und sich hemmungslos auszutauschen.
 
Eine Sprache ohne Worte
 
Dass Sarahs Eltern die Gebärdensprache beherrschen, ist keineswegs selbstverständlich. Obwohl die Deutsche Gebärdensprache (kurz DGS) seit 2002 gesetzlich anerkannt ist, wird sie im Alltag kaum verwendet. Nicht Wörter, sondern Gestik und Mimik sind Grundlage dieser visuellen Verständigung. Durch die Körperhaltung kann das vermittelt werden, was verbal kaum in Worte zu fassen wäre. So bringen Gehörlose ihre bunten Gefühle meist besser zum Ausdruck, als es im Deutschen möglich wäre. Doch müssen dazu beide Gesprächspartner die Gebärdensprache beherrschen. Trotz zahlreicher Angebote von Volkshochschulen und Spracheninstitute sprechen sie bisher nur 200.000 Deutsche. Meist wird sie erst aus Notwendigkeit erlernt. So auch Sarahs Mutter, die es sich nicht vorstellen konnte, nicht mit ihrer gehörlosen Tochter sprechen zu können.
 
In der Tat ist die Gebärdensprache durch deutlich weniger Missverständnissen geprägt, als es bei einer verbalen Kommunikation der Fall ist. Der Grund dafür ist simpel: Nonverbale Signale sind aussagekräftiger und eindeutiger als Worte. Zu einer funktionierenden Konversation trägt besonders der direkte Augenkontakt bei. Während er in der Praxis von den meisten als unangenehm beschrieben und deshalb gemieden wird, gibt der Blickkontakt Gehörlosen eine wichtige Orientierung im Gespräch. Ein einzelner Blick gibt genaue Informationen über die emotionale Lage des Gesprächspartners und macht das typische „Wie geht’s? – Ganz gut/Naja/Geht so, und dir?“ überflüssig. Eine neue Dimension von Sprache, die die meisten aber nicht beherrschen.
 
Technik und Innovationen
 
Aufgrund des kleinen Kreises von Gebärdensprachlern sind Gehörlose wie Sarah im Alltag dazu gezwungen, das Gesprochene anhand von Mundbewegungen zu verstehen. Dieses „Lippenlesen“ ist jedoch mit sehr vielen Missverständnissen verbunden, da eine Vielzahl an Wörtern kaum voneinander zu unterscheiden ist. Ob beispielsweise von der „Mutter“ oder „Butter“ die Rede ist, kann selbst mit langjähriger Übung nicht deutlich erkannt werden. Bestenfalls 30 Prozent des Gesagten verstehen geübte Gehörlose tatsächlich. Der Rest muss aus dem Kontext erschlossen, praktisch erraten werden. Die große Verwechslungsgefahr macht ein Gespräch mehr oder weniger zu einem anstrengenden Ratespiel, also unmöglich.
 
Der technische Fortschritt hilft dabei, sich auch ohne einen teuren Dolmetscher oder den mageren Versuch des Lippenlesens als Teil der Gesellschaft zu fühlen. Eine digitale App unterstützt die Kommunikation von Hörenden und Gehörlosen, indem sie zwischen Wort- und Gebärdensprache übersetzt. Auch auf den Genuss von Musik muss nicht verzichtet werden, denn die sonst nur durch lauten Bass entstehenden Vibrationen können ähnlich wie Kopfhörer problemlos mitgenommen werden. Doch ersetzen diese Technologien bisher lediglich alles Fehlende im Leben des Gehörlosen, bewirken aber keine gleichwertige Teilhabe an der Gesellschaft. Nur Alternativen zu bieten, scheint von dem Grundgedanken der Inklusion weit entfernt zu sein. „Ich fühle mich keineswegs benachteiligt, aber werde so von Außenstehenden wahrgenommen“, erklärt Sarah. „Ich möchte mich mit anderen – ob Freunden oder Fremden – unterhalten können. Sie sollen mich verstehen und ich sie. Ganz normal.“
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