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Duden Open | #10Tage10Texte - Tag 1

Die Texte der Finalistinnen und Finalisten - Tag 1

 

Annika Bauer: Sprache - Weg oder Irrweg?

Na, wie war Ihr Gespräch, fragte ein Mann, währenddessen er versuchte in seinen Wintermantel zu schlüpfen.
Naja, antwortet die junge Frau, eigentlich hätte ich nach zwei Minuten aufhören können. Was danach kam, wusste ich schon, oder hat mir auch nicht weitergeholfen.
Oh, aber sie konnten insgesamt schon etwas aus dem Gespräch für sich persönlich mitnehmen, fragte der Mann überrascht.
Verwundert schaute ihn die junge Frau an. Offenbar schien sie die Frage nicht ganz in den Zusammenhang mit der Konversation zu bringen können. Zu Recht, wie sich später herausstellte. Denn nach einigen verwirrten Blicken wurde klar, dass der Mann das Gespräch auf die Übung im Seminar bezog. Sie aber ging davon aus, dass er sie auf das Telefonat mit der Versicherung angesprochen hat, dass sie kurz zuvor geführt hat.
 
Beide Gesprächspartner haben scheinbar offen und ehrlich auf die Fragen geantwortet, aber unterschiedliche Situationen vor Augen gehabt, was für Verwirrung sorgte. Trotz gleicher Sprache ist ein Missverständnis entstanden.
 
Analysiert man diese Situation kommunikationswissenschaftlich, stellt man fest, dass nach dem Sender-Empfänger-Modell von Stuart Hall eine Störung in der Kommunikation vorliegt. Nach diesem Modell ist die Voraussetzung, dass die beiden Gesprächspartner die Nachricht des anderen richtig aufnehmen. In der Fachsprache nennt man das die gleiche Codierung und Decodierung verwenden. Tun sie das nicht, kann es zu sogenannten Störungen kommen, diese können an der Reaktion des Gegenübers abgelesen werden, beispielsweise Verwirrung. Also ist bei der Kommunikation nicht nur die Absicht mit der man kommuniziert entscheidend, sondern auch die Wirkung, die beim Kommunikationspartner erzielt wird. Um kommunikative Störungen zu vermeiden, müssen sich also die beiden Gesprächspartner möglichst klar und unmissverständlich auszudrücken.
 
Doch wer kennt diese Situation nicht, dass man missverstanden wird?
 
Rufen wir doch mal unsere Kindheitserinnerungen wieder ins Gedächtnis.
Wie oft haben wir gefragt: Mama, was bedeutet dieses Wort? Was heißt das?
Sprache muss man Schritt für Schritt lernen, sowohl die Muttersprache, als auch Fremdsprachen. Um sich ausdrücken zu können, lernt man neben Vokabeln auch Grammatik. Bei der Muttersprache fällt uns das noch leicht. Es ist die Sprache, die uns im Alltag begleitet, die uns sozusagen in die Wiege gelegt wurde.
Bei einer Fremdsprache wird es schon schwieriger. Mühevoll lernt man Vokabel für Vokabel, und müht sich mit der Grammatik ab. Hat man das Gefühl sich einigermaßen ausdrücken zu können in der Sprache, stößt man immer wieder auf Hindernisse.
Den vermeintlichen „wood way“ wird der Engländer wohl eher nicht verstehen, wenn wir im Deutschen tatsächlich auf dem Holzweg wären.
Möchte man ein Bild auf eine Wand projizieren, verwendet man einen Beamer. Die Schreibweise und Aussprache des Wortes lassen darauf schließen, dass dieses Wort aus dem Englischen kommt. Hört der Engländer allerdings das Wort Beamer oder Bimmer, beide werden gleich ausgesprochen, denkt er an die Automarke BMW. Also eine weitere Stolperfalle, vor allem im Englischen: Nicht alles, was sich englisch an hört, ist es auch, beziehungsweise hat nicht dieselbe Bedeutung wie im Englischen.
 
Sprache heißt also nicht nur Wort für Wort zu übersetzen, sondern es kommen zum Beispiel noch kulturelle Aspekte dazu.
Manche Wörter gibt es in der einen Sprache, in der anderen aber nicht. Das sagt viel über die Kulturen aus. Im Deutschen haben wir zum Teil für ausländische Traditionen keinen Namen, weil
diese nicht in der deutschen Kultur verankert sind. Oftmals werden dann die Begriffe aus der Fremdsprache in ähnlicher Form übernommen.
Doch nicht nur Fremdsprachen bereiten manchen Schwierigkeiten. Auch in der deutschen Sprache gibt es Unterschiede, beispielsweise die unterschiedliche Verwendung von Sprache bei Männern und Frauen. Beide, sowohl Männer als auch Frauen, sprechen deutsch, und verwenden die Sprache doch unterschiedlich.
Nach der amerikanischen Professorin Robin Lakoff äußern Frauen ihre Wünsche häufig als Frage. Männer dagegen treten in Gesprächen eher selbstsicher auf und formulieren Aussagen statt Fragen. Dieser Unterschied in der Verwendung der Sprache von Frauen und Männern gilt als typisch, trifft aber natürlich nicht auf alle zu. Nach Oliver Schumacher, der Sprechwissenschaften studierte, ist für das Verhalten in der Kommunikation allerdings nicht primär das Geschlecht verantwortlich, sondern das soziokulturellen Geschlecht, die Rolle, die eine Person annimmt. Die Rollenverteilung wird durch Werte, Normen und Erziehung beeinflusst.
Für die bestimme Verwendung von Sprache ist aber nicht nur das Geschlecht ein beeinflussender Faktor, sondern auch der soziale Schicht, Bildungsgrad und der Einfluss von den Menschen in unserem Umfeld.
Wenn jemand eigentlich mit Dialekt spricht, sich aber die Hochdeutsche Sprache angewöhnt hat, wird er doch wieder mit Dialekt sprechen, wenn seine Mitmenschen es auch tun. Dies ist ein natürlicher Anpassungsprozess, der sich auch auf weiteren Gebieten erstreckt.
 
Sprache ist der Weg seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Und trotz allen Missverständnissen, ist es doch der Weg, der Nähe und Vertrautheit schafft zu den Mitmenschen. Und falls Sprache ein Hindernis darstellt, ist der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen immer noch das Lächeln.
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